FernUniversität in Hagen · Helmut Elbers
Sozialwissenschaftliches Arbeiten
Vollständige vorlesbare Textfassung des 106-seitigen PDFs
Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften · S002722097 · V1.0 · 25501-01-S#1
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung und des Nachdrucks, verbleiben bei der FernUniversität. Das Werk darf gemäß § 53 UrhG im privaten Rahmen zum Beispiel durch Kopien oder digitale Speicherung vervielfältigt werden.
Vorwort
Ein Studium aufzunehmen bedeutet, sich inhaltlich, sprachlich, sozial und arbeitstechnisch einen neuen Themenbereich zu erschließen. Sie haben sich für den Bachelor-Studiengang „Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaft, Soziologie“ (B.A. PVS) an der FernUniversität in Hagen und damit für die Sozialwissenschaften als Ihr bevorzugtes Interessengebiet entschieden. Die Lerneinheit „Sozialwissenschaftliches Arbeiten“ stellt ein zentrales Element im Einführungsmodul dieses Studiengangs dar.
Sozialwissenschaftliches Arbeiten wird in dieser Lerneinheit als eine umfassende Tätigkeit angesehen, die das Forschen, das Kommunizieren und das Lehren und Lernen in diesem Bereich umfasst. Es geht darum, wie man recherchiert, bibliographiert, lernt oder Hausarbeiten verfasst, also um das Handwerkszeug von Sozialwissenschaftler*innen. Aber diese Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben, das ist kein Selbstzweck. Daher steht ebenso sehr ein zweiter Aspekt im Fokus: sich die sozialwissenschaftliche Welt zu erschließen. Dazu gehört, die Kommunikationswege und -strategien zu kennen und zu wissen, wer sich darin wie einbringen kann. Ebenso wichtig ist es zu wissen, wie sozialwissenschaftlich geforscht wird und wie die Forschungsergebnisse produziert, geprüft und publiziert werden. Und nicht zuletzt befinden Sie sich, zusammen mit den Lehrenden im Studiengang, in einem Lehr- und Lernprozess, dessen Anforderungen und Möglichkeiten hier vorgestellt werden.
Der B.A. PVS deckt ein ganz breites Spektrum der Sozialwissenschaften ab, namentlich die Politikwissenschaft, die Verwaltungswissenschaft und die Soziologie. Alle Themenbereiche werden in den illustrierenden Beispielen möglichst gleichrangig angesprochen, um den Studieneinstieg für alle spannend zu gestalten, gleich welche Fachpräferenz Sie eventuell schon haben. Sollten Sie ganz offen ohne eine bevorzugte Disziplin das Studium aufnehmen, bekommen Sie erste inhaltliche Einblicke in alle Bereiche.
Der Autor, Helmut Elbers, beschäftigt sich seit mehr als zwanzig Jahren mit der Frage, wie Studierende an die Sozialwissenschaften herangeführt werden. Das erste Ergebnis dieser Tätigkeit war der Band „Studium und Arbeitstechniken der Politikwissenschaft“, den er 2003 gemeinsam mit Georg Simonis vorgelegt hat (2. Auflage 2011). Viele Überlegungen und Gedankengänge nahmen hier ihren Ursprung und wurden durch Diskussionen sowohl im Lehrgebiet Internationale Politik – hier sind Susanne Lütz, Georg Simonis, Rouven Maid und Anja Menzel hervorzuheben – und mit den anderen Lehrenden und Studierenden im B.A. PVS vertieft und erweitert. Herzlichen Dank für alle Anregungen, Kommentare und Unterstützung, auch an diejenigen, die hier namentlich nicht genannt sind und die zum Gelingen dieses Textes beigetragen haben!
Hagen, im November 2022
Prof. Dr. Susanne Lütz Dr. Helmut Elbers
1 Einleitung
Jeder Beruf hat seine spezifischen Werkzeuge und Arbeitstechniken, setzt bestimmtes Wissen über die Gegenstände voraus, die bearbeitet werden, und hat Standards, an denen sich die Berufsangehörigen orientieren. Sie haben sich mit der Aufnahme des Bachelor-Studiums Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaft, Soziologie (= B.A. PVS) an der FernUniversität in Hagen entschieden, sich einen Wissenschaftsbereich zu erarbeiten, der mehrere Gegenstände, eigenständige Methoden und Arbeitstechniken und eine spezifische theoretische Fundierung umfasst. Diese grundlegende Trias werde ich Ihnen in diesem Kurs nahebringen.
Die Sozialwissenschaften umfassen die wissenschaftlichen Disziplinen, „die sich mit der Ordnung und Organisation des menschlichen Zusammenlebens beschäftigen“ (Lehner. 2011: S. 14). In diesem Text werden wir die Soziologie, die Verwaltungswissenschaft und die Politikwissenschaft darunter fassen, da diese Trias im B.A. PVS an der FernUniversität in Hagen zusammen gelehrt wird. Zu den Sozialwissenschaften zählt man aber auch die Wirtschaftswissenschaften, die Sozialpsychologie und die Ethnologie, teils auch die Soziale Arbeit und die Sozialpädagogik oder die Pädagogik. Die einzelnen Teilbereiche unterscheiden sich nach dem konkreten Gegenstand, den sie untersuchen. So nimmt die Politikwissenschaft die Politik in den Fokus, die Wirtschaftswissenschaft die Ökonomie und die Verwaltungswissenschaft die Verwaltungen. Der Gegenstand der Soziologie ist schwerer zu fassen. Es sind alle gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse sowie das soziale Handeln. Die Abgrenzung der Soziologie von anderen Sozialwissenschaften erfolgt durch die Auffassung, dass Menschen nicht als isolierte Individuen existieren, sondern in erster Linie soziale Wesen sind. Dadurch legt die Soziologie ihren Fokus auf die Suche nach überindividuellen Einflussgrößen oder entpersonalisierten Kontextbedingungen – den sozialen Strukturen der Gesellschaft (Henecka. 2015: S. 34; Lehner. 2011: S. 44–45).
Der ersten, rudimentären Annäherung an die Teildisziplinen muss auch ein erster Versuch folgen zu klären, was Wissenschaft ist. Nähern wir uns von zwei Seiten: Erstens ist Wissenschaft „ein ausdifferenzierter gesellschaftlicher Bereich, in dem arbeitsteilig und systematisch Wissen erzeugt wird“ (Pfetsch. 1995: S. 19). Mit der Immatrikulation an einer Universität sind sie diesem gesellschaftlichen Bereich beigetreten. Neben Universitäten und Fachhochschulen gehören auch Forschungsinstitute, Think Tanks, Forschungsgesellschaften wie die Leibniz-Gemeinschaft und viele mehr in diesen gesellschaftlichen Bereich. Neben der Wissenschaft als gesellschaftlichem Teilsystem (ausführlich: Luhmann. 2015) kann man sie zweitens auch handlungsorientiert definieren. Wissenschaftler*innen forschen, lehren und denken über ihre Gegenstände nach. Dabei verknüpfen sie empirisch erfahrbare Sachverhalte systematisch und nutzen dabei ihr geschultes Auge und ihr Spezialwissen, um Zusammenhänge zu erkennen, die über das Alltagswissen hinaus gehen (vgl. Krippendorff. 1986: S. 25).
Beide Aspekte von Wissenschaft werden in diesem Kurs angesprochen. Der Aspekt des persönlichen wissenschaftlichen Handelns steht im Kapitel 2 „Sozialwissenschaften als Forschungsprozess“ im Vordergrund. Es geht darum, wie aus Erkenntnissen über Forschungsgegenstände Theorien werden, wie diese Theorien wiederum mit der Empirie, d. h. dem Wissen, das aus systematischen Beobachtungen, Messungen, Experimenten oder anderen Wegen der Gewinnung von Erfahrungen verknüpft werden. Es geht um die Forschungslogik und ganz konkret um Vorgehensweisen, die Sie später im Studium nutzen können.
Wenn wissenschaftliche Ergebnisse erzielt wurden, stellt sich die Frage: Wie bringt man diese in das System Wissenschaft ein? Das Wissenschaftssystem ist auch ein Kommunikationsprozess. Arbeitsteiliges Arbeiten, um Wissen zu erwerben, ist nur mit extensiver Kommunikation zwischen den Wissenschaftler*innen, ihren Auftraggeber*innen und ihren Zielgruppen möglich. Forscher*innen stützen sich auf Wissen, dass andere erarbeitet, erworben und publiziert haben und veröffentlichen die eigenen Ergebnisse, auf die sich wieder andere Menschen beziehen, sei es für die weitere wissenschaftliche Forschung, für gesellschaftliche Innovationen, Verbesserungen in der Verwaltung oder politische Entscheidungen (um in der Fachtrias zu bleiben). Diesem sozialwissenschaftlichen Kommunikationsprozessen widme ich mich in Kapitel 3.
Im Kapitel 4 wird es dann sehr konkret: Die Sozialwissenschaften konstituieren einen Lehr und Lernprozess, gerade an Universitäten. Worauf Sie dabei achten sollten, welche konkreten Techniken der Präsentation ihrer Ergebnisse Sie erlernen und zum Ende des Studiums hin beherrschen sollen, das wird in diesem Kapitel angesprochen.
Insgesamt soll dieser Kurs sowohl die wissenschaftlichen Grundlagen für ein erfolgreiches sozialwissenschaftliches Studium legen, als auch die Arbeitstechniken vermitteln, die anzuwenden sind, um wissenschaftlich zu arbeiten. Das Ganze soll praxisorientiert und häufig beispielbezogen präsentiert werden, so dass erste Anwendungsfelder erschlossen werden können.
2 Sozialwissenschaften als Forschungsprozess
Menschen sind auf andere Menschen angewiesen, um zu überleben. Kaum ein Lebewesen hat eine derart lange Kindheit, in der Schutz benötigt wird und sehr viel mehr gelernt wird, als zum bloßen Überleben und zur Reproduktion der Art notwendig ist. Hierzu haben sich seit frühester Zeit Sozialstrukturen herausgebildet, in denen Aufgaben geteilt werden, der Zusammenhalt gepflegt und für das gemeinsame Wohlergehen gesorgt wird. Der Mensch ist ein soziales Wesen bzw. „das Tier mit dem höchsten Anteil sozial-kulturell weitergegebener Lebensantriebe“ (Pries. 2016: S. 37). Während die ersten sozialen Strukturen klein und räumlich begrenzt waren (Familie, Clan), haben sich im Lauf der Geschichte immer komplexere Sozialstrukturen herausgebildet, in denen viel mehr Menschen auf größerem Raum oder in großen Distanzen – teilweise global – organisiert sind. Mit diesen komplexen Sozialstrukturen bildete sich auch das Verlangen heraus, diese zu verstehen, zu regeln oder zu verbessern. Gelehrte wie Platon und Aristoteles, Thukydides und Ibn Khaldun, Thomas von Aquin und Thomas Hobbes schrieben ihre Gedanken dazu nieder, und es entstanden bedeutende philosophische, theologische oder historische Werke, auf die sich die Sozialwissenschaften beziehen.
Aber sind diese Werke und Autoren den Sozialwissenschaften zuzurechnen? Wenn man Sozialwissenschaft als systematische, methodische Gewinnung von Erkenntnissen über die Ordnung und die Organisation menschlichen Zusammenlebens begreift, dann muss man dies größtenteils verneinen. Man kann zwar sehen, dass zum Beispiel Thukydides im Peloponnesischen Krieg (435 bis 410 v.d.Z.) viele historische Ereignisse oder Reden dokumentiert und als Belege für seine Argumentation heranzieht. Aber: Das Buch besteht zu etwa einem Viertel aus Reden, und der Autor selber spricht von der Schwierigkeit, diese „unter möglichst engem Anschluss an den Gesamtsinn des wirklich Gesagten“ (Thukydides 1,22,1) wiederzugeben. Eine solche Nachdichtung ist nach heutigen Standards kaum als sozialwissenschaftlich zu bezeichnen. Von seiner Fragestellung her, seinem Interesse an allgemeinen politischen Strukturen und Gesetzmäßigkeiten, könnte man Thukydides nach heutigen Maßstäben dennoch als „systematischen Politikwissenschaftler“ ansehen (Reese-Schäfer. 1998: S. 39). Ein Jahrhundert später muss bei Aristoteles „das Bild vom besten Staat eine empirische, keine abstrakt-philosophische Grundlage haben“ (Fenske u.a. 1996: S. 82) und unterscheidet sich durch diese systematische Herangehensweise stark von seinen Vorgängern:
„Er ist der erste, der wie ein Professor schreibt: seine Abhandlungen sind systematisch, seine Diskussionen in Kapitel eingeteilt; er ist ein echter Lehrer, kein inspirierter Prophet. Er arbeitet kritisch, sorgfältig, trocken, ohne jede Spur von bacchischem Enthusiasmus.“ (Russell. 1999: S. 183)
Dies sind alles wichtige Schritte hin zu den Sozialwissenschaften, wie wir sie heutzutage verstehen. Aber bis in die Neuzeit hinein finden sich vielfach philosophisch-theologische Überlegungen, die zum Beispiel eine rechte, christliche Ordnung proklamieren, denen aber an Wissenschaftlichkeit im heutigen Verständnis mangelt. So rezipieren wir heutzutage von Thomas Hobbes Leviathan die ersten beiden Teile (Vom Menschen und Vom Staat), aber kaum noch die Teile 3 und 4 (betitelt: Vom christlichen Staat und Vom Reich der Finsternis; Hobbes. 2011). Dennoch: Die genannten Autoren haben Werke geschaffen, die zur Fundierung der Sozialwissenschaften beigetragen haben. Aber wodurch zeichnet sich das heutige Verständnis der Sozialwissenschaften aus? Man kann vier Bereiche identifizieren, die für die Sozialwissenschaften maßgeblich sind: die Gegenstände, die sie untersucht, die Theorien und Methoden, um systematisch untersuchen zu können, und die grundsätzliche Herangehensweise an das wissenschaftliche Arbeiten (s. Abbildung 1).
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Im Zentrum steht Sozialwissenschaft. Die vier umgebenden Bereiche heißen Gegenstände, Methoden, Herangehensweisen und Theorien.
Quelle: Eigene Darstellung.
2.1 Die Gegenstände: Gesellschaft, Politik und Verwaltungen
Der grundsätzliche Gegenstand aller Sozialwissenschaften ist das geordnete und organisierte Zusammenleben der Menschen. Da dies aber sehr breit ist und viel umfasst, haben sich in den letzten anderthalb Jahrhunderten viele Wissenschaftsdisziplinen herausgebildet, die ihren Gegenstand enger fassen. Drei davon studieren Sie bei uns an der FernUniversität im B.A. PVS: Politikwissenschaft, Soziologie und Verwaltungswissenschaft. Was sind nun deren Gegenstände, wie grenzen sich die Disziplinen voneinander ab, welche Gemeinsamkeiten gibt es?
Soziologie: die Wissenschaft von der Gesellschaft
Beginnen wir mit der Soziologie. Das Wort selbst ist ein vom französischen Gelehrten Auguste Comte 1838 eingeführter Neologismus aus socius, socialis (lateinisch: gemeinsam, gesellig) und logos (griechisch: Sinn, Vernunft). Übersetzt wird Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft. Aber Gesellschaft kann viel bedeuten: Von großen Räumen wie der Welt-Gesellschaft, wie sie Immanuel Wallerstein in einer langen historisch-soziologischen Perspektive untersuchte, über nationale Gesellschaften (man denke zum Beispiel an die wirkmächtige Untersuchung der deutschen Gesellschaft unter dem Titel Risikogesellschaft von Ulrich Beck) bis hin zu Geheimgesellschaften wie den Freimaurern. Der Soziologe Thomas Schwietring betitelt seine Einführung in die Soziologie mit Was ist Gesellschaft? (Schwietring. 2020). Er nähert sich dem Begriff von und auf vielen Seiten, bekennt aber schon zu Beginn des Buches:
„Um eine sozialwissenschaftliche Definition (von Gesellschaft, H.E.) wird seit der Entstehung dieser Disziplin (der Soziologie, H.E.) im 19. Jahrhundert gerungen, ohne dass es gelungen wäre, diesen Begriff, den jeder im Alltag zu verstehen scheint, umfassend und eindeutig zu bestimmen“ (Schwietring. 2020: S. 20).
Aber: Ihr Alltagsverständnis von Gesellschaft reicht an diesem Punkt aus, um zu verstehen, womit sich die Soziologie beschäftigt. Daher belassen wir es hierbei. Im weiteren Studium werden Ihnen unterschiedliche, teils komplexe Gesellschaftsbegriffe begegnen, die über das Alltagsverständnis hinaus gehen.
Allerdings untersucht die Soziologie nicht nur die Gesellschaft als Ganzes, sondern auch Teilgesellschaften. Diese Untersuchungsgegenstände geben dann den entsprechenden Soziologien den Namen: von der Arbeitssoziologie über die Kunst- und Religionssoziologie bis hin zur Wissenssoziologie ist so ziemlich alles dabei (Kneer und Schroer. 2010). Eine dieser speziellen Soziologien, die Organisationssoziologie, stelle ich hier kurz vor, weil sich daran die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die Schnittmengen der drei Wissenschaftsdisziplinen, die alle auch das soziale Handeln in Organisationen untersuchen, gut herausarbeiten lassen (Abbildung 2) .
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Drei sich überschneidende Kreise stehen für Verwaltungswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft. Die gemeinsame Schnittmenge ist beschriftet mit „Soziales Handeln in Organisationen“.
Quelle: Eigene Darstellung.
Organisationen und die Organisationssozologie
Beginnen wir mit dem Gegenstand der Organisationssoziologie, den Organisationen:
„Organisationen sind soziale Einheiten (oder menschliche Gruppenbildungen), die mit dem Zweck errichtet wurden, spezifische Ziele zu erreichen.“ (Etzioni. 1973: S. 12)
Der Gegenstand ist also breit gefächert und umfasst Unternehmen, Schulen, Verwaltungen, Parteien, Kirchen, Universitäten oder Sportvereine. Etzioni führt noch drei Merkmale an, die Organisationen besitzen: Erstens arbeiten sie arbeitsteilig, mit Machtteilung und Delegation von Verantwortung. Zweitens existieren Machtzentren, von denen aus Organisationen gesteuert und kontrolliert werden. Drittens ersetzen Organisationen schlechtere Arbeitskräfte durch bessere; es geht darum, durch Entlassung, Versetzung und Beförderung die Leistung der Organisation zu verbessern (vgl. Etzioni. 1973: S. 12). Insgesamt werden Organisationen von der Organisationssoziologie in ihrer Beziehung zur Gesellschaft oder von Teilen davon bzw. auf die gegenseitigen Wirkungen hin untersucht (Endruweit. 2004: S. 8).
Öffentliche Verwaltung und Verwaltungswissenschaft
Die Verwaltungswissenschaft hat dahingehend einen enger gefassten Gegenstand: die öffentliche Verwaltung. Auch dieser alltägliche Begriff ist wissenschaftlich nicht leicht zu fassen (s. Bohne. 2018: S. 2–21; Möltgen-Sicking und Winter. 2018: S. 2–16), aber wiederum reicht das Alltagsverständnis aus, um zu verstehen, dass öffentliche Verwaltungen eine Teilmenge der Organisationen sind, die von der Organisationssoziologie wissenschaftlich analysiert werden. Andersherum untersucht die Verwaltungswissenschaft ihren Gegenstand auch aus einer bestimmten Perspektive, die eben nicht ausschließlich soziologisch den Blick auf die sozialen Binnen- und Außenbeziehungen richtet, sondern auch auf die Funktionsweise, die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Aspekte der öffentlichen Verwaltung sowie die Verwaltungsreform. Die Verwaltungswissenschaft analysiert dabei im Wesentlichen, wie Entscheidungen (Gesetze, Erlasse, Verordnungen usw.) umgesetzt werden und weniger, wie sie entstehen. Dabei geht es um Legalität, Effizienz oder Effektivität der Verwaltung (Bogumil und Jann. 2020: S. 55).
Wenn es um den Aspekt der Entscheidung geht, kommt die Politikwissenschaft ins Spiel. Allgemeiner formuliert ist Politik [Fußnote 1]:
Politik und die Politikwissenschaft
„Soziales Handeln, das auf Entscheidungen und Steuerungsmechanismen ausgerichtet ist, die allgemein verbindlich sind und das Zusammenleben der Menschen regeln“ (Bernauer u.a. 2013: S. 24).
Jede Entscheidung – und auch das „Aussitzen“, das „Weiter-so“ fallen darunter – muss dabei vorbereitet werden, indem unterschiedliche Optionen abgewogen und aus ihnen, wie auch immer, ausgewählt wird. Somit ist Politik in demokratischen, offenen Gesellschaften „wertendes Streiten vor verbindlichem Entscheiden“ (Eppler. 1998: S. 66). Gründe für die zur Auswahl stehenden Optionen müssen hervorgebracht werden, damit eine bewusste Wahl getroffen werden kann und die Entscheidungen legitimiert werden. Dann wird entschieden, sei es von einer Legislative (Parlament), Präsident*innen oder Bürgermeister*innen. Im letzten Schritt wird die Entscheidung implementiert; zumeist sind hierfür Verwaltungen oder Bürokratien zuständig (Rüb. 2020b: S. 69–70).
Die Politikwissenschaft schaut sich also eine bestimmte Form des sozialen Handelns – Politik – an, während die Soziologie das gesamte soziale Handeln zum Gegenstand hat. Sowohl die Politikwissenschaft als auch die Verwaltungswissenschaft haben demzufolge einen enger gefassten Gegenstand als die Soziologie, wodurch sie sich abgrenzen. Politik findet wiederum innerhalb und außerhalb von Organisationen und öffentlichen Verwaltungen statt. Der Gegenstand der Politikwissenschaft überschneidet sich also nur teilweise mit denen der Verwaltungswissenschaft oder der Soziologie. Ein wesentliches Element der politikwissenschaftlichen Sichtweise auf demokratische Ordnungen ist dabei die Legitimität (= Rechtmäßigkeit; Anerkennungswürdigkeit) der Entscheidungen. Wurden gute Argumente vorgebracht? Haben die richtigen Personen, Gremien oder Organe die Entscheidungen getroffen? Wurden alle beteiligt, die ein Mitspracherecht oder -bedürfnis haben? Wurde konsensual entschieden oder hat eine Gruppe ihre Macht genutzt, um sich durchzusetzen? Wurden die Verfahrenswege eingehalten? All diese Fragen beschäftigen sich mit Aspekten der Legitimität, und in Bezug auf die öffentlichen Verwaltungen erlaubt es die politikwissenschaftliche Perspektive, auf diese Fragen Antworten zu finden.
Somit gibt es neben den unterschiedlich definierten Gegenständen auch unterschiedliche Blickwinkel, mit denen soziales Handeln in Organisationen oder in öffentlichen Verwaltungen betrachtet wird. Während ein Element einer politikwissenschaftlichen Sichtweise die Legitimität des Handelns ist, analysiert die Soziologie Strukturen und Funktionen. Die Politikwissenschaft und die Soziologie legen ihr Augenmerk weniger auf Effizienz und Effektivität – hier kommt die Verwaltungswissenschaft ins Spiel.
2.2 Die Theorien
Fachbegriffe
Zu jeder Wissenschaftsdisziplin gehören notwendigerweise bestimmte Fachtermini, die sie entweder exklusiv oder anders als in der Umgangssprache verwendet. Ein wissenschaftlicher Fachbegriff ist dabei, neben der reinen Begriffsbedeutung, immer noch mit mehreren Bedeutungsebenen verknüpft. Nehmen wir ein fachfremdes Beispiel: Wenn man in der Umgangssprache sagt, jemand sei zuckerkrank, wird man einige Assoziationen haben: Die Person muss z. B. regelmäßig den Blutzuckerspiegel messen oder Insulin spritzen. Ein geschulter Arzt wird den Fachterminus Diabetis mellitus, eventuell ergänzt durch den Typ 1 oder 2, direkt mit unterschiedlichen Symptomen, Vorstufen und Ursachen, erwartbaren Verläufen sowie Möglichkeiten der Heilung und Linderung der Krankheit verbinden (Kahneman. 2012: S. 13). So geht es auch Sozialwissenschaftler*innen. Ein Beispiel ist der auch umgangssprachlich verwendete Begriff der Kommunikation: Die Oma kommuniziert mit ihren Enkel*innen, mittlerweile bevorzugt per Messengerdienst. Hiervon unterscheidet sich die Bedeutung in den Wissenschaften, in denen Kommunikation auf unterschiedlichen Ebenen verwendet wird (z. B. in der Informatik oder Gentechnik). Die Sozialwissenschaften haben wiederum eigene Kommunikationsbegriffe. So werden, neben der reinen Informationsvermittlung vom Sender zum Empfänger, auch Prozesse in den Blick genommen, in denen sich Menschen in Beziehung setzen und verständigen (Scherr. 2018: S. 229). Während also beim obigen Oma- und Enkel-Beispiel die Informatikerin direkt die Codierung der Unterhaltung oder die technischen Übertragungswege inklusive der Datenspeicherung mitdenkt, schwingen beim Soziologen die familiäre Struktur und die Generationenproblematik, die diesen sozialen Prozess der Kommunikation mitgestalten, mit. Fachsprachen geben also Begriffen bestimmte Bedeutungen. Wenn Sie Fachtexte lesen, bedenken Sie bitte, dass oftmals auch umgangssprachlich verwendete Begriffe mit besonderen Lesarten aufgeladen sind.
In den Sozialwissenschaften sind diese Lesarten stark von den Theorien beeinflusst, die das Fundament der wissenschaftlichen Disziplin bilden. Wissenschaft ist ein arbeitsteiliger, intersubjektiv nachvollziehbarer und daher abstrahierend Wissen erzeugender Vorgang. Andere Wissenschaftler*innen haben Themenstellungen bearbeitet und Verfahren entwickelt, wie man bestimmte Gegenstände betrachten, erfassen und deuten kann. Genau dies ist die altgriechische Wurzel des Wortes „Theorie“: Anschauen bzw. Betrachtung. Eine wissenschaftliche Theorie ist im modernen Verständnis ein
Definition: Theorie
„sprachliches Gebilde, das in propositionaler oder begrifflicher Form die Phänomene eines Sachbereiches ordnet und die wesentlichen Eigenschaften der ihm zugehörigen Gegenstände und deren Beziehungen untereinander … beschreib[t], allgemeine Gesetze für sie herzuleiten sowie Prognosen über das Auftreten bestimmter Phänomene innerhalb des Bereiches aufzustellen ermöglicht“ (Thiel. 2018: S. 20).
Erklärung und Prognose sind dabei die entscheidenden Ziele bei der Aufstellung von Theorien (Thiel. 2018: S. 26). Gesetze spielen – im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, z. B. die Gesetze der Mechanik in der Physik – in den Sozialwissenschaften eine untergeordnete Rolle. Wissenschaftler*innen versuchen in ihren Theorien, vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen: die induktive Vorgehensweise. Der entgegengesetzte Weg ist auch möglich: vom Allgemeinen auf das Besondere zu schließen, das heißt deduktiv vorgehen. Während die Deduktion eher erklärenden Charakter hat, sind mit der Induktion Prognosen auf wahrscheinliche Ergebnisse erzielbar, wie das folgende Beispiel zeigt.
Deduktiver Schluss vom Allgemeinen zum Besonderen Alle Vögel haben Federn. Dieses Tier hat Federn. Also ist dieses Tier ein Vogel.
Induktiver Schluss vom Besonderen zum Allgemeinen Alle bisher beobachteten Vögel hatten Federn. Also haben wahrscheinlich alle Vögel Federn.
In Theorien werden oftmals auch induktive und deduktive Vorgehensweisen verknüpft, um einen Sachverhalt möglichst gut zu erklären. Eine dritte Form des wissenschaftlichen Schließens ist die Abduktion: Für einen erklärungswürdigen Sachverhalt wird mittels dem verfügbaren Hintergrundwissen eine Hypothese formuliert, die diesen bestmöglich erklären soll. Bewährt sie sich, wird sie als gültig oder wahr erklärt. Man versucht, sich der bestmöglichen Theorie, die den Sachverhalt am Wahrscheinlichsten erklärt, zu nähern (vgl. Astleitner. 2011: S. 104–105). Oder, wie der Wissenschaftsphilosoph Karl R. Popper es bildhaft ausdrückte:
„Die Theorie ist das Netz, das wir auswerfen, um ‚die Welt‘ einzufangen – sie zu rationalisieren, zu erklären und zu beherrschen. Wir arbeiten daran, die Maschen des Netzes immer enger zu machen“ (Popper. 1973: S. 31).
Um beim Bild des Fischernetzes zu bleiben: Es gibt nicht ein Netz, mit dem man alle Fische fangen kann. Für tiefere Gewässer benötigt man andere Netze als für flache. Und wenn man nur dicke Fische fangen und den Beifang reduzieren will, sind zu enge Maschen zu vermeiden. So sind auch sozialwissenschaftliche Theorien anhand ihres jeweiligen Gegenstands angemessen zu formulieren oder auszuwählen. Also: Je nach Gegenstand, Themengebiet, Tatbestand oder Untersuchungsziel sind unterschiedliche Theorien notwendig, um die Überlegungen zu inspirieren, zu leiten und gültige Ergebnisse zu gewinnen.
Allerdings gibt es gerade in den Sozialwissenschaften für ein Forschungsobjekt häufig viele, sich ergänzende oder widersprechende theoretische Ansätze. Dies kann verwirrend sein, hat aber einen großen Vorteil, den der der Nobelpreisträger Herbert A. Simon ausspricht:
„I am a great believer in pluralism in science. Any direction you proceed has a very high a priori probability of being wrong; so it is good if other people are exploring in other directions – perhaps one of them will be on the right track“ (Simon. 1992: S. 21).
Somit gibt es mittlerweile eine große Menge an sozialwissenschaftlichen Theorien, die man unterschiedlich ordnen oder klassifizieren kann. Es folgt ein erstes Angebot, damit Sie sich auf diesem Terrain zurechtfinden.
Theorien sind Wissensspeicher
Vorher ist aber noch ein Aspekt von Theorien wichtig: Sie speichern in komprimierter Form das bisher – von anderen oder von einem selbst – erarbeitete Wissen. Der Soziologe Robert K. Merton benutzte (und untersuchte) dabei das Bild, dass wir alle auf den Schultern von Riesen stünden und nur deshalb ein wenig weiter sehen könnten als diese (Merton. 1980). Gerade in der konkreten Forschung ist dieser Sachverhalt bedeutsam:
„Theorien sind um so leistungsfähiger, je mehr sie in der Lage sind, Daten, die empirisch erhoben werden müßten, durch theoretisch begründete Annahmen zu ersetzen“ (Scharpf. 2000: S. 75).
Wenn man zum Beispiel untersuchen will, warum die Piratenpartei im Deutschland der 2010er Jahre erfolgreich war, sich aber nicht dauerhaft etablieren konnte, kann man entsprechende Theorien zu den Erfolgsbedingungen und Gründe des Scheiterns neuer und kleiner Parteien nutzen. Die allgemeinen Aussagen hieraus kann man auf den konkreten Fall „Piratenpartei“ übertragen (Mannewitz. 2020: S. 72–73). Es reicht also aus, Daten zum konkreten Fallbeispiel zu erheben; als Hintergrund dienen die theoretisch begründeten Annahmen und Daten aus vorherigen Untersuchungen.
2.3 Die Herangehensweise: Kritischer Rationalismus
„Theorien sind nicht verifizierbar, aber sie können sich bewähren“ (Popper. 1973: S. 198).
Hauptströmung in der Forschung
In den Sozialwissenschaften hat sich der vom österreichisch-britischen Philosophen Karl R. Popper begründete Kritische Rationalismus als eine dominante Herangehensweise an die Wissenschaft durchgesetzt. Das heißt, „dass die übergroße Mehrheit der in diesen Disziplinen Forschenden und Lehrenden nach der Logik des Kritischen Rationalismus forscht“ (Egner. 2019: S. 21). Es gibt Alternativen dazu (eher historisch: Rationalismus, Empirismus, Idealismus, Positivismus; modern: Poststrukturalismus, Postmodernismus, Konstruktivismus; s. knapp und verständlich: Egner. 2019: S. 15–24), die im weiteren Verlauf des Studiums angesprochen werden. Doch hier konzentriere ich mich auf die Hauptströmung: Sozialwissenschaften als im Kern empirische Wissenschaften.
Entscheidend: Bewährung an der Realität
Der Kritische Rationalismus zeichnet sich durch seinen Realitätsbezug aus. Eine Theorie muss bestimmte Kriterien erfüllen: logisch und widerspruchsfrei, plausibel und überzeugend – aber sie ist „nichts wert, wenn sie sich in der Realität nicht bewährt“ (Egner. 2019: S. 19). Somit sehen kritische Rationalisten Theorien nicht dauerhaft als wahr oder richtig an. Selbst wenn Ansichten sich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte lang halten, wie das Ptolemäische Weltbild, das die Erde als Zentrum des Universums ansieht, heißt dies noch lange nicht, dass sie stimmen. Aber eine Theorie kann sich bewähren, wie Popper (1973: S. 198 ff.) es formulierte. Bewähren heißt, möglichst strengen Prüfungen standhalten. „Eine Theorie kann sich um so besser bewähren, je besser sie nachprüfbar ist“ (Popper. 1973: S. 214). Für die Forschungspraxis bedeutet dies, dass komplexere Theorien zur Überprüfung in kleinere Bestandteile zerlegt werden. Man bildet Hypothesen: forschungsleitende Aussagen „über den Zusammenhang zwischen mindestens zwei Phänomenen“ (Egner. 2019: S. 25). Ihre Struktur ist die einer (1) „Wenn-dann“- oder einer (2) „Je-desto“-Aussage.
Wenn-dann-Hypothesen
Bei (1) folgt aus dem Auftreten einer Ursache (Wenn-Komponente) entweder immer oder aber mit einer gegebenen Wahrscheinlichkeit (z. B. in mehr als 90 Prozent der Fälle), dass die Folge (Dann-Komponente) eintritt. Beispiel: Wenn eine Partei die absolute Mehrheit der Sitze im Bundes- oder Landesparlament erhält, dann stellt sie den Bundeskanzler oder Ministerpräsidenten. Bei dieser Formulierung würde es ausreichen, dass es ein einziges Gegenbeispiel gibt, in dem das nicht der Fall ist, um die Hypothese zu widerlegen. Es handelt sich um eine deterministische Hypothese. Folgende Hypothese wäre also durch die Kanzlerschaften von Willi Brandt 1969 und Helmut Schmidt 1976 und 1980 – die SPD war nicht die stärkste Partei – widerlegt: Wenn eine Partei oder Fraktionsgemeinschaft die meisten Sitze im Bundestag hat, dann stellt sie den Bundeskanzler.
Je-desto-Hypothesen
(2) eignet sich, wenn es zumindest eine Rangordnung der Werte beider Elemente oder Variablen gibt. „Ein Zusammenhang liegt dann vor, wenn sich die Werte der einen Variablen in Abhängigkeit von den Werten der anderen Variablen systematisch verändern“ (Westle. 2018a: S. 103). Ein ganz banales Beispiel: Je höher die Umgebungstemperatur, desto stärker schwitzt der Mensch. Oder aus der Politik: Je höher ihr Ergebnis bei der Bundestagswahl ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Partei den Bundeskanzler stellt.
Wissenschaftlicher Fortschritt
Solange man eine Theorie trotz aller Versuche nicht widerlegen – in der Fachsprache: falsifizieren – kann, gilt sie als bewährt. Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht dann evolutionär: Die alte Theorie wird widerlegt. Aufgrund der neuen Erkenntnisse wird eine neue Theorie aufgestellt, deren Elemente wiederum getestet werden. Widerlegte Elemente werden ersetzt oder präziser formuliert; der Wissensbestand vergrößert sich. Allerdings haben viele (Sozial-)Wissenschaftler eine enge Verbindung zu den von ihnen vertretenen Theorien und sehen es ungern, wenn sie widerlegt werden (Egner. 2019: S. 29). Dies korrespondiert mit den Erkenntnissen des Wissenschaftstheoretikers Thomas S. Kuhn (1976), der die These vertritt, dass sich wissenschaftlicher Fortschrift in Schüben vollzieht. Die herrschende Theorie – Kuhn nennt sie Paradigma – ist dominant, weil ihre Vertreter*innen die Mehrheit der Lehrstühle einer Disziplin besetzen. Mit der Zeit werden immer mehr Elemente des herrschenden Paradigmas widerlegt, Widersprüche treten auf, und eine neue Generation von Forschenden und Lehrenden vertritt andere Ansichten: Ein neues Paradigma wird formuliert. Die Vertreter*innen des alten lassen sich überzeugen oder sterben aus. Der Paradigmenwechsel wird vollzogen (Egner. 2019: S. 20). Kuhns Erkenntnisse sind dabei mit dem Kritischen Rationalismus kompatibel, der keineswegs von einem linearen Erkenntnisfortschritt ausgeht.
2.4 Der Zusammenhang von Theorie und Methode
„Theorie und Methode sind aufeinander bezogen“ (Beyme. 1994: S. 477).
Mit dieser lapidaren Feststellung beginnt der Politikwissenschaftler Klaus von Beyme seinen Überblicksartikel über Theorie und Methode im „Lexikon der Politik“. Theorien wurden hier schon besprochen, das folgende Unterkapitel behandelt die Methoden. Zunächst jedoch geht es um den Zusammenhang zwischen beiden. Der Begriff „Methode“ wird in den Sozialwissenschaften uneinheitlich verwendet. Erstens kann er allgemein den Gang einer wissenschaftlichen Untersuchung bezeichnen. Das fängt bei der Beobachtung eines bestimmten sozialen oder politischen Phänomens an, zu dem man sich Fragen stellt und untersuchbare Ideen entwickelt, und geht bis hin zur Auswahl eines bestimmten Werkzeugs zu seiner Untersuchung (Churton und Brown. 2010: S. 5). Zweitens, und in diesem Sinne wird der Begriff Methode im Folgenden verwendet, bezeichnet er die konkreten Verfahren der Datenerhebung und Informationsgewinnung sowie der Informationsauswertung oder Datenanalyse. Wie zeigt sich nun, dass Theorie und Methode aufeinander bezogen sind?
Gegeben sei ein größeres Gefäß, in dem sich Erbsen befinden. Sie wollen wissen, wie viele Erbsen sich darin befinden. Sie könnten das Volumen des Gefäßes ermitteln, und da sie aus der Wikipedia (Artikel: „Erbse“) wissen, dass die Samen im Durchmesser zwischen drei und neun Millimeter groß sind, mittels des einfachen Dreisatzes – unter Berücksichtigung der Kugelform der Erbsen – näherungsweise eine Anzahl berechnen. Ein genaueres Ergebnis verspricht allerdings die Methode, die Erbsen zu zählen, was aber nur bis zu einer bestimmten Menge sinnvoll erscheint. Wenn Sie sich aber die Frage stellen, was sie Leckeres aus den Erbsen kochen können, sind die Berechnungen und die Zählung ziemlich sinnlos. Eine Befragung von Expert*innen (erfahrene Köchinnen und Köche) oder das Lesen von Fachlektüre (Kochbuch) sind hier geeignetere Methoden.
Im Erbsenbeispiel zeigt sich schon, dass sich gewisse Methoden besser eignen, um die jeweilige Frage zu beantworten als andere. Wie hier im Kleinen gezeigt, ist es auch in größeren Zusammenhängen. Um der theoretisch von Marx und Engels unterfütterten These nachzugehen, dass die „Geschichte aller bisherigen Gesellschaft … die Geschichte von Klassenkämpfen“ (Marx und Engels. 1977: S. 462) ist, bedarf es einer vollkommen anderen Methode als zu untersuchen, ob es bei Bundestagswahlen wirklich zwei vollkommen unterschiedliche Elektorate – Ost und West – gibt (Mannewitz. 2017). Theorie und Methode sind also aufeinander bezogen. Es gibt Affinitäten, die ich in einem Lehrvideo zum Zusammenhang von Theorie und Methode näher ausführe: https://e.feu.de/theometh. Nicht jede Theorie passt zu jeder Methode, und umgekehrt. Beide, Theorie wie Methode, sind aber in jeder wissenschaftlichen Arbeit notwendig, denn:
„Eine Theorie ohne methodische Überprüfung bleibt nutzlos. Eine Methode ohne Theorie, welche die Entscheidung über einen sinnvollen Einsatz der Methode problematisiert, bleibt steril“ (Beyme. 1994: S. 477).
Beides findet man trotzdem in der sozialwissenschaftlichen Literatur: Theoretische Ausführungen, die sich wenig darum scheren, ob die Theorien auch an der Realität überprüfbar sind, aber den gewieften Methodiker, „der seine ganze Aufmerksamkeit dem Funktionieren seiner methodischen Instrumente widmet“ und die Theorieentwicklung vernachlässigt (Dimbath. 2020: S. 34). Beides gilt es zu vermeiden. Das heißt aber, dass gründliche Kenntnisse in beiden Bereichen, Theorie und Methode, für die sozialwissenschaftliche Arbeit notwendig sind.
2.5 Die Methoden
Datenerhebung und Datenauswertung
Mit den Methoden bewegen wir uns in den Bereich der Empirie, der durch die Sinne erfahrbaren Wirklichkeit. Die Theorien und die daraus abgeleiteten Hypothesen, Annahmen und Vermutungen werden in der Realität dahingehend überprüft, ob sie stimmen, partiell stimmen oder falsch sind. Dazu werden Daten benötigt, also „die zu analysierenden Informationen über soziale Phänomene“ (Diaz-Bone und Weischer. 2015: S. 73). Es gibt zwei Bereiche des methodischen Vorgehens: einerseits wie man Daten erhebt und andererseits wie man Daten auswertet. Diese beiden Aspekte unterscheiden sich jeweils fundamental danach, ob man quantitative Daten (= zahlenmäßig erfassbare, messbare Daten) oder qualitative Daten (= nicht quantifizierbare Daten; sie liegen zumeist in Textform vor) erhoben werden. Bestimmte Methoden lassen sich der jeweiligen Kombination zuordnen (s. Abbildung 3).
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
- Quantitative Methoden – Erhebungsmethoden
- Standardisierte Befragungen, Interviews und Beobachtungen usw.
- Qualitative Methoden – Erhebungsmethoden
- Experteninterviews, Narrative Interviews, teilnehmende Beobachtungen usw.
- Quantitative Methoden – Auswertungsmethoden
- Statistische Verfahren, quantitative Inhaltsanalyse usw.
- Qualitative Methoden – Auswertungsmethoden
- Qualitative Inhaltsanalyse, Hermeneutik, Diskursanalyse, usw.
Quelle: nach Heiser. 2018: S. 26.
Eine Vielzahl von Methoden der Datenerhebung entwickelten und benutzten Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel und ihr Team, um umfassende Daten über „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel. 2020) zu sammeln. Marienthal ist eine abgelegene Gemeinde bei Wien. Der Hauptarbeitgeber, eine Textilfabrik, von dem der Ort abhängig war, musste in der Weltwirtschaftskrise 1929/30 schließen. Es entstand eine „Gemeinschaft …, die in ihrer Gänze arbeitslos“ war (S. 25). Die Forscher*innen nutzten unter anderem: die Bevölkerungsstatistik („Altersaufbau, Geburten und Todesfälle, Eheschließungen, Wanderungsziffern“) und statistische Daten aus den Geschäftsbüchern des Konsumvereins, Entleihungen aus der Bibliothek, Mitgliederzahlen von Vereinen, Wahlergebnisse. 80 Personen füllten Zeitverwendungsbögen aus, „Fragebogen mit Stundenplan über die Art ihrer Beschäftigung während des Tages“ – alles quantitative Daten, die mit statistischen Methoden ausgewertet wurden. Die Übersicht über die erhobenen Daten findet man bei Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel. 2020 auf S. 24–25.
Aber die Forscher*innen gingen noch viel weiter (nach heutigen Datenschutzkriterien viel zu weit). Sie ließen die Kinder in den Volks- und Hauptschulen Aufsätze über die Themen „‘Mein Lieblingswunsch‘, ‚Was will ich werden‘, ‚Was ich mir zu Weihnachten wünsche‘“ schreiben, holten Auskünfte bei Lehrern, Pfarrern und Ärzten ein, ließen sich Lebensgeschichten erzählen, werteten ein Tagebuch aus usw. Hieraus wurden Zitate zur Unterfütterung der Argumentation in die Studie aufgenommen. Insgesamt kommt dieser frühe Versuch, „die Verwendung exakten Zahlenmaterials mit dem Sicheinleben in die Situation“ (S. 24) zu verbinden, dem nahe, was heutzutage als „Mixed Methods“ bezeichnet wird (Kelle. 2019).
2.5.1.1 Qualitative und quantitative Methoden der Datenerhebung
Qualitative Datenerhebung
Einer der Grundgedanken der qualitativen Forschung ist die Offenheit (Krumm. 2018a), die sich in der Datenerhebung darin ausdrückt, dass vielerlei Arten von Daten erhoben werden können: Manifeste und Reden, Videos oder Lieder, Bilder oder Statuen, Kirchenfenster oder Interviews – das alles, und noch viel mehr, kann als Material gesammelt werden und als Grundlage für eine qualitative Datenanalyse dienen. Bei den qualitativen Verfahren der Datenerhebung werden dabei zumeist „sehr detaillierte Informationen über eine meist geringe Anzahl von Einheiten gewonnen …, die dann in der Regel in Textform aufbereitet werden“ (Diaz-Bone und Weischer. 2015: S. 330). Zu den hierbei genutzten Erhebungsverfahren gehören offene, narrative Interviews, die aufgezeichnet und anschließend verschriftlicht werden, um dann als Material für eine Datenanalyse zu dienen. Aber es können auch im freien Forschungsfeld verfügbare Texte, auch aus den neuen Medien (Blogs, Twitter-Nachrichten, die Gruppen-Kommunikation in sozialen Netzwerken), und Materialien zu einem „Datenkorpus“ zusammengestellt und untersucht werden (Akremi. 2019). Hierbei ist wichtig, dass dokumentiert wird, welche Materialen warum in den Datenkorpus aufgenommen werden und welche warum nicht. Nur so lassen sich die Qualitätskriterien sozialwissenschaftlicher Forschung einhalten (s. Kap. 2.6 unten).
Quantitative Datenerhebung
Auch für die Erhebung quantitativer Daten werden Befragungen eingesetzt, allerdings in standardisierter Form. Das Ziel dabei ist, numerische Daten zu gewinnen, die sich statistisch auswerten lassen. Sie kennen das vielfach aus Fragebögen – entweder werden numerische Daten direkt erfragt (Alter, Einkommen) oder aus Skalen (z. B. Schulnotensystem von 1 bis 6) gewonnen, mit denen man bestimmte Sachverhalte oder Einstellungen einstuft. Solche Befragungen können persönlich und direkt durchgeführt werden, per Telefon oder auch internetbasiert.
Primärdaten
Alle qualitativen und quantitativen Daten, die Forscher*innen selbst erheben, sind Primärdaten. Primärdaten zu erheben ist aufwendig, hat aber große Vorteile. Die Datenerhebung kann passgenau auf die gestellte Forschungsfrage erfolgen, d. h. man kann sich sicher sein, mit diesen Daten die Forschungsfragen beantworten zu können. Außerdem hat man selbst die Kontrolle über den Prozess der Datenerhebung und kann daher die Qualität der Daten gut einschätzen. Stärken und Schwächen des Datensatzes kennt man genau und kann die Stärken nutzen und potentielle Fallen vermeiden.
Sekundärdaten …
Aber gerade für Hausarbeiten im Bachelor-Studium kann es aufgrund des geringeren Arbeitsaufwands sehr sinnvoll sein, auf bestehende Daten und Datensätze zurückzugreifen und somit eine Sekundärdatenanalyse durchzuführen. So gibt es seit 1980 die „Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“ (= ALLBUS), die in regelmäßigen Abständen vom GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften durchgeführt wird und kostenlos downloadbar ist. Speziell für Einsteiger*innen in die quantitative Sozialforschung und zu Ausbildungszwecken gibt es dazu die Serie ALLBUScompact (GESIS. 1980-2021). Eine andere Datenquelle sind die Statistikämter, seien sie kommunal, auf Landes- oder Bundesebene oder auf Ebene der EU. Hartmann und Lengerer (2019) zeigen anhand von Mikrozensusdaten, wie man hier vorgehen kann. Auch internationale Organisationen wie die UN mit ihren Unterorganisationen, der IWF und die Weltbank oder die OECD stellen eine Vielzahl von Daten zur Verfügung. Ebenso kann man bei Forschungsinstituten oder Think Tanks vielfältige Datensätze finden. Zwei Beispiele: Das GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften ermöglicht die Suche nach und den Zugang zu archivierten Forschungsdaten aus den Sozialwissenschaften (GESIS. o.J.). Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung beobachtet seit vielen Jahren internationale Konflikte weltweit und stellt dazu jährlich einen Datensatz zusammen, den man kostenlos von der Webseite herunterladen kann (HIIK. 2014-2021).
… und deren Nutzung
Bei fremden Datensätzen ist es zunächst notwendig, sich in ihnen zu orientieren. Wie wurden die Daten erhoben? Welcher Fragebogen wurde verwendet? Wie wurden die Daten vercodet? Welche Daten sind enthalten? Um diese Fragen zu beantworten, ist zuerst ein Blick in die begleitenden Materialen (Fragebögen, Codebook, Informationen über die Erhebungsmethode) hilfreich. In ein Statistikprogramm wie R, SPSS oder Stata eingespielt, sind vielfältige Analysen möglich. Gerade bei umfangreichen Datensätzen wie dem ALLBUS ist es sinnvoll, nur eine kleine Auswahl von Variablen in die Analyse aufzunehmen, die möglichst genau die eigene Fragestellung beantworten helfen.
2.5.1.2 Quantitative Datenauswertung
Mit Hilfe der deskriptiven Statistik werden die gewonnenen Daten anschließend beschrieben, mit Hilfe der schließenden Statistik kann man – wenn methodisch korrekt gearbeitet wurde – von einer kleineren Gruppe, von der man Daten erhoben hat, auf eine große Grundgesamtheit schließen.
Ein Beispiel hierfür – und für die Leistungsfähigkeit der schließenden Statistik – sind die Umfragen in der Wahlforschung. Für den Deutschlandtrend im Januar 2022, eine „repräsentative Studie zur politischen Stimmung“, die monatlich vom Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap für die ARD erhoben wird, hat das Institut vom 3. bis 5. Januar 2022 1325 zufällig ausgewählte Personen telefonisch bzw. online befragt – und kann damit auf die Grundgesamtheit (alle Wahlberechtigten in Deutschland; bei der Bundestagswahl im September 2021 knapp über 61 Millionen) schließen (Infratest dimap (Hrsg.). 2022).
Univariate Statistik
Die deskriptive Statistik startet mit der univariaten Statistik, das heißt, man lässt sich von seinem Statistikprogramm die absoluten und prozentualen Häufigkeiten der Variablen ausgeben, dazu die entsprechenden Lage- und Streuungsparameter (Modus, Median und arithmetisches Mittel; Spannweite, Varianz und/oder Standardabweichung). Hiermit verschafft man sich zunächst einen Überblick über den Datensatz. Wer sind die Befragten? Wie alt sind sie? Welchem Geschlecht gehören sie an? Welche Einstellungen oder Merkmale treten häufig auf, welche selten?
Bivariate Statistik
Einen Schritt weiter geht die bivariate Statistik. Deren Grundfrage lautet, wie der Zusammenhang zwischen zwei Variablen aussieht. So interessieren bei der Sonntagsfrage, welche Partei man wählen würde, wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl, nicht nur die Prozente, die die Parteien wohl bekommen würden. Vielmehr analysiert man weiter, ob es regionale Unterschiede gibt, z. B. abhängig vom Bundesland. Das Alter oder das Geschlecht könnten bei der Parteienpräferenz ebenso eine Rolle spielen. Um dies zu analysieren, lässt man sich von seinem Statistikprogramm Kreuztabellen erstellen oder die entsprechenden Werte graphisch darstellen. Es gibt auch Messziffern, mit denen solche Zusammenhänge verdichtet werden, sogenannte Korrelationskoeffizienten. Sie geben an, wie stark die Zusammenhänge sind und decken den Zahlenbereich von -1 (perfekter negativer Zusammenhang) über 0 (gar kein Zusammenhang) bis +1 (perfekter positiver Zusammenhang) ab. Einige Beispiele illustrieren dies: Wenn eine Studie ergibt, dass das erzielte Einkommen mit dem Alter der Befragten mit einem Korrelationskoeffizienten von 0.75 zusammenhängt, ist dies ein starker positiver Zusammenhang, d. h. mit dem Alter steigt das Einkommen. Liegt der Wert nahe 0, sind die beiden Variablen unabhängig voneinander. Und bei einem Wert von -0.75 sinkt bei höherem Alter das Einkommen – ein negativer Wert zeigt einen gegenläufigen Zusammenhang an.
Multivariate Statistik
Nun könnten aber noch eine dritte, vierte oder noch mehr Variablen Einfluss auf diese Zusammenhänge nehmen. Beispielsweise spielen bei der Höhe des Einkommens neben dem Alter vielleicht noch das Geschlecht, die Schulbildung oder die Anzahl der Kinder eine Rolle. Wenn man diese Variablen mit in der Analyse berücksichtigt und somit die Zusammenhänge von drei und mehr Variablen untersucht, spricht man von der multivariaten Statistik. Die Komplexität der Analysen nimmt dabei von der univariaten über die bivariate hin zur multivariaten Statistik zu (zur deskriptiven Statistik s. Westle. 2018b).
Zumeist reicht es aber nicht aus, das Antwortverhalten der Befragten – notwendigerweise zumeist eine eher kleine Gruppe – zu analysieren. Das Ziel ist vielmehr, Aussagen über die Gesamtgruppe zu treffen, aus der die Befragten stammen. Werden fünfzig Angestellte eines großen Konzerns über ihre Arbeitssituation befragt, soll von diesen Aussagen auf die Arbeitssituation im Gesamtkonzern geschlossen werden. Oder im DeutschlandTrend: Von etwa dreizehnhundert Befragten soll auf die Grundgesamtheit – alle Wahlberechtigten in Deutschland – geschlossen werden. Hierzu wurden die Instrumente der schließenden Statistik entwickelt. Es geht dabei um die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Zusammenhang, der sich in einer Stichprobe finden lässt, auch in der Grundgesamtheit zu finden ist. Der zentrale Wert ist hierbei das Signifikanzniveau oder die Fehlerwahrscheinlichkeit. Ist angegeben, dass der gefundene Zusammenhang auf dem 5-Prozent-Niveau signifikant ist, bedeutet dies: Zieht man aus der Grundgesamtheit einhundert Zufallsstichproben, wird man den Zusammenhang in 95 Stichproben finden, in 5 nicht. Die Aussage, dass ein Zusammenhang in der Grundgesamtheit besteht, ist also zu 95 % richtig, zu 5 % falsch (daher: Fehlerwahrscheinlichkeit).
Die ermittelten Zahlen, seien sie beschreibend oder schließend, sind aber nur ein Teil einer statistischen Analyse. Wenn man die notwendigen statistischen Werte ermittelt hat, heißt es daher,
„die Bedeutung der Resultate zu interpretieren und die Substanz der Resultate herauszuarbeiten. Ohne diese qualitative Analysearbeit bleiben die bloßen Zahlen steril und im wörtlichen Sinn nichts sagend“ (Kuckartz und Rädiker. 2022: S. 17, Hervorhebung im Original).
Zu Beginn eines sozialwissenschaftlichen Studiums ist es zunächst einmal wichtig, die grundlegende Vorgehensweise bei empirischen Studien zu verstehen. Sie zeichnen sich zudem durch eine bestimmte Fachsprache aus, die es zu erlernen gilt. Hilfreich dabei ist der von Markus Tausenpfund (2021) herausgegebene Sammelband „Empirische Studien lesen“, mit dessen Hilfe unter anderem die Lesefähigkeit für empirische Studien vermittelt wird – eine Grundvoraussetzung für die Teilnahme am sozialwissenschaftlichen Kommunikationsprozess.
2.5.1.3 Qualitative Datenanalyse
Einer anderen Forschungslogik als die quantitative Datenanalyse ist deren qualitative Schwester verpflichtet. Während erstere eher theorien- und hypothesentestend vorgeht und der Prozess zwischen Datenerhebung und deren Auswertung getrennt abläuft, generiert die qualitative Datenanalyse Theorien. Hier ist die Trennung zwischen Datenerhebung und -analyse weit weniger strikt, teilweise sogar ineinander verwoben. Ein Grund hierfür ist, dass für eine quantitative Datenanalyse viel Vorwissen notwendig ist: Die Theorie, die daraus abgeleiteten Hypothesen und das Wissen um die benötigten Daten entsteht nicht im luftleeren Raum. Nun gibt es aber auch Themen, für die ein solches Vorwissen fehlt, Wenn-Dann- oder Je-Desto-Beziehungen nicht aufstellbar sind oder es an der Möglichkeit mangelt, quantitative Daten zu erheben. Da der Forschergeist aber gerade von solchen, bisher gar nicht oder kaum erfassbaren Feldern angeregt wird, sind die qualitativen Methoden entwickelt worden, wobei der Begriff erst in den 1970er Jahren eingeführt wurde (s. Heiser. 2018: S. 16–20)
Zentral: Interpretation
Das zentrale Element der qualitativen Datenanalyse ist, gewonnene Informationen zu interpretieren. Hierbei stellen die Beschreibung, die Entwicklung von Klassifikationen oder Typologien und die Theoriebildung drei unterschiedlich abstrakte Ziele dar (s. Krumm. 2018a: S. 122–123). Im Folgenden möchte ich auf drei Methoden der qualitativen Datenanalyse kurz eingehen, da sie die Grundprinzipien aufzeigen: die Hermeneutik, die qualitative Inhaltsanalyse und die Diskursanalyse.
Hermeneutik
-
Hermeneutik: Die Hermeneutik ist die älteste qualitative Methode und geht auf den Universalgelehrten Friedrich Schleiermacher zurück, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Kunst der „Bibelauslegung auf das Verstehen jeglichen Sprechens und Schreibens ausgedehnt hat“ (Krumm. 2018b: S. 341). Der zentrale Aspekt bei der Hermeneutik ist dabei das Verstehen, also „menschlichen Lebensäußerungen Sinn zu geben“ (Kurt und Herbrik. 2019: S. 546), oder, wie es der Philosoph Wilhelm Dilthey 1900 formulierte:
„Wir nennen den Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen: Verstehen“ (Dilthey. 1990: S. 318)
Die Zeichen, von denen Dilthey spricht, können dabei ganz unterschiedlicher Art sein, zumeist wird man in den Sozialwissenschaften aber auf schriftliche Formen (Interviews, Protokolle, Dokumente, etc.) zurückgreifen. Das wissenschaftliche Verstehen vollzieht sich dabei in einem „methodisch kontrollierten und reflektierten Prozess“ (Krumm. 2018b: S. 345) und ist dadurch vom alltäglichen Verstehen, dem „blitzschnelle[n] Einordnen gegebener Zeichen in bereit stehende Wissensbestände“ (Kurt und Herbrik. 2019: S. 550) zu unterscheiden. Erst durch das Anwenden der Regeln der Hermeneutik können wissenschaftliche Qualitätskriterien wie die Nachvollziehbarkeit und die Kritisierbarkeit der Vorgehensweise und der Ergebnisse sichergestellt werden.
Qualitative Inhaltsanalyse
-
Qualitative Inhaltsanalyse: Während die hermeneutischen Verfahren sehr offen in der Art des Verstehens sind, geht die qualitative Inhaltsanalyse etwas geschlossener vor. In ihrem Zentrum „stehen Kategorien, mit denen das gesamte für die Forschungsfrage(n) bedeutsame Material codiert wird“ (Kuckartz und Rädiker. 2022: S. 39). Vielfältige Datenarten (s. Kuckartz und Rädiker. 2022: S. 41–42) lassen sich inhaltsanalytisch auswerten. Ihre Vorteile zeigen sich dabei auch in der Auswertung von Online-Kommunikation. Nach der Datengewinnung werden Kategorien gebildet, denen man die Sprechakte oder Artefakte zuordnet – das Codieren, das heutzutage zumeist computergestützt erfolgt. Entweder definiert man dabei „ausgehend von einer Textstelle eine Kategorie … (induktives Vorgehen)“ oder versucht, „von der Kategorie ausgehend inhaltlich dazu gehörige Textstellen identifizieren und codieren (deduktives Vorgehen)“ (Kuckartz und Rädiker. 2018: S. 386). In der Analysephase schaut man sich die Haupt- und Unterkategorien an, sucht nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die schriftlich festgehalten werden und im Ergebnisbericht zumeist auch durch Zitate aus den Original- bzw. Primärquellen ergänzt werden.
Diskursanalyse
-
Diskursanalyse: Ein Diskurs ist ein themenbasierter Fluss von Wissen, Erkenntnissen und Debatten durch die Zeit, wobei man einen Diskurs als „die Summe dessen … definieren [kann], was zu einem Thema sinnvoll sag-, denk und machbar ist“ (Prainsack, Pot und Wagenaar. 2021: S. 192). Wenn man also das Thema Corona-Pandemie bearbeitet, gehört eine Aussage wie: „Ein gebrochener Fuß muss geschient werden,“ nicht dazu. Aber die Aussage: „Die Impfung gegen COVID-19 macht dem Gesundheitssystem nur Arbeit und entlastet es nicht“, schließt sinnvoll am Thema an.
„‘Sinnvoll‘ bedeutet hier nämlich nicht, dass eine Aussage faktenbasiert, logisch oder nachvollziehbar sein muss, sondern lediglich, dass sie einem erkennbar sinnhaften Bezug zu dem jeweiligen Thema stehen muss“ (Prainsack, Pot und Wagenaar. 2021: S. 193).
Diskurse zeigen sich in Verlautbarungen, Talkshowauftritten oder Demonstrationen, wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Podcasts oder Konferenzen, Zeitungsartikeln, Büchern oder Karikaturen – und vielem mehr. Mit Hilfe einer dezidierten Forschungsfrage spezifiziert man den Aspekt innerhalb des Diskurses, den man untersuchen möchte, und welches Material dazu benötigt wird. Zentral ist, dass eine Diskursanalyse keine Nacherzählung einer Debatte ist. Sie zeigt vielmehr auf, „mit welchen Mitteln ein [gesellschaftliches oder, H.E.] politisches Phänomen diskursiv konstruiert wird und welche Effekte dies hat“ (Prainsack, Pot und Wagenaar. 2021: S. 194).
Methodischer Pluralismus
Abschließend ist zu betonen, dass qualitative und quantitative Methoden sich keineswegs ausschließen, sondern vielmehr ergänzen, und dass die Grenzen manchmal fließend sind. So gibt es neben der qualitativen Inhaltsanalyse auch deren quantitative Ableger, in denen die Häufigkeiten bestimmter sprachlicher Merkmale und Aussagen gezählt und quantitativ ausgewertet werden. Dabei kann sich die quantitative Inhaltsanalyse auf denselben Datensatz beziehen, mit dem auch qualitativ gearbeitet wird. In den Sozialwissenschaften hat sich ein methodischer Pluralismus herausgebildet, so dass unterschiedliche Methoden zur Verfestigung oder Wiederlegung von Forschungsergebnissen genutzt werden (Churton und Brown. 2010: S.
223). Entscheidend ist dabei, „dass die gewählte Forschungslogik der jeweiligen Fragestellung und dem jeweiligen Forschungsstand angemessen ist“ (Heiser. 2018: S. 27)
2.6 Gütekriterien
Die Anzahl an sozialwissenschaftlichen Publikationen hat sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Dabei stellt sich die Frage: Welche davon sind qualitativ gut, welche sind es weniger? Um dies zu beurteilen, sollte man sich auf wissenschaftliche Qualitätskriterien beziehen, die sogenannten Gütekriterien für die Forschung. Dass Sie diese schon zu Anfang des Studiums kennen lernen, hat zweierlei Gründe. Erstens sollen Sie ihnen ermöglichen, Publikationen jedwelcher Art auf ihre Qualität hin zu untersuchen. Zweitens sollen Sie diese Qualitätskriterien auch schon bei der Erstellung Ihrer ersten Hausarbeiten und später bei der Abschlussarbeit berücksichtigen. Um diese Kriterien gibt es eine breite Diskussion; dieses Unterkapitel bietet einen ersten Einstieg. Ich stütze mich dabei im Wesentlichen auf die Ausführungen von Döring und Bortz (2016: S. 81–119).
Oberstes Kriterium: Glaubwürdigkeit
Das oberste Kriterium, das jede gute Forschung erfüllen muss, ist die Glaubwürdigkeit. Forscher*innen müssen ihre Adressaten überzeugen,
„dass die Ergebnisse der jeweiligen … Studie wirklich aussagekräftig sind und etwas über die untersuchte soziale Wirklichkeit aussagen.“ (Döring und Bortz. 2016: S. 108)
Nach welchen Kriterien überprüft man wiederum die Glaubwürdigkeit? Döring und Bortz haben viele Vorarbeiten ausgewertet und folgende Kriterien vorgeschlagen: (2016: S. 109–110):
Vertrauenswürdigkeit
-
Vertrauenswürdigkeit: Innerhalb einer Studie stellt man die Vertrauenswürdigkeit (oder interne Validität) zunächst über eine umfassende Erhebung von Daten sicher. Diese Daten, seien sie quantitativ oder qualitativ gewonnen, sollen nachvollziehbar zeigen, dass der in der Fragestellung formulierte Zusammenhang (beispielsweise je-desto oder wenn-dann) sich in der untersuchten Wirklichkeit so finden lässt und dies als Ursache-Wirkungs-Relation zu interpretieren ist. Die Datenerhebung muss den Standards der genutzten Methode entsprechen. Es gibt z. B. Kriterien, wie eine telefonische Befragung durchzuführen ist oder wie man Daten in einer teilnehmenden Beobachtung gewinnt. Die Art der Datenerhebung sollte also offengelegt werden. Studien gewinnen zudem an Vertrauenswürdigkeit, wenn die Vorannahmen anhand von Gegenbeispielen in den Daten überdacht werden. Von relevanten Studien findet man auch Nachbesprechungen (Rezensionen) in Fachzeitschriften oder auch anderen Publikationen (Zeitungen, Webseiten). Fallen diese positiv aus, hat die Studie zumindest das Vertrauen dieser Rezensentin oder dieses Rezensenten erlangt.
Übertragbarkeit
-
Übertragbarkeit: Ein Forschungsergebnis, das ausschließlich für die untersuchten Einheiten gilt und nicht auf andere Personen oder Kontexte angewandt werden kann, ist von der Qualität her geringer einzuschätzen als eines, bei dem die Übertragbarkeit gewährleistet ist. So wird in der Umfrageforschung – denken Sie an die „Sonntagsfrage“ in der Wahlforschung – großer Wert daraufgelegt, dass man von der untersuchten, kleinen Gruppe methodisch abgesichert auf die große Grundgesamtheit, z. B. die gesamte wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland – schließen kann. In der qualitativen Forschung nutzt man beispielsweise die dichte Beschreibung (grundlegend: Geertz. 1983) der untersuchten Personen und Kontexte, um später bei der Übertragung der Ergebnisse Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Untersuchungsobjekten zu berücksichtigen. Man spricht bei der Übertragbarkeit auch von externer Validität: Durch die gelungene Übertragung der Ergebnisse auf andere Fälle wird deutlich, dass die Ergebnisse gültig bzw. valide sind.
Zuverlässigkeit
-
Zuverlässigkeit: Bei der Zuverlässigkeit oder der Reliabilität geht es darum, ob ein Messinstrument bei seiner wiederholten Anwendung zuverlässig die gleichen Ergebnisse erzielt. Je zuverlässiger und genauer die verwendeten Messinstrumente funktionieren, desto größer ist die Qualität einer Studie. Allgemeiner zeigt die Reliabilität, ob die Ergebnisse einer Untersuchung repliziert werden können, wenn dieselben oder ähnliche Untersuchungspersonen oder -gegenstände im selben oder ähnlichen Kontext untersucht werden. Denken Sie an Messungen in der Physik: Von einer Waage erwarten Sie, dass sie das Gewicht eines Gegenstands oder einer Person zuverlässig misst. Daher werden Waagen in Laboren, Arztpraxen oder Geschäften geeicht. Sicherzustellen, dass sozialwissenschaftliche Erhebungsverfahren zuverlässig sind, ist schwieriger. Die parallele Durchführung von Forschungsschritten durch unterschiedliche Personen oder die Überprüfung von Ergebnissen mit anderen Methoden gehören dazu. Aber auch die Erfahrung kann helfen, wenn Erhebungsinstrumente über einen längeren Zeitraum eingesetzt werden und von der wissenschaftlichen Community als zuverlässig angesehen werden. Beispiele hierfür sind der Freedom House Index, mit dem seit 1973 Freiheit und Demokratie weltweit gemessen werden (Freedom House. 2022), oder seit 1990 der Human Development Index, der den weltweiten Stand der menschlichen Entwicklung erfasst (UNDP. 2022).
Bestätigbarkeit
-
Bestätigbarkeit: Hier sind die maßgeblichen Kriterien Objektivität und Neutralität: „Die Studienergebnisse sind nicht durch Vorurteile, Interessen, Perspektiven der einzelnen Forschenden bestimmt.“ (Döring und Bortz. 2016110) Es soll kenntlich gemacht werden, wer die Studie bezahlt oder gefördert hat. Die erhobenen Daten sollen nur innerhalb des Bereichs, für den sie aussagekräftig sind, interpretiert werden. Geht man – mit Vermutungen oder Blicke in die Zukunft – darüber hinaus, ist dies deutlich anzusprechen.
Wissenschaftliche und praktische Relevanz
Ein weiteres wesentliches Gütekriterium ist die Relevanz. Dabei liegt die wissenschaftliche Relevanz vor, wenn mit dem Beitrag eine Forschungslücke geschlossen wird oder eine wissenschaftliche Theorie fortentwickelt wird. Praktische Relevanz hat eine sozialwissenschaftliche Studie, wenn ihre Ergebnisse von der Verwaltung, der Politik oder der Gesellschaft aufgegriffen werden und sie positive Entwicklungen oder Missstände artikuliert. Ein Beispiel für Relevanz in beiden Bereichen ist die seit 1953 regelmäßig durchgeführte Shell-Jugendstudie (Albert, Hurrelmann und Quenzel. 2019), die innerhalb der Sozialwissenschaft als Referenzwerk angesehen wird. Die Ausgabe 2019 wurde dabei von den durchführenden Wissenschaftler*innen gemeinsam mit der Bundesfamilienministerin vorgestellt (https://youtu.be/9-eT4Fi0B8o; Zugriff 25.11.2021); sowohl das Lob für Bereiche, in denen junge Leute in Deutschland sich gut vertreten fühlen, als auch die Kritik an bestimmten gesellschaftlichen Missständen erreichten die Politik damit direkt.
Schlechte Beispiele: Plagiate
Gute Beispiele zeigen, wie man etwas richtig macht. Aber auch von schlechten Beispielen kann man einiges lernen. Die wohl höchsten Wellen schlugen in den letzten Jahren die Plagiatsvorwürfe gegen Dissertationen von führenden Politiker*innen. Als ersten traf es den damaligen Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der 2007 an der Universität Bayreuth promoviert wurde. Die Dissertation erschien 2009 als Buch, blieb aber weitgehend unbeachtet, bis der Jurist Andreas Fischer-Lescano es in der Fachzeitschrift Kritische Justiz Mitte Februar 2011 rezensierte und auf fünfeinhalb Seiten bewusst nicht korrekt angegebene Zitate bemängelte (Fischer-Lescano. 2011: S. 114–119). In der Folge wurden weitere Plagiate in Guttenbergs Buch dokumentiert. Die Beweise für das wissenschaftliche Fehlverhalten waren so erdrückend, dass schon am 23. Februar 2011 die Universität Bayreuth Guttenberg den Doktorgrad aberkannte. Aber die Diskussion darum, wie dies zu bewerten sei, ging weiter. Aufgrund des öffentlichen Drucks trat der Verteidigungsminister am 1. März 2011 zurück (s. Schicha. 2012). Denn:
„Insgesamt verfügt eine wissenschaftliche Qualifikationsarbeit, die eine ehrenwörtliche Erklärung umfasst, über eine hohe rechtliche und moralische Dimension. Wenn vorsätzlich gegen diese Standards durch ein Plagiat verstoßen wird, sind die Glaubwürdigkeit und die Reputation des Verfassers nachhaltig zerstört“ (Schicha. 2012: S. 165).
Wissenschaftliche Einordnung
In dem folgenden Jahrzehnt gerieten die Dissertationen mehrerer prominenter Politiker*innen in das Visier der Plagiatsjäger*innen, und einige Doktortitel wurden aberkannt. Die politischen Karrieren der Betroffenen gerieten ins Stocken, nahmen zum Teil aber auch wieder Fahrt auf. Nur: Was bedeutet Plagiieren für die Wissenschaft? Die Soziologin Renate Mayntz meinte schon 1999, dass dadurch der Erkenntniswert wissenschaftlicher Aussagen nicht untergraben und die wissenschaftliche Produktivität sehr wenig beeinträchtigt würde. Allerdings würden Eigentumsansprüche mittlerweile weit sensibler beachtet und der ursprüngliche Autor „der rühmlichen Attribution einer Erfindung oder Entdeckung“ beraubt. „Plagiat schädigt insofern den Plagiierten“ und weckt „Zweifel an der Ehrenhaftigkeit von Wissenschaftlern …, aber nicht an der Glaubwürdigkeit von Wissenschaft“ (Mayntz. 1999).
Anders ist dies bei weiteren wissenschaftlichen Verfehlungen. Es kommen immer wieder Fälle ans Licht, in denen absichtlich Forschungsergebnisse ge- oder verfälscht werden (s. DiTrocchio. 1995; Mayntz. 1999). Im Herbst 2021 stürzte der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz unter anderem, weil er bei einer Meinungsforscherin zu seinem Nutzen manipulierte Umfrageergebnisse in Auftrag gab, die in der Folge in der Presse lanciert wurden (Das Gupta. 29.10.2021). Ergebnisse, die dem Auftraggeber der Forschung genehm sind, sind in vielen Bereichen zu vermuten, nicht nur der Politik, auch von Wirtschafts- oder Pharmaunternehmen oder bestimmten Interessensgruppen beauftragte Forschung kann einen deutlichen „Bias“ haben. Denn:
„Um seine Forschung finanziert zu bekommen, muß der Forscher dem Praktiker ein erwünschtes Ergebnis in Aussicht stellen, und fühlt sich dann gedrängt, zumindest günstige ‚Zwischenergebnisse‘ zu produzieren – etwa in der Krebstherapie oder der Kernenergieforschung. Zwar verführt dieser Druck kaum zu Fälschungen, wohl aber zum ‚Schönreden‘, zum Verschweigen von Zweifeln und Negativbefunden – z. B. über Nebenwirkungen.“ (Mayntz. 1999)
Es gibt leider viele Gründe für schlechte wissenschaftliche Arbeit – Zeitdruck, Abhängigkeiten von Geld- oder Arbeitgebern oder vorgefasste Meinungen, an denen nicht gerüttelt werden darf –, aber es gibt zwei Gegenmittel, die sich als sehr wirksam erwiesen haben: Pluralität und Öffentlichkeit. Lässt man Pluralität in den Forschungsansätzen zu und unterstützt Wissenschaft in vielen Bereichen, zeigt sich am Ende, wer sorgfältig arbeitet und Ergebnisse hoher wissenschaftlicher Qualität produziert. Der öffentliche Diskurs über diese Ergebnisse trägt dann dazu bei, schlechte Arbeit zu erkennen und gute Arbeit auszuzeichnen.
Die Rückkopplung der Ergebnisse ist somit ein integraler Bestandteil des Forschungsprozesses, den ich Ihnen in einem Video (https://e.feu.de/forpro) abschließend umfassend vorstelle. Den sozialwissenschaftlichen Kommunikationsprozess spreche ich in dem Video nur kurz an – ausführlich widmet sich ihm das nächste Kapitel.
3 Sozialwissenschaften als Kommunikationsprozess
„Es wird für den Druck geforscht. Was nicht gedruckt wird, hat kaum Chancen, die Entwicklung des Faches zu beeinflussen.“ Niklas Luhmann (2015: S. 606–607)
Die Sozialwissenschaften leben wie jede andere Wissenschaft auch durch die Kommunikation von Fragestellungen, Lösungsansätzen, Theoriekonzeptionen, Methodendiskussionen und Ergebnissen. Dieses Kapitel beleuchtet diese Dimension der Sozialwissenschaften von zwei Seiten: Erstens beschreibe ich die gängigen Kommunikationsprozesse dieser Disziplinen. Dies ist notwendig, um die einschlägige Forschung und ihre Ergebnisse verstehen und einordnen und sich selbst in die Diskussion einbringen zu können. Zweitens beziehen wir die eher abstrakten Aspekte des vorigen Kapitels auf die konkreten Anforderungen im Studium und zeigen, wo sie sozialwissenschaftliche Literatur finden, wie diese erschlossen wird und auf welche Art man selbst zum wissenschaftlichen Diskurs beitragen kann.
In den Sozialwissenschaften wird sowohl schriftlich als auch mündlich, öffentlich als auch privat kommuniziert. Man kann generell sagen, dass das Bild der oder des Gelehrten im „Elfenbeinturm“, in dem allein vor sich hingeforscht wird, kaum auf die Sozialwissenschaftler*innen passt. Im Gegenteil: Die Sozialwissenschaften zeichnen sich durch ein hohes Maß an Kooperation zwischen Lehrenden, Studierenden und Forschenden aus. Abbildung 4 gibt einen Überblick über die Elemente dieser Kommunikationsprozesse.
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Im Zentrum stehen die Sozialwissenschaften, mit öffentlicher wissenschaftlicher Kommunikation und privater wissenschaftlicher Kommunikation.
- Mündlich
- Vorlesungen; Seminare; Kolloquien; Vorträge; Tagungen; Referate; Workshops.
- Schriftlich
- Aufsätze, Essays; Bücher; Rezensionen; Kurse/Lehrbücher; Blogbeiträge; Berichte; Haus- und Abschlussarbeiten.
- Direkte Kommunikation
- Gespräche; Telefonate; Interviews; E-Mails; Briefe; soziale Medien.
- Verbindung zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation
- Abdruck von Vorträgen: Tagungsbände, Sonderhefte von Zeitschriften.
- Verbindung zwischen mündlicher und direkter Kommunikation
- Diskussionen, Vor- und Nachbesprechung von Seminaren, Vorträgen, Abschlussarbeiten, Tagungen.
- Verbindung zwischen schriftlicher und direkter Kommunikation
- Reaktionen auf Veröffentlichungen. Konzeption und Kritik von Texten in der Entstehungsphase.
Quelle: Eigene Darstellung
Dies ist ein dichtes Netz ineinander verwobener, öffentlich und privat stattfindender Kommunikation, die keine einheitliche Richtung hat. Verfolgen wir anhand eines Beispiels einen solchen Kommunikationsprozess:
Prof. Susanne Lütz leitete von 2015 bis 2019 das Forschungsprojekt „Kreditvergabe als Zwei-Ebenen-Spiel: Troika-Schuldner Verhandlungen in der Eurozone, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde. Um diese Förderung zu bekommen, musste im Vorfeld des Projekts einiges an Vorarbeit geleistet werden. Insbesondere waren in einem Projektantrag das Vorhaben selbst, sein innovatives Potenzial, Kosten, Zeitplan, Vorgehensweise, geplante Publikationen und vieles mehr darzulegen, um von der DFG diese Förderung zu bekommen. Hierzu bedurfte es vieler Absprachen innerhalb der Universität, mit der DFG und mit potenziellen Mitarbeiter*innen. Dieser Projektantrag wurde dann von der DFG und externen Gutachtern (= einschlägig tätige Wissenschaftler*innen) geprüft und schließlich genehmigt. Dann mussten Auswahlgespräche geführt werden, um Forscher*innen einzustellen. Innerhalb des neu aufgestellten Teams waren Absprachen über die theoretischen Ansätze und die methodische Vorgehensweise notwendig – und über die Arbeitsteilung. Daten wurden über die Befragung hochrangiger Beteiligter an den Verhandlungen gewonnen. Das hieß: Termine vereinbaren, Gespräche transkribieren, Aussagen inhaltlich sortieren und codieren und die Daten dann auswerten und gemeinsam interpretieren. Nebenbei lief eine Analyse zentraler Dokumente der Verhandlungen und die Recherche und Sichtung der Literatur zu dem Thema. Zwischenergebnisse wurden in Working Papers und auf Konferenzen präsentiert und diskutiert, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften abgesprochen und verfasst (Lütz und Hilgers. 2019; Lütz, Hilgers und Schneider. 2019a; Lütz, Hilgers und Schneider. 2019b; Lütz, Hilgers und Schneider. 2019c). Ebenso wurde ein Workshop mit Fachwissenschaftler*innen zum Thema organisiert. In einem Abschlussbericht für die DFG wurde das Projekt rekapituliert. Im Video berichtet Prof. Lütz detailliert über dieses Forschungsprojekt: http://e.feu.de/zweiebenen.
Sie finden verschiedene Kommunikationsformen: Diskussionen, Absprachen, Berichte und Veröffentlichungen auf allen Ebenen, hier nur ganz grob und skizzenhaft wiedergegeben. Es fehlt zum Beispiel der Bezug zur Lehre – über Vorlesungen und Seminare, Haus- und Abschlussarbeiten kamen auch Studierende mit der Thematik in Kontakt und trugen zum Erfolg des Projekts und zur Information der Öffentlichkeit bei.
Multi- und interdisziplinäre Zusammenarbeit
Während das Beispielprojekt sich einem recht eng gefassten Thema widmete und von einem Lehrgebiet getragen wurde, kommunizieren Sozialwissenschaftler*innen auch über die Disziplingrenzen hinaus. An der FernUniversität in Hagen gibt es zum Beispiel mehrere Forschungsschwerpunkte, in denen sich Forscher*innen unterschiedlicher Disziplinen aus unterschiedlichen Sichtweisen, mit jeweils eigenen Theorien und Methoden, einem gemeinsamen Gegenstand nähern. Eine solche multidisziplinäre (= jede*r Forscher*in bearbeitet die Problemstellung mit den Mitteln der eigenen Disziplin) oder gar trans- oder interdisziplinäre Herangehensweise, bei der Ansätze, Denk- und Herangehensweisen unterschiedlicher Disziplinen genutzt werden, erfordert noch weitergehende Absprachen. In Hagen tätige Sozialwissenschaftler*innen sind in den Forschungsverbünden „Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit“ sowie „digitale_kultur“ vertreten. Und auch hier: Die Anbindung von Studierenden über Seminare oder Abschlussarbeiten ist ein wesentlicher Beitrag zu diesen Forschungsschwerpunkten.
3.1 Öffentliche wissenschaftliche Kommunikation
Sozialwissenschaftler*innen begegnet man immer wieder, wenn man fernsieht, Radio hört oder Zeitung liest. Wenn die Soziologin Jutta Allmendinger in der Talkshow bei Anne Will (ARD, 03.05.2020) die These vertritt, dass Frauen durch die Corona-Krise „eine entsetzliche Retraditionalisierung … erfahren“ (zit. in: Koch. 04.05.2020) oder der Verwaltungswissenschaftler Werner Jann in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur postuliert, dass man in der Pandemie Rechtsicherheit und Schnelligkeit gegeneinander abwägen müsse (Jann und Stucke (Hrsg.). 05.03.2021), dann erreichen sie eine breite Öffentlichkeit. Ebenso richtet sich der Politikwissenschaftler Herfried Münkler mit seinen Einschätzungen zur Krise des Konservatismus in der Zeit (Münkler. 15.04.2021), die schriftlich ausformuliert schon deutlich komplexer sind als die vorher zitierten Aussagen, an eine große, allgemein interessierte Zielgruppe, nicht an das sozialwissenschaftliche Fachpublikum. Mit dem Studium werden Sie zum Teil dieses Fachpublikums, an das sich bestimmte Medien und Kommunikationsformen wenden, die ich Ihnen im Folgenden vorstelle. Dabei kann es aufgrund der Breite, der Vielfalt und auch des Wandels moderner Kommunikationsformen keinesfalls um eine auch nur halbwegs vollständige Auflistung von Orten gehen, an denen Sozialwissenschaftler*innen kommunizieren. Vielmehr soll hier eine Heuristik für die Suche gegeben werden: Formate werden anhand von Beispielen vorgestellt, aber je nach Thema und Interessen werden Sie selbst eine Suche starten müssen.
3.1.1 Klassisch: Monografien, Artikel in Fachzeitschriften und Sammelbänden
Die klassische sozialwissenschaftliche Kommunikation findet über wissenschaftliche Monografien sowie Artikel in Fachzeitschriften und Sammelbänden statt.
Unterscheidung: Monografien vs. Sammelbände
Die Monografie ist eine längere Abhandlung über ein Thema, die von einem oder mehreren Autor*innen gemeinsam verfasst wurde. Der Sammelband dagegen versammelt einzelne Aufsätze unterschiedlicher Autor*innen. Auf dem Titel des Buches werden dann nicht die Autor*innen, sondern die Herausgeber*innen genannt. Bei den einzelnen Artikeln sind dann jeweils die Autor*innen genannt. Zu Beginn des Studiums werden Sie häufig auch Lehrbücher lesen, die sowohl als Monografie als auch als Sammelband ausgestaltet sein können. Wie entscheidet man nun, ob ein Buch lesenswert ist?
Bücher vorprüfen
Der Titel gibt einen ersten Aufschluss über den Inhalt des Buches, der Klappentext auf der Rückseite – oftmals vom Verlag verfasst – kann weitere Informationen liefern. Autor*innen oder Herausgeber*innen sind ebenfalls auf der Titelseite angegeben: Vielleicht sind Ihnen die Namen schon im Laufe Ihrer Beschäftigung mit dem Thema begegnet, dann sind sie thematisch einschlägig und haben womöglich einen guten Ruf. Weitere Informationen über die beteiligten Personen findet man teils beim Klappentext auf der Rückseite oder im Umschlag des Buches. Bei Sammelbänden ist es auch üblich, eine Autor*innenliste nach dem Inhaltsverzeichnis oder an den Schluss des Buches mit zusätzlichen Angaben beizufügen. Der Verlag, in dem der Band erscheint, kann ebenfalls wichtige Hinweise geben. Ist er renommiert, hat er viele sozialwissenschaftliche Bücher in seinem Programm? Ist das Buch in einer Reihe mit anderen Büchern erschienen, für deren Qualität Reihenherausgeber*innen mit ihrem Namen stehen?
Erscheinungsjahr, Inhaltsverzeichnis, Vorwort, Einleitung und Literaturverzeichnis
Auf der fünften und sechsten Seite eines Buches findet man weitere wichtige Angaben. Das Erscheinungsjahr kann entscheidend sein, wenn aktuellere Themen angesprochen werden. Mit seiner Hilfe kann man den Text in seinen Entstehungszusammenhang einordnen. Ein Buch aus den 1980er Jahren mag zum Beispiel die digitale Revolution seit den 1990ern vorhergesehen haben, aber zu den konkreten Ausprägungen und Veränderungen werden Sie darin nichts finden. Dazu benötigen Sie aktuelle Literatur. Das Inhaltsverzeichnis zeigt detailliert, welche Themen in dem Buch angesprochen werden. Das Vorwort und die Einleitung geben einen ersten Einblick in den Argumentationsgang, und das Schlusskapitel gibt einen Überblick über die Ergebnisse. Schließlich kann man am Literaturverzeichnis ersehen, auf welche Quellen sich der Band stützt. Sind sie aktuell oder veraltet? Sind sie vielfältig (inhaltlich oder von den Autor*innen her) oder ist es eine schmale Quellenbasis? Werden internationale Forschungsergebnisse mit einbezogen?
Wenn Sie diese Vorprüfung eines Buches abgeschlossen haben, können Sie entscheiden, ob es sich lohnt, den Band auszuleihen, herunterzuladen oder sogar zu erwerben, und wenn ja, welche Kapitel für Sie von Interesse sind. Gerade dann, wenn man eine studentische Arbeit verfasst, die ja vom Umfang her deutlich kürzer ist als eine Monografie oder ein Sammelband, ist es zumeist nicht sinnvoll, das ganze Buch zu lesen. Seien Sie pragmatisch, wählen Sie anhand des Inhalts-, Stichwort- oder Namensverzeichnisses aus, was Sie wirklich benötigen (es sei denn, das Thema fesselt Sie so sehr, dass Sie das Buch unbedingt lesen wollen).
Artikel in Fachzeitschriften
Für die wissenschaftliche Diskussion sind Artikel in Fachzeitschriften von großer Bedeutung. Sie erscheinen periodisch – zum Beispiel viermal im Jahr – und in ihnen wird die aktuelle Forschung präsentiert und diskutiert. Die Titel der Zeitschriften zeigen oftmals, welchen Schwerpunkt sie haben. Decken sie ihr Fach breit ab, wie die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Die Öffentliche Verwaltung oder die Politische Vierteljahresschrift, oder sind sie auf ein Teilgebiet spezialisiert, wie die Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft oder das Journal of Family Research? Manche Zeitschriften haben bestimmte Länder verstärkt im Blick (Österreichische Zeitschrift für Soziologie; Schweizerische Zeitschrift für Politikwissenschaft), bei anderen steht ein bestimmter Forschungsansatz im Mittelpunkt (Femina Politica; Qualitative Sociology). Sie sehen, die Bandbreite ist riesig, das Angebot kaum überschaubar. Wie stellt man nun sicher, dass die Zeitschrift und ihre Beiträge seriös sind?
-
Viele Zeitschriften verfügen über ein Verfahren zur Qualitätssicherung, das Peer Review. Dabei wird jeder Beitrag vor der Publikation durch Wissenschafter*innen desselben Fachgebiets begutachtet. Erst wenn die Gutachter einen Artikel freigeben, wird er veröffentlicht. Auf ihren Webseiten informieren die Zeitschriften darüber, wie sie dabei vorgehen.
-
Gänzlich anders setzen quantitative Messungen zur Bedeutung von Fachzeitschriften an. Beim Social Science Citation Index kann man sich zu allen erfassten Zeitschriften die Anzahl der Zitierungen in anderen Zeitschriften oder einen Journal Impact Factor anzeigen lassen. Außerdem gibt es fachspezifische Listen, die nach diesen – und mehr – Kriterien sortiert ausgegeben werden.
Hilfsmittel, keine Ausschlusskriterien
Beide Ansätze geben bedeutende Hinweise daraufhin, ob eine Zeitschrift renommiert ist und nach wissenschaftlichen Standards arbeitet. Allerdings: Wenn Sie nach den reinen Zahlen (Impact Factors) gehen, liegen die deutschsprachigen Fachzeitschriften weit hinten, allein deswegen, weil sie international weniger rezipiert werden. Trotzdem können Sie darin vielleicht genau den Artikel finden, der zu Ihrem Thema passt. Ebenso ist es mit dem Peer Review: Auch in Zeitschriften, die weniger strenge Verfahren anwenden, können sehr gute Artikel stehen. Allerdings ist die Gefahr größer, dass auch einmal ein nicht so guter Artikel veröffentlicht wird.
Schwerpunkt- und Sonderhefte von Zeitschriften
Reguläre Ausgaben von Fachzeitschriften widmen sich dem selbst gesetzten Themenspektrum zumeist in der gesamten Breite; es finden sich also in einem Heft Artikel zu unterschiedlichen Themen. Allerdings gibt es auch Zeitschriften, die in ihren Heften regelmäßig thematische Schwerpunkte setzen. Der Moderne Staat publizierte im Juni 2022 acht Artikel zum Schwerpunkt „Krisenbewältigung durch Politik, Verwaltung und Gesellschaft in Deutschland“, dazu vier weitere Artikel außerhalb dieses Themas. Noch weiter gehen Sonderhefte (English: Supplement oder Special Issues), bei denen sich das ganze Heft einem einzigen Thema ausführlich widmet. Diese werden zumeist von renommierten Wissenschaftler*innen herausgegeben, so dass hier die Grenze zum Sammelband (s. nächster Absatz) fließend ist. Zum Beispiel ist im Juni 2022 das Sonderheft Nr. 1 der KZfSS (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie) mit dem Titel „Internet, Big Data und digitale Plattformen: Politische Ökonomie – Kommunikation – Regulierung“ mit achtzehn Artikeln zum Thema erschienen (Dolata und Schrape. 2022).
Sammelbände
Sammelbände gibt es in vielerlei Gestalt. Ein häufig anzutreffender Typ ist der, dass Ergebnisse von gemeinsamen Forschungsprojekten oder -interessen zu einem Sammelband zusammengestellt werden. Themen sind oftmals zu komplex, um von Einzelnen umfassend und aktuell bearbeitet zu werden. Das Zusammenstellen thematisch passender Beiträge in einem Sammelband ist ein gangbarer Weg, ein Thema trotzdem in einem Band abzudecken. So stellt der von Jörg Bogumil, Sabine Kuhlmann und Isabella Proeller (2019) herausgegebene Band Verwaltungshandeln in der Flüchtlingskrise die Herausforderungen und Antworten der deutschen Verwaltungen von 2015 bis 2018 in vielen Facetten dar.
Handbücher
Noch umfassender sind vielfach Handbücher, wie das von Nina Baur und Jörg Blasius (2019) herausgegebene Handbuch der empirischen Sozialforschung. Die zweite Auflage umfasst 1522 Seiten, und Spezialist*innen für die unterschiedlichen Teilbereiche der empirischen Sozialforschung tragen dazu bei. Solche Handbücher sind gerade auch für Studierende empfehlenswert, da sie einerseits zum Einstieg in ein Thema einen umfassenden Überblick bieten, andererseits aber auch vertiefende Beiträge enthalten sind. Und auch hier sind sowohl der Gang in die Universitätsbibliothek, um in das gebundene Buch zu schauen, oder der Blick auf ihre Webseite, um die Online-Version zu sichten, der richtige Weg, um an den Text zu kommen.
Lexika
Auch sozialwissenschaftliche Lexika sind fast immer Sammelbände, d. h. es gibt Herausgeber*innen, aber die Autor*innen der einzelnen Artikel sind namentlich angegeben. Lexika können thematisch sehr breit, auf mehrere Bände hin angelegt sein wie das Staatslexikon (Görres-Gesellschaft und Verlag Herder. 2017), das längere Artikel zu den behandelten Stichworten umfasst, oder kurz und knapp informieren wie Das Politiklexikon (Schubert und Klein. 2021). Das Nachschlagen in solchen Fachlexika – in Moodle empfehlen wir mehrere zu allen drei Disziplinen des Studiengangs – ist immer dann sinnvoll, wenn man sich über Begriffe und deren Bedeutung, die Genese von Institutionen oder gesellschaftliche Zusammenhänge grundlegend informieren möchte. Außerdem sind die in Handbuch- und Lexikonartikeln angegebenen Literaturverweise zentrale Quellen für den behandelten Begriff oder das Thema des Beitrags.
Festschriften
Eine vierte Art der Sammelbände, auf die man häufiger trifft, sind Festschriften. Aus Anlass eines runden Geburtstags oder der Emeritierung bedeutender Sozialwissenschaftler*innen verfassen akademische Freunde und Weggefährten Beiträge, die sich mit den Themen, denen sich der oder die Geehrte widmet, auseinandersetzen. Die Beiträge sind oftmals thematisch breiter gestreut, da sie die fachlichen Neigungen und Forschungsfeldern der Autorinnen und Autoren wiederspiegeln, und teils auch von wechselnder Qualität. Ein Beispiel für eine gelungene Festschrift ist Theorie als Beruf (Bachmann und Schwinn. 2021), mit dem der Soziologe und Max-Weber-Experte Wolfgang Schluchter geehrt wurde.
Neben den schon benannten Informationen stehen vor allem die Herausgeber*innen mit ihrem guten Namen für die Qualität eines Sammelbands ein, selbst wenn die Autor*innen der Beiträge noch nicht so bekannt sind.
3.1.2 Graue Literatur
Fachbücher und -zeitschriften haben immer einen relativ großen zeitlichen Vorlauf, bis die Texte darin publiziert werden. Und sie haben auch ihren Preis: Sie sind – gerade, wenn sie gedruckt sind – recht teuer, da die Auflagen nicht so hoch sind. Um diese beiden Restriktionen zu umgehen, also schneller und günstiger Forschungsergebnisse zu publizieren, nutzen viele Forschungsinstitute, Think Tanks, Bundesämter, Stiftungen oder Universitäten die Möglichkeit, in Eigenregie Berichte, Zwischenergebnisse von Forschungen und vieles mehr zu veröffentlichen. Mittlerweile wird hierzu das Internet als Publikationsforum genutzt; gedruckt wird diese Graue Literatur immer seltener. Woher kommt diese Bezeichnung? In vergangenen Zeiten war es am einfachsten, Fotokopien im DIN A4-Format zwischen zwei graue Pappdeckel zu legen, diese dann zu heften und per Post an Interessierte zu verschicken. Im Buchhandel waren diese Titel nicht erhältlich. Genutzt wurde das für Vorlesungsmitschriften, Dissertationen, Flugblätter, Firmendrucksachen oder auch die schnelle Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse. Der Begriff hat sich erhalten, auch wenn das Medium sich geändert hat.
Preprints
Für das Renommee von Sozialwissenschaftler*innen ist es wichtig, in angesehenen Fachzeitschriften zu publizieren. Allerdings kann es lange dauern, bis geforscht, die Daten ausgewertet, der Artikel geschrieben, eingereicht, begutachtet und publiziert wurde. Um die Ergebnisse schon vorher an den Mann und die Frau bringen zu können, nutzen viele Forscher*innen die Möglichkeit, Preprints zu veröffentlichen. Die Plattform SocArXiv (Schilling. 30.09.2016) wurde speziell dafür eingerichtet. So haben Florian Schulz und Marcel Raab im August 2021 dort einen Beitrag eingestellt (Schulz und Raab. 2021), und sie weisen darauf hin, dass dieser Beitrag im Juni 2022 von einer Fachzeitschrift zur Publikation angenommen wurde. Online veröffentlicht wurde er auf der Webseite der Fachzeitschrift als „Early View“ am 18. Juli 2022 (Schulz und Raab. 2022). Die finale, gedruckte Version liegt zum Ende des Jahres 2022 noch nicht vor.
Aktuelle Publikationen
Gerade Politik ist ein schnelllebiges Geschäft, und sowohl die Öffentlichkeit als auch die Politik selbst erwarten von den Sozialwissenschaften, dass sie zeitnah auf aktuelle Entwicklungen reagieren und ihre Expertise einbringen. Forschungsinstitute und Think Tanks machen dies, indem sie in aktuellen Reihen kürzere wissenschaftliche Analysen veröffentlichen. Die Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin gibt – als Beispiel – die Reihe SWP-Aktuell heraus. So analysiert in der Ausgabe Nr. 41 (Juni 2022) Peter Rudolf die Politik des US-Präsidenten Joe Biden in Bezug auf Russland und die Ukraine knapp auf sieben Seiten.
Forschungsberichte
Die Auftraggeber sozialwissenschaftlicher Forschung sind oftmals an einer Publikation der Ergebnisse interessiert und stellen hierzu ihre Plattformen zur Verfügung. So geben häufig Bundesministerien Forschung in Auftrag, und auf deren Webseiten findet man dann auch die Resultate. Einen Auftrag zur Erforschung der Teilhabe von Menschen mit Behinderung vergab das Bundesministerium für Arbeit und Soziales an das Institut infas und publizierte die Ergebnisse in einem Grauen Paper (BMAS. 2022).
Positionspapiere
Sozialwissenschaftler*innen erarbeiten häufig Prognosen und Vorschläge, wie politische und gesellschaftliche Entwicklungen sich entwickeln und beeinflusst werden könnten. Die parteinahen Stiftungen sind wichtige Arbeitgeber von Sozialwissenschaftler*innen, deren Erkenntnisse sowohl wissenschaftlich fundiert als auch politisch motiviert sein können. Viele Daten und soziale Sachverhalte können perspektivisch anders betrachtet werden, so dass die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen. So plädieren Natalie Klauser und Felicitas Schikora (2022) in einer Analyse für die Konrad Adenauer-Stiftung für eine neue Form der kapitalgedeckten Altersversorgung, während Günter Eder (2021), der für die Rosa Luxemburg-Stiftung schreibt, die gesetzliche Rente stärken möchte.
Kritisch prüfen!
Diese vier Beispiele mögen genügen, um die Bandbreite Grauer Literatur vorzustellen. Formal ist allen Titeln gemeinsam, dass sie nicht den Umfang eines Buches haben und in keinem Verlag erscheinen, sondern die Institutionen sich selbst um die Veröffentlichung kümmern. Inhaltlich gilt, wie immer: Prüfen Sie die Titel möglichst auf Herz und Nieren – von sehr guten Publikationen bis hin zu verschwörungstheoretischer Pseudo-Wissenschaft, die unter anderem dadurch gekennzeichnet ist, „dass die Theorien letztlich immer aufrechterhalten werden, gleichgültig, was geschieht“ (Albert. 2019: S. 325), findet sich in der Grauen Literatur alles.
3.1.3 Im Internetzeitalter: Videostreaming, Podcasts und Blogs
Das Internet ist heutzutage zweierlei: erstens ein Kommunikationskanal, also eine Plattform für die Publikation aktueller Erkenntnisse, Informationen und Meinungen, und zweitens ein Wissensspeicher von einer vorher kaum denkbaren Größe, ein riesiges Archiv. Die zweite Funktion ist hier schon vielfach angesprochen worden: Alles, was an Daten, Texten, Dateien, Ton- oder Filmdokumenten aus dem Internet heruntergeladen werden kann, ist irgendwo auf einem Speichermedium abgelegt worden. Hier wende ich der wissenschaftlichen Seite des Kommunikationskanals Internet zu.
Alte und neue Formate
Die Formate sind teils neu, teils aus alten Medien adaptiert. So ist der Unterschied zwischen einem Interview, wie es schon Mitte der 1960er Jahre zum Beispiel Günter Gaus mit der politischen Theoretikerin Hannah Arendt führte (https://www.youtube.com/watch?v=J9SyTEUi6Kw) [Fußnote 2], zu einem aktuellen Podcast mit Fragestellern und Fachwissenschaftler*innen nicht sehr groß. Das Neue ist jedoch die ubiquitäre Verfügbarkeit. Während in früheren Jahrzehnten Radio- oder Fernsehsender praktisch die einzigen Kanäle waren, über die Bild- und Tondokumente einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden konnten, hat heutzutage jeder Home-Youtuber eine bessere technische Ausstattung und eine größere potenzielle Reichweite – international und nicht auf ein Sendegebiet begrenzt (s. grundlegend: Castells. 2017). Viele wissenschaftliche Inhalte werden so verbreitet – aber noch mehr, auf die dieses Adjektiv nicht passt.
Beispiele Angebote aus der FernUniversität
Gerade durch die Corona-Pandemie und der zu ihrer Bekämpfung notwendigen Beschränkung persönlicher Kontakte erlebte die Live-Übertragung und die Aufzeichnung von wissenschaftlichen Diskussionen einen starken Aufschwung. Dies können Einzelevents sein, so wie wir am Lehrgebiet Internationale Politik der FernUniversität in Hagen im März 2022 aktuell auf den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine und den dortigen Kriegsbeginn reagierten (https://medial.fernuni-hagen.de/LibraryContent/DownloadMedia/4232). Am Lehrgebiet Politikwissenschaft I: Staat und Regieren wird die Podcast-Serie „Neulich … Ein Podcast über Politik, das FernUniversium und den ganzen Rest“ produziert, in der aktuelle Forschungsergebnisse, Entwicklungen in der Lehre oder politische Entwicklungen diskutiert werden (https://www.fernuni-hagen.de/polis/lg1/mediabox/podcast.shtml).
Externe Angebote
Große Denkfabriken wie das Carnegie Endowment for International Peace übertragen regelmäßig ihre Events mit prominenten Expert*innen live ins Netz; Aufzeichnungen kann man sich auch später anschauen (https://carnegieendowment.org/events/?lang=en). Vielfach sind sozialwissenschaftliche Videos auf kommerziellen Plattformen wie Youtube zu finden, da sie eine höhere Sichtbarkeit haben als eigene Videoserver wissenschaftlicher Institutionen. Zum Beispiel betreibt das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin den Kanal WZBlive (https://www.youtube.com/user/WZBlive). Diese Videos sind erstens eine Möglichkeit, sich mit aktuellen wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Zweitens diskutieren darin oftmals mehrere Wissenschaftler*innen miteinander, so dass unterschiedliche Positionen, aber auch Gemeinsamkeiten offen liegen.
Rückmeldungen
Bei vielen dieser Veranstaltungen ist auch ein Dialog möglich. Wird zur Übertragung eine Videokonferenzsoftware wie Zoom verwendet, können Fragen und Anregungen direkt in einem Chat gestellt werden, oder in einer Fragerunde werden die Fragesteller*innen zugeschaltet. Aber auch bei aufgezeichneten Events kann – z. B. über die Kommentarfunktion bei YouTube – eine Rückmeldung möglich sein. Wenn Sie sich in die Diskussion einbringen möchten, dann stellen Sie bitte möglichst präzise Fragen. Bleiben Sie, auch wenn Sie anderer Meinung sind, im Ton höflich und üben sachliche Kritik.
Und wieder: kritisch prüfen!
Es gibt also vielfältige Angebote im Internet, seriöse wie auch unseriöse. Die oben angesprochenen Qualitätskriterien für das wissenschaftliche Arbeiten kann man auf Videos, Podcasts oder andere Formate anlegen. Sind die Wissenschaftler*innen, die referieren oder diskutieren, renommiert und anerkannt? Oder schmücken sie sich nur mit ihren Titeln, sind aber in der Forschung und Lehre nicht tätig? Welche Institution, welcher Sender veröffentlicht ein Video oder einen Podcast? Werden unterschiedliche wissenschaftliche Sichtweisen präsentiert, oder wird fehlt ein wissenschaftlicher Pluralismus? Werden die Argumente mit Fakten unterfüttert? Das sind Fragen, die man sich stellen sollte, wenn man sich jeglicher Art von Medien nähert. Und zu bedenken ist: Das Schauen von – noch so informativen – Videos ersetzt nicht das Lesen wissenschaftlicher Literatur zum Thema. Die eingeführten Techniken wissenschaftlicher Kommunikation – Belege, Verweise auf Literatur etc. – sind in Videos oder Podcasts selten oder zu wenig zu finden. Die Argumentation auf Papier ist durchdachter, präziser und besser belegt. Somit können Videos und Podcasts einen Start in ein Thema bieten oder neue Sichtweisen aufzeigen, aber Texte können sie nicht ersetzen.
3.2 Fremdsprachige, insbesondere englische Texte
Das Soziale wird durch Sprache erzeugt
Die Sozialwissenschaften sind genauso international wie ihre Gegenstände: Verwaltungen, Gesellschaften und Politik gibt es weltweit. Aber diese Gegenstände sind gesellschaftlich konstruiert, das heißt in und durch Sprache erzeugt. Und in unterschiedlichen Sprachen schwingen selbst bei identischen Begriffen verschiedene Bedeutungen mit; oftmals ist es so, dass Begriffe entlehnt werden, weil sie präziser als Übersetzungen politische oder gesellschaftliche Konstellationen bezeichnen. So transportiert der aus dem Schwedischen übernommene Begriff „Ombudsleute“ so viel von der gesellschaftlichen und kulturellen Stellung dieser Person, dass Übersetzungen wie „Vermittler*in“ oder „Bevollmächtigte*r“ ungenau sind. Daher führt ein wichtiger Zugang zur sozialwissenschaftlichen Analyse über die – zumindest passive – Beherrschung der Sprache des Landes oder der Gemeinschaft, mit der man sich intensiv beschäftigt. Nun kann niemand alle Sprachen sprechen oder lesen, in denen soziale Beziehungen unterhalten werden oder in denen über sie geschrieben wird. Wenn Sie aber den Vorteil haben, spezielle Sprachkenntnisse ins Studium mitzubringen, dann nutzen Sie diese und beschäftigen sich mit Ländern oder auch Teilgesellschaften im Inland, in denen diese Sprache gesprochen wird. Ziehen Sie auch einen Auslandsaufenthalt in Betracht, um andere Gesellschaften und Sprachen besser kennen zu lernen.
Die lingua franca der Wissenschaften: Englisch
Aber niemand kann alle Sprachen sprechen, und so hat sich immer wieder eine Sprache als lingua franca, als Verkehrssprache entweder von Regionen oder auch von gesellschaftlichen Teilbereichen durchgesetzt. Latein war eine der Verkehrssprachen in der europäischen Antike und hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als lingua franca im katholischen Christentum. Die heutige Verkehrssprache in den Wissenschaften ist Englisch; der Großteil aller Publikationen wird auf Englisch veröffentlicht, da diese Sprache weltweit gelehrt und gesprochen wird. Neben der Verbreitung der Sprache über die britische Kolonialpolitik ist ein weiterer Grund für die wissenschaftliche Nutzung des Englischen, dass die USA eine kulturelle und wissenschaftliche Hegemonie etabliert haben. Sie können aufgrund ihrer ökonomischen Potenz mehr Sozialwissenschaftler*innen unterhalten können als jedes andere Land. Außerdem besteht in den USA als offener, pluralistischer Gesellschaft – trotz der starken Gefährdungen ihrer Demokratie seit Mitte der 2010er Jahre – ein Interesse an sozialwissenschaftlicher Expertise, das praktisch alle gesellschaftlichen Felder, Weltregionen und politik- und verwaltungswissenschaftliche Themen umfasst.
Für Sozialwissenschaftler*innen bedeutet dies, dass zumindest die passive Beherrschung des Englischen, also die Lesefähigkeit, in den meisten Themenfeldern unverzichtbar ist. Hinzu kommt, dass die deutschsprachige sozialwissenschaftliche Community zu klein ist, um alle Themenfelder adäquat in Form eines Kommunikationsprozesses mit vielen Mitgliedern und daher pluralen Ansichten abzudecken. So gibt es zum Beispiel in der deutschsprachigen Politikwissenschaft zwar zu fast jedem Thema, seien es Länder in der vergleichenden Politikwissenschaft, Politikfelder oder politische Theorien, einige wenige deutschsprachige Expert*innen, aber ein Diskurs unter Einbeziehung einer Vielzahl wissenschaftlicher Meinungen und dadurch eine gründliche und aktuelle Abdeckung der Themen kommt erst zustande, wenn man fremdsprachige und aufgrund der Dominanz englischsprachige Politolog*innen einbezieht. Bei vielen Themenfeldern in der Soziologie oder den Bereichen der Verwaltungswissenschaft, die sich mit internationalen Verwaltungen befassen, ist dies ebenso.
Learning by Doing
Welche Vorgehensweise eignet sich nun, um mit einem – vielleicht sogar „eingerosteten“ – Schulenglisch wissenschaftliche Fachtexte zu lesen? Erstens gilt das Motto Learning by doing. Gerade bei „eingerosteten“ oder noch unzureichenden Englischkenntnissen ist der vicious circle (Teufelskreis), dass man langsam und wenig liest und dabei wenig versteht und das Lesen nicht genießt, zu durchbrechen (s. Abbildung 5). In die Erfolgsspur, den virtuous circle, kommt man leider nicht automatisch und ohne Anstrengung. Aber mit der richtigen Unterstützung, speziell auf Sozialwissenschaftler*innen zugeschnittene Angebote hier an der FernUniversität (Beile-Meister. 2005; Stiefenhöfer. 1999), sollte es gelingen. Wer mehr liest, versteht mit der Zeit besser, liest schneller und hat mehr Freude am Lesen. Und wer gerne liest, liest mehr …
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Zwei Kreisläufe werden gegenübergestellt. Jeder führt wieder zu seinem Anfang zurück.
- Vicious Circle
- Reads slowly → Doesn’t understand → Doesn’t read much → Doesn’t enjoy reading → Reads slowly.
- Virtuous Circle
- Reads faster → Understands better → Reads much → Enjoys reading → Reads faster.
Quelle: eigene Darstellung nach Stiefenhöfer. 1999: S. 11–12.
Zu Anfang empfiehlt es sich, zu einem bereits auf Deutsch bearbeiteten Thema englischsprachige Lektüre hinzuzuziehen und sich somit auf das Verständnis der Argumentation und der Sprache konzentrieren zu können. Ähnlich hilfreich ist die regelmäßige Lektüre von englischsprachigen Wochenmagazinen (The New Statesman, The Economist, Time, Newsweek etc.), die in Bibliotheken vorhanden oder über das Internet zugänglich sind. Viele der dort angesprochenen Themen werden auch in der deutschen Tagespresse behandelt, so dass die Texte mit Hilfe des inhaltlichen Vorverständnisses erschlossen werden können. Es geht hierbei nicht darum, Wort für Wort korrekt zu verstehen; wichtiger ist vielmehr, die Grundargumentation aufzunehmen und grundsätzlich zu verstehen, worum es geht. Zentrale, unbekannte Wörter kann man sich mit Wörterbüchern (gedruckt oder online) übersetzen lassen. Hierbei ist wichtig zu wissen, dass es häufiger keine Eins-zu-Eins-Übersetzung gibt, sondern dass ein Begriff mehrere Übersetzungsmöglichkeiten bietet. So bieten Standard-Übersetzungsprogramme im Internet für den Begriff „securitization“ die aus den Finanzwesen stammende Übersetzung „Verbriefung“ als erste und teils als einzige Option an. Wenn in politikwissenschaftlichen Kontexten von „securitization“ gesprochen wird, macht diese Übersetzung allerdings gar keinen Sinn. Also suchen Sie bitte weiter. Bei der Begriffsklärung in Wikipedia wird eine Alternative angeboten: „Versicherheitlichung, ein politikwissenschaftlicher Begriff“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Securitization; Zugriff 16.09.2022). Schauen Sie dort nach, um einen ersten Anhaltspunkt der politikwissenschaftlichen Bedeutung zu bekommen. In dem Wikipedia-Artikel sind Literaturverweise angegeben, die sich für die genaue Bedeutungsermittlung eignen.
Vertraute Fachvokabeln
Zwei nur scheinbar widersprüchliche Eigenschaften des sozialwissenschaftlich einschlägigen Wortschatzes machen das Verständnis englischer Texte sowohl einfach als auch schwierig: Einerseits besitzt das sozialwissenschaftliche Englisch einen relativ begrenzten und für Sprecher*innen anderer indoeuropäischer Sprachen zudem oft vertrauten Wortschatz. Kernbegriffe wie „Demokratie“ (democracy, démocratie, democrazia etc.) haben einen hohen Wiedererkennungswert und bereiten kaum Verständnisschwierigkeiten. Mit anderen Worten: Es sind relativ wenige und zumeist aus dem deutschen Fachjargon bekannte Vokabeln zu erlernen. Wenn man den Hauptstamm kennt, kann man sich die Bedeutung von Wörtern, die zu einer Wortfamilie gehören, leicht erschließen (z. B. democracy als Stammwort, davon abgeleitet democratic oder undemocratic).
Aber: Bedeutungsnuancen und -abweichungen
Andererseits ist bei vermeintlich Vertrautem vor Bedeutungsnuancen oder gar -abweichungen zu warnen, was selbst das sozialwissenschaftliche Englisch dann doch etwas schwieriger macht und mit der Bedeutungsentwicklung zentraler Begriffe zu tun hat. Das gilt zum Beispiel für den zentralen Begriff des Staates. Was damit genau gemeint ist, ist im kontinentaleuropäischen Bereich (mit der einstmaligen Überhöhung des Staates in Deutschland und dem fortdauernden Etatismus etwa in Frankreich) etwas anderes als in England und den USA. „States“, im Plural, sind im Falle der USA die Einzelstaaten. Der Bundesstaat als Ganzes (was wir im Deutschen „den Bund“ nennen) heißt in den USA oft („federal“) „government“ (was laut Lexikon zwar „Regierung“ bedeutet, faktisch jedoch die Bundesinstitutionen des politischen Systems der USA meint und damit den Kongress, also das Parlament, einschließt). Die (jeweils amtierende) Regierung wird in den USA dagegen gern „administration“ genannt (also etwa: die Gesundheitspolitik der Biden-Administration), was wiederum laut Wörterbuch eigentlich „Verwaltung“ bedeutet (und auch in diesem Sinne in den USA gebraucht wird, wenn etwa von „administrative law“ = Verwaltungsrecht gesprochen wird). Derartige Beispiele, die auf das Phänomen der „faux amis“ (franz. = falschen Freunde), also ähnlich klingender, aber abweichende Bedeutung tragender Begriffe verweist, verdeutlichen nochmals den engen Zusammenhang von gesellschaftlicher und sprachlicher Entwicklung und belegen damit, dass ein genaueres Sicheinlassen auf fremde Sprachen für die sozialwissenschaftliche Analyse sehr wichtig ist.
Der Kontext
Der bei weitem wichtigste Weg, die Bedeutung eines unbekannten Wortes zu ermitteln, ist der Kontext, in dem es erscheint. Wenn man den Rest des Satzes verstanden hat, kann das fehlende Wort nur noch wenige Bedeutungen haben, die man intelligent, d. h. begründet, erraten kann. Eine andere Technik ist, sich Szenen vorzustellen, um dann die Wortbedeutung zu ermitteln. Der Kontext, der bekannt ist oder der schon verstanden wurde, lässt dann nur wenige „virtuelle“ Abläufe zu, zu denen die fehlende Vokabel dann passen muss. Es hilft auch, unbekannte Wörter bzw. unverständliche Sätze laut auszusprechen. Beispielsweise kann man sich bei dem Satz: „The coalition cracked“ aufgrund der Aussprache von „cracked“ vorstellen, dass die Koalition auseinanderbrach.
Mit Lücken leben
Ein letzter wichtiger Aspekt ist die mentale Einstellung zum fremdsprachigen Text. Als Leser*in muss man lernen, mit Lücken zu leben, was heißt, dass man nicht jedes einzelne Wort verstehen muss, sondern den generellen Sinn des Absatzes oder Satzes. Für die Rekonstruktion der Argumentation reicht das meist aus, und wenn Details entscheidend sind, dann helfen die Wörterbücher.
3.3 Direkte wissenschaftliche Kommunikation
Immer wieder werden Sie im Studium direkt mit Wissenschaftler*innen kommunizieren, sei es in Seminaren, Prüfungen, auf wissenschaftlichen Tagungen, beim Vorstellungsgespräch für einen studentischen Nebenjob oder bei der Absprache von Hausarbeitsthemen. Ein eloquentes, der Situation adäquates Auftreten ist hierbei entscheidend.
3.3.1 Referieren und Vortragen
Mündliche Präsentation in sozialwissenschaftlichen Berufsfeldern
In allen Berufen, die mit einem sozialwissenschaftlichen Studienabschluss ergriffen werden können, zählt die mündliche Präsentation von Arbeitsergebnissen zur alltäglichen Arbeit. Entscheiden Sie sich für eine wissenschaftliche Karriere, dann stellen Sie Ihre Forschung vor oder halten Vorlesungen. Arbeiten Sie in der öffentlichen Verwaltung, geht es um die Planung und Umsetzung von Vorhaben, Projekten oder die Implementierung neuer Vorschriften, die Kolleg*innen und Vorgesetzten oder den Bürger*innen vorgestellt und mit ihnen diskutiert werden. Und auch in vielen weiteren Berufen, auf die mit einem sozialwissenschaftlichen Studium vorbereitet wird, ist die mündliche Präsentation unentbehrlich, sei es im Journalismus, in der freien Wirtschaft, in Kultureinrichtungen wie Museen oder Bildungseinrichtungen wie Volkshochschulen. Klassischerweise präsentiert und redet man vor Ort; seit 2020 haben Präsentationen online in Videokonferenzen deutlich an Stellenwert gewonnen.
Im Studium werden Sie auf diese Anforderungen vorbereitet. Sie erlernen mündliche Präsentationsformen: Referate und Vorträge, Seminare und Workshops oder Kolloquien und Prüfungsgespräche werden immer wieder im Studium vorkommen. Wir empfehlen, solche Aufgaben freiwillig zu übernehmen, wenn dies angeboten wird. Viele dieser mündlichen Präsentationsformen werden auch als Prüfungsleistung eingesetzt, die man möglichst nicht ohne vorherige Erfahrung mit der mündlichen Präsentation angehen sollte. Übung führt auch hier zur Meisterschaft. Worauf sollte man beim mündlichen Präsentieren achten? Die Grundregeln Martin Luthers von 1530, die einen guten Prediger ausmachen, gelten auch allgemein:
„zum ersten, daß er auftrete; zum anderen, daß er das Maul auftu, und etwas sage; zum dritten, daß er auch könne aufhören.“ (Luther. 1925: S. 109)
Oftmals wird das im heutigen Deutsch sinngemäß zitiert: Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf!
Tritt fest auf
Gehen Sie selbstbewusst ans Rednerpult oder in die Videokonferenz. Dazu ist es zunächst erforderlich, das Referat oder die Rede inhaltlich gut vorzubereiten. Erarbeiten Sie sich das sozialwissenschaftliche Problem gründlich. Fehlende sachliche Kompetenz führt zu einem unsicheren Auftreten, das von den Zuhörer*innen sofort bemerkt wird. Von Studierenden (oder auch von erfahrenen Sozialwissenschaftler*innen) wird niemand verlangen, das gesamte Spektrum der Sozialwissenschaften abdecken zu können. Aber das Thema des Vortrags sollte beherrscht werden.
Der Spannungsbogen
Zur Vorbereitung gehört, den Vortrag sinnvoll zu strukturieren und zu gliedern. Hierzu ist das Mind-Mapping (s. S. 85) eine gute Hilfe. Bauen Sie einen Spannungsbogen auf, von der Einleitung mit der Vorstellung des Themas und der zu behandelnden Fragen über die aufeinander aufbauenden Argumente im Hauptteil bis zum Schluss, in dem die Fragen beantwortet werden sollten. Die Grobstruktur des Vortrags kann man in der Einleitung vorstellen, aber auf eine Feingliederung verzichten. Einen Einstieg in die Thematik über eine Anekdote, ein Paradox, ein Dilemma oder eine besondere Begebenheit, um das Themenfeld vorzubereiten und die Zuhörerschaft aus ihrer Lebenswelt abzuholen, kann gut vorbereitet werden und als „Eisbrecher“ dienen.
Der Hauptteil
Im Hauptteil des wissenschaftlichen Vortrages dominiert dann die Analyse von Fakten, Tatbeständen oder Aussagen. Beachten Sie hierbei insbesondere die Vorkenntnisse Ihres Publikums: Wenn es fachlich versiert ist (Vortrag vor Wissenschaftler*innen), kann man sich auf das Spezialgebiet beschränken. Handelt es sich um eine erste Einführung in ein Thema oder einen Vortrag an einer Volkshochschule mit allgemeinbildendem Charakter, sind einige Hintergrundinformationen zum Verständnis des Themas oft unumgänglich. Eine wesentliche Aufgabe für Sozialwissenschaftler*innen ist aber auch das Bewerten der vorgetragenen Fakten, d. h. die eigene, subjektive, aber wissenschaftlich begründete Meinung bzw. die wissenschaftliche Botschaft, die an die Frau und den Mann im Auditorium gebracht werden soll. Um diese entwickeln zu können, ist eine gewisse wissenschaftliche Distanz zum Gegenstand notwendig. Außerdem interessiert sich das Publikum meist für die Kriterien, die der Bewertung zu Grunde liegen.
Die Folien
Den Vortrag kann man durch den Einsatz visueller Hilfsmittel besser verständlich machen. Die meisten Vortragsräume sind mittlerweile mit Beamern ausgestattet, so dass eine computergestützte Präsentation (häufig genutzte Programme sind MS Powerpoint, LibreOffice/OpenOffice Impress, Keynote, Prezi) der Stand der Dinge ist. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass über die gesamte Zeit des Vortrags eine Internetverbindung besteht. Sicherheitshalber kann man eine Präsentation in das Pdf-Format konvertieren und lokal speichern, wenn zum Vortrag ein Fremdrechner genutzt werden soll – ein Pdf-Reader ist auf den allermeisten Rechnern vorhanden.
Präsentationen lassen sich auch online bei den gängigen Videokonferenzprogrammen einblenden. Machen Sie sich im Vorfeld mit den technischen Möglichkeiten im Vortragsraum oder in der genutzten Konferenzsoftware vertraut. Neben der inhaltlichen Komponente speist sich das Selbstbewusstsein aus dem Beherrschen der Technik. Bei der Foliengestaltung ist folgendes zu beachten (s. ausführlich: Hey. 2019: S. 75–92):
Foliengestaltung
-
Benutzen Sie das voreingestellte Querformat – die meisten Räume sind nicht hoch genug, um eine Folie im Längsformat für alle lesbar zu projizieren. Auch für Bildschirme bei Online-Präsentationen, insbesondere für die kleinen Smartphone-Monitore, ist das Querformat vorteilhaft.
-
Verwenden Sie eine große, serifenlose Schriftart – besser zu groß (mindestens 20 Punkt, bei größeren Räumen bis zu 48 Punkt) als zu klein. Überschriften deutlich hervorheben (4 Punkt größer; Fettdruck).
-
Lesbarkeit geht vor. Nutzen Sie starke Kontraste zwischen Schrift und Hintergrund (dunkler Hintergrund – helle Schrift; heller Hintergrund – dunkle Schrift). Vermeiden Sie Farbverläufe im Hintergrund (von hell zu dunkel oder umgekehrt), denn dann ist der Kontrast teilweise geringer und die Schrift schwer lesbar.
-
Reduzieren Sie die Informationen je Folie auf wenige Punkte – verwenden Sie Stichworte oder klare und überschaubare Grafiken, zu denen die ergänzenden Informationen vorgetragen werden. Blenden Sie Informationen schrittweise ein (Animationen). Aber bitte nicht zu viele Effekte mischen. Verteilen Sie Inhalte über mehrere Folien.
-
Benutzen Sie nicht die „Folienschleuder“ – weniger ist oft mehr. Die Präsentation soll primär dem Publikum helfen, dem Vortrag zu folgen, und nur sekundär die Stütze für Vortragende sein. Leider ist es oft andersherum: „most people use PowerPoint like a drunk uses a lamppost – for support rather than illumination“ (David Ogilvy, zit. in Hedges. 14.11.2014).
Nicht wegdrehen
Reden Sie weiterhin zum Publikum, wenn Sie Folien präsentieren, drehen Sie sich nicht zur Leinwand hinter Ihnen um. Ein kleiner Laptop zeigt die Folien an, und Sie können zusätzliche Hinweise einarbeiten, die nur in einer Referentenansicht sichtbar sind. Auch online kann man die Bildschirmpräsentation zeigen und auf einem weiteren Bildschirm oder in einem anderen Fenster die Möglichkeiten der Referentenansicht nutzen.
Probevortrag
Im Vorfeld sollte das Referat geübt werden, am besten vor vertrauten Personen, die sowohl eine positive Rückmeldung geben als auch Verbesserungen vorschlagen. Es bietet sich an, sich dabei zu filmen. Der eigene Sprachduktus, die Gestik, der Blick auf den Laptop oder die Karteikarten in der Hand, all das bemerkt man erst, wenn man sich selbst sieht. Vor allem merkt man beim lauten Vortragen erst, wie lang eine mündliche Präsentation dauert. Da meist ein festgesetzter Zeitrahmen einzuhalten ist, kann man entsprechend reagieren: Material einbauen oder – viel häufiger – kürzen.
Mach‘s Maul auf! Laut und deutlich reden
Jetzt stehen Sie mit Selbstbewusstsein wegen der guten Vorbereitung am Pult, nun gilt es: „Machs Maul auf!“ Hiermit ist zunächst gemeint, deutlich und dem Raum in Lautstärke und Geschwindigkeit angemessen zu reden. Probieren Sie im Vorfeld die Akustik im Raum aus und auch, wie ein eventuell vorhandenes Mikrophon auf Ihre Sprache reagiert. „Machs Maul auf!“ heißt aber auch: Sie sind jetzt in Ihrem Thema Fachfrau bzw. Fachmann, Sie haben etwas zu sagen, und Sie sollen es sagen. Das Publikum ist gekommen, um Ihr Referat zu hören und an Ihrem Wissen teilzuhaben. Sprechen Sie aus, was Sie zum Thema vorbereitet haben. Nehmen Sie Ihr Publikum mit auf eine Reise, erzählen Sie eine Geschichte und versuchen Sie, Ihre zentralen Punkte so zu vermitteln, dass sie in Erinnerung bleiben (Reynolds (Hrsg.). o. J.)
Körperhaltung
Denken Sie bei der Rede an Ihre Körperhaltung. Sie beeinflusst, wie Worte zum Ohr der Rezipienten kommen: Genuschelt und unklar oder deutlich und klar. Abbildung 6 verdeutlicht dies:
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Zwei Zeichnungen zeigen einen Redner am Pult. Links steht er aufrecht mit erhobenem Kopf und zum Publikum gerichtetem Blick. Rechts steht er nach vorn gebeugt und blickt auf das Manuskript am Pult.
Quelle: Simonis und Elbers. 2011: S. 204.
Nicht ablesen ...
Sie zeigt auch, warum ein Vortrag oder Referat möglichst nicht abgelesen werden sollte. Die Körperhaltung wird schlechter, die Töne gehen nicht nach vorne in den Zuschauerraum, sondern nach unten, und der Kontakt zum Publikum geht verloren. Schon viele Ableser*innen haben nach einigen Absätzen zufällig hochgeschaut und erst dann gesehen, dass die Hörer*innen eingeschlafen waren. Nur mit Blickkontakt kann man auf die Zuschauer reagieren, bestätigende oder ablehnende Gesten aufnehmen und so den Vortrag zu einem Dialog machen.
... nur wenn’s nötig ist
Nun hat wohl noch kein*e Student*in – auch wir nicht – das erste Referat oder den ersten Vortrag frei gehalten. Es ist selbstverständlich möglich, ein Manuskript zu schreiben und als Grundlage zu nehmen. Daraus kann man dann die Stichworte herausfiltern und z. B. auf Karteikarten übertragen, die als notwendige Gedächtnisstütze dienen. Wenn die Unsicherheit groß ist, kann dann auch noch auf das Manuskript zurückgegriffen werden – und deshalb sollte es nicht in der üblichen Schriftsprache mit vielen Neben- und Schachtelsätzen abgefasst sein. Eine einfache Sprache mit vielen Hauptsätzen ist vorzuziehen. Zitate von Dritten müssen stimmen, und deshalb muss man sie ablesen; sie sollten nicht zu lang sein und die Rede gezielt „würzen“. Zahlen und Statistiken werden besser visuell unterstützt präsentiert – als Grafik, Tabelle oder als Stichpunkt auf der Folie oder dem Handzettel.
Hör bald auf: Nicht über eine Stunde!
Nur nicht zu lange reden – Zuhören ermüdet. Die Ratschläge über die maximale Länge einer Rede, eines Referates oder eines Vortrages variieren – von dreißig Minuten bis zu einer Stunde. Wenn Sie im universitären Rahmen vortragen, halten Sie sich an die Vorgaben. Es muss auch nicht alles, was wissenswert ist, im Vortrag erzählt werden. Zumeist gibt es im Anschluss eine Diskussion, und für diese sollten Sie sich einige „Zuckerstückchen“ – d. h. nicht grundlegende Fakten zum Thema, sondern zusätzliche Informationen – aufbewahren, die Sie dann nachschieben können. Der Schlussteil kann ein Fazit oder einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen enthalten, und vor allem sollte er Anregungen zur Diskussion enthalten. Im Schlussteil stellen Sie die Weichen dafür, und so können Sie den Gang der Diskussion im Anschluss an Ihren Vortrag mitbestimmen. Dann eignet sich auch eine Formel wie: „Und mit diesen Anregungen für die Diskussion möchte ich den Vortrag beenden.“ Auch ein schlichtes „Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.“ oder Ähnliches ist als Schlusswort möglich.
All das zur Kunst der Rede und noch viel mehr hat der Schriftsteller Kurt Tucholsky schon im Jahr 1930 (1997: S. 136) prägnant zusammengefasst:
Ratschläge für einen guten Redner Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze. Klare Disposition im Kopf – möglichst wenig auf dem Papier. Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe. Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben die Leute zu Hause. Der Ton einer einzelnen Sprechstimme ermüdet; sprich nie länger als vierzig Minuten. Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen. Ein Podium ist eine unbarmherzige Sache – da steht der Mensch nackter als im Sonnenbad. Merk Otto Brahms Spruch: Wat jestrichen is, kann nich durchfalln.
3.3.2 Persönliche Kommunikation
Neben der öffentlichen Kommunikation ist die direkte, persönliche Kommunikation in der Wissenschaft von großer Bedeutung. Ein Beispiel: Nur durch persönliche Kontakte, An- und Absprachen und ein vertrauliches Zusammenarbeiten entstehen viele Forschungsprojekte, aus denen Publikationen hervorgehen, die in Co-Autorenschaft oder als Sammelbände verfasst sind. Auch im Studienalltag werden Sie mit Wissenschaftler*innen, zumeist in ihrer Rolle als Dozent*innen, öfter persönlich kommunizieren.
E-Mails
Ein gängiges Kommunikationsmittel in der Wissenschaft ist die E-Mail. Viele Dozentinnen und Dozenten an Universitäten bevorzugen die E-Mail, um Themen für Hausarbeiten oder Referate abzusprechen. In wissenschaftlichen Publikationen findet sich oftmals eine Kontaktadresse, unter der man den oder die Autor*innen erreichen kann.
Beim Verfassen von E-Mails sollte man sich daran orientieren, was für berufliche und geschäftliche Korrespondenz gilt: höflich, knapp, sprachlich und inhaltlich richtig sollte es sein. Im Einzelnen (s. Stöckl (Hrsg.). 2017):
-
Senden Sie E-Mails gezielt an den oder die richtigen Empfänger. Eine Rundmail an alle Professor*innen, man wolle eine Hausarbeit schreiben und bitte um Vorschläge und eine ausführliche Anleitung, wie das alles geht, wird auf wenig Gegenliebe stoßen. Wenden Sie sich mit einem konkreten Vorschlag genau an eine*n Dozent*in.
-
Wählen Sie einen aussagekräftigen Betreff – er dient als Türöffner. Empfänger*innen sollten anhand des Betreffs das Thema der Mail und die Priorität einschätzen können.
-
Seien Sie höflich. Verwenden Sie passende Anrede- und Abschiedsformeln – „Hallo Prof“ zählt nicht dazu. Seien Sie auch in der Wortwahl höflich. Teilen Sie in einer Signatur mit, wer Sie sind und wie man Sie erreichen kann.
-
Oftmals stellt die Hochschule Studierenden eine E-Mail-Adresse zur Verfügung – nutzen Sie diese. Dadurch wird deutlich, dass Sie der Hochschule angehören. Falls das nicht der Fall ist: Benutzen Sie eine E-Mail-Adresse, aus der Ihre Ernsthaftigkeit hervorgeht. „
This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. “ oder „This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. “ sollten Sie dienstlich nicht nutzen. -
Fassen Sie sich kurz, zeigen Sie aber, dass Sie informiert sind. Behandeln Sie pro E-Mail nur ein Thema. So bleibt die Korrespondenz übersichtlich.
-
Hängen Sie angekündigte Anhänge auch wirklich an, am besten als Pdf-Datei, da dieses Format plattformunabhängig gut lesbar ist. Dateien und Formate, die interaktive Elemente enthalten, sollten Sie aus Gründen der Cybersicherheit nur nach Absprache mit den Empfänger*innen zusenden.
Das persönliche Beratungsgespräch
Verfolgen wir den Ablauf einer Themenabsprache für eine Hausarbeit weiter. Per E-Mail bekommen Sie die Rückmeldung, dass die Dozentin oder der Dozent Details im persönlichen Gespräch, sei es vor Ort, per Telefon oder per Videostream, besprechen möchte. Auch dabei sind höfliche Umgangsformen von Vorteil: Den Termin pünktlich wahrnehmen oder ihn frühzeitig absagen oder verlegen, warten, bis man hereingerufen oder in die Videokonferenz eingelassen wird und ein ordentliches Auftreten bilden die Basis, ernst genommen zu werden. Stellen Sie sich selbst und Ihr Anliegen vor und nennen Sie auch das Modul oder Seminar, zu dem Sie arbeiten oder geprüft werden möchten. Gehen Sie vorbereitet in das Gespräch. Nehmen Sie Ihr Konzept mit und zeigen Sie, dass Sie die recherchierte Literatur kennen. Machen Sie sich Notizen. Versuchen Sie, auf Kritik vorbereitet zu sein, sie konstruktiv anzunehmen und Alternativen parat zu haben. Ein*e Dozent*in wird sich auch Notizen machen. Das, was besprochen wurde, wird in der Hausarbeit erwartet und auch bewertet. Und am Wichtigsten: Stellen Sie Fragen! Einen inhaltlichen Austausch über ein wissenschaftliches Thema mögen Dozent*innen zumeist. Sie können stark profitieren, wenn Sie Vorgehensweisen, die Nutzung von Theorien oder Methoden oder das konkrete Untersuchungsfeld detailliert ansprechen und schon im Gespräch zeigen, dass Sie für Ihr Thema brennen (Berlekamp. 21.06.2016).
Kommunikation unter Studierenden
Neben den Dozent*innen sind Ihre Kommiliton*innen die wichtigsten Gesprächspartner im Studium. Gehen Sie davon aus, dass Ihre Mitstudierenden ähnliche Interessen, Verständnis-, Zeit- oder Finanzierungsprobleme wie Sie haben. Studierende in höheren Semestern haben schon Erfahrungen mit bestimmten Lehrenden gemacht, Module und Prüfungen erfolgreich absolviert und damit einen Erfahrungsschatz angehäuft, von dem Sie profitieren können. Bilden Sie mit Studierenden, die im selben Modul sind wie Sie, Arbeitsgruppen, um sich Wissen im Team anzueignen, durchzusprechen und schwierige Aspekte gemeinschaftlich zu klären. Neben dem persönlichen Treffen können Sie Videokonferenzen nutzen, um direkt miteinander zu reden. Hilfsmittel wie eingeblendete Präsentationen, Whiteboards oder kleine Umfragen können sinnvoll eingebunden werden. Aber auch Foren, wie wir sie in Moodle anbieten, können sehr sinnvoll sein, da Fragen und Antworten von mehreren Studierenden gelesen werden können. Auch Mitlesen hilft, doch die aktive Teilnahme vieler Studierenden macht Foren erst lebendig. Denn der Lernprozess in den Sozialwissenschaften ist ein kommunikativer – vielfältige wissenschaftliche Positionen und Meinungen treffen einander, und man eröffnet neue Perspektiven auf den Stoff, der an der Universität gelehrt wird.
4 Sozialwissenschaften als Lehr- und Lernprozess
Im zweiten und dritten Kapitel habe ich gezeigt, wie in den Sozialwissenschaften geforscht und kommuniziert wird. In diesem Kapitel wird es jetzt konkret darum gehen, wie Sozialwissenschaften gelehrt und gelernt werden und wie Sie sozialwissenschaftlich arbeiten können.
B.A. PVS
An der FernUniversität werden die Fächer Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaft und Soziologie gemeinsam im B.A. PVS gelehrt. Das ergibt Sinn, denn es existieren viele Gemeinsamkeiten, auch wenn die Gegenstände der Disziplinen unterhalb des gemeinsamen Nenners, dass es um das Soziale geht, unterschiedlich sind. Aber: Sowohl die Methoden und die Vorgehensweisen werden gemeinsam entwickelt und genutzt, es gibt einen gemeinsamen Theoriefundus und vielfältige Beziehungen und gegenseitige Befruchtungen zwischen den Disziplinen (s. Abbildung 7).
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Oben stehen Verwaltungswissenschaften, Soziologie und Politikwissenschaft. Zwischen benachbarten Fächern zeigen Pfeile in beide Richtungen.
- Gemeinsamer Theoriefundus: Für jedes der drei Fächer sind Spezialtheorien eingezeichnet. Die Fächer sind mit ihren Spezialtheorien in beide Richtungen verbunden.
- Wissen über den Gegenstand: das Soziale. Für jedes Fach ist Spezialwissen eingezeichnet. Zwischen Spezialtheorien und Spezialwissen zeigen Pfeile in beide Richtungen.
- Methoden und Vorgehensweisen bilden die untere Ebene.
- Die seitlichen Verbindungen sind mit „Einordnung“, „Erfassen der Wirklichkeit“ und „Bewährung oder Falsifikation“ beschriftet.
Quelle: Eigene Darstellung.
Basisphase
Alle in der Grafik angesprochenen Elemente werden Sie in Ihrem BA-Studium in unterschiedlicher Weise erlernen. In den Basismodulen zur Soziologie, zur Verwaltungswissenschaft und zur Politikwissenschaft wird zunächst eine gemeinsame Wissensbasis über die Gegenstände des Studiums vermittelt, einschließlich grundlegender Theorien, wie die einzelnen Elemente, die Strukturen, Akteure und Gegenstände miteinander verknüpft sind, welche Wirkungsweisen und Erwartungen es gibt. Hierbei wird sowohl der Theoriefundus angesprochen, aber es kommen auch schon erste Spezialtheorien für bestimmte Gegenstände, Akteure und Situationen zur Sprache. Wenn diese Basis gelegt ist, erlernen Sie das Handwerkszeug zum Erfassen der Wirklichkeit, die empirischen Methoden. Die quantitativen Methoden sind verpflichtend, die qualitativen Methoden gehören schon zu den Wahlmodulen. Mit dem methodischen Vorgehen erfassen Sozialwissenschaftler*innen die Wirklichkeit; das Wissen über das Soziale wird vertieft, Irrtümer werden aufgeklärt (Falsifikation) und neues Wissen wird generiert.
Intervenierender Faktor: die Aktualität
Das sozialwissenschaftliche Wissen ist also nicht statisch, sondern es ist immer im Fluss. Unerwartete Ereignisse können auftreten und die Gesellschaft, die Verwaltung und die Politik vor neue Probleme stellen: Die Sozialwissenschaften sollen dann die Politik, die Gesellschaft und die Verwaltungen beraten, Orientierung in einer unübersichtlichen sozialen Lage ermöglichen und Entscheidungen mit vorbereiten.
Corona-Pandemie
Ein Beispiel bietet die Corona-Pandemie seit Anfang 2020: Dass die gesamte Gesellschaft dermaßen stark betroffen ist, Schulen schließen müssen, Ausgangssperren verhängt werden u.v.m. – im Vorfeld hätte das kaum jemand für möglich gehalten. Die Verwaltungen mussten in völlig neuen Situationen Entscheidungen schnell treffen oder umsetzen. Kurzum: Es entstand ein neues Forschungsfeld: die Coronafolgen-Forschung.
Russland-Ukraine-Krieg
Ein zweites Beispiel betrifft die internationale Politik: Nach einem Vierteljahrhundert, in dem es recht ruhig und friedlich in Europa zuging, zettelte Russland unter Präsident Vladimir Putin im Februar 2022 den Ukraine-Krieg an. Die Bundeswehr sollte von einem Moment auf den anderen modernisiert werden. Die NATO gewann an Bedeutung. Die Energiesicherheit, die in Deutschland von der Bevölkerung als gegeben angesehen wurde, wurde zum großen Thema, da die Preise stiegen und Russland als größter Erdgaslieferant Deutschlands die Liefermengen reduzierte. Auch diese Änderungen griffen stark in die Gesellschaft und in die Verwaltung ein. Wissenschaftlich betrachtet gerieten Theorien, die einen spill-over-Effekt (sich vertiefende wirtschaftliche Beziehungen zwischen Staaten führen zu verbesserten politische Beziehungen) postulierten, ins Hintertreffen. Andere Theoriestränge, die z. B. erklären, wie autoritäre Herrscher*innen agieren und wie demokratische Gesellschaften mit ihnen umgehen sollten, traten in den Vordergrund. Es gibt also ständige Rückkopplungsschleifen zwischen Faktenwissen, der theoretischen Einordnung und der Überprüfung an der Wirklichkeit.
Vertiefungsphase
In der Vertiefungsphase können Sie aus unterschiedlichen Modulen auswählen, einen fachlichen Schwerpunkt legen und dabei Ihre eigenen Interessen in den Mittelpunkt stellen. Bis dahin sollte Ihnen klar geworden sein, was Sie mit den Studieninhalten weiterhin anfangen wollen und wie und für wen Sie das erworbene Wissen und die Kenntnisse einsetzen möchten (vgl. Junne. 1993: S. 11). Studieren Sie berufsorientiert, dann können Sie mit den Schwerpunkten schon Weichen in eine bestimmte Richtung stellen, ebenso wenn Sie planen, in der Wissenschaft zu bleiben. Möchten Sie sich politisch oder gesellschaftlich engagieren, wählen Sie die Module, die Sie auf diese Tätigkeiten vorbereiten.
Fragen im Fernstudium
Bleiben Sie dabei offen für Neues und für Unerwartetes, und bleiben Sie selbstkritisch – das Studium ist ein Lernprozess, bei dem man nicht nur etwas über die Gesellschaft, die Politik oder die Verwaltung lernt, sondern zu allererst auch über sich selbst. Bin ich in der Lage, mich zu motivieren, auch wenn mir die Inhalte eines Moduls zunächst als nicht ganz so spannend erscheinen? Kann ich mein Leben zwischen Arbeit, Familie, Hobbies und Engagement über mehrere Jahre hinweg so strukturieren, dass genügend Zeit für das Studium bleibt und es für mich ein Gewinn und keine Last ist? Komme ich mit den Werkzeugen der Sozialwissenschaften zurecht, liegen mir Datenerhebung und Statistik, Interviews oder die Analyse von Diskursen? Schreibe ich gerne wissenschaftliche Texte? Präsentiere ich gerne meine Ergebnisse? Es wird nicht immer alles sofort gut funktionieren – einige Dinge erlernt man leicht, bei anderen tut man sich schwerer. Habe ich das Durchhaltevermögen, das ein Fernstudium verlangt?
Lerngruppen bilden
Sehr hilfreich ist es, sich mit anderen Studierenden auszutauschen und Lerngruppen zu bilden. Motivieren Sie sich gegenseitig, meckern Sie über Inhalte oder Lehrende, aber versuchen Sie, gemeinsam Module zu bestreiten, Inhalte zu diskutieren und sich Wissen zu erschließen. Hier ist die moderne Kommunikationstechnik von großer Bedeutung. Nutzen Sie die Angebote der Universität wie Zoom oder Adobe Connect, um miteinander jederzeit und über große Distanzen hinweg zu reden und ein Gesicht dazu zu sehen. Aber Sie können sich auch Lernorte in den sozialen Medien oder auf dem Discord-Server einrichten. Die FernUniversität hat überdies in vielen großen Städten Campusse, die insbesondere als Ort der Kommunikation zwischen Studierenden angelegt sind. Dort können Sie gemeinsam lernen und haben die technische Infrastruktur der FernUniversität, insbesondere der Universitätsbibliothek zur Verfügung.
4.1 Ganz praktisch: Die Anwendung im Studium
Die Aufnahme des Studiums ist zumeist mit dem Schritt in eine neue Lebensphase verbunden. Am deutlichsten wird das, wenn man direkt nach der Hochschulreife 18- oder 19-jährig zu studieren beginnt, bei den Eltern aus- und in eine fremde Stadt umzieht und sich seinen Lebensunterhalt – zumindest teilweise – selbst verdienen muss. Aber auch, wenn man ein Studium später aufnimmt, eventuell mit Ende 20, um den Master als Zugangsvoraussetzung für den Höheren Beamtendienst zu erwerben, mit Ende 30, um sich nochmals beruflich umzuorientieren, oder mit Ende 40, um das gesellschaftliche und politische Engagement wissenschaftlich zu unterfüttern, immer ist es notwendig, das Studium in die Lebenssituation einzupassen und den Alltag zugunsten des Studiums umzustellen. Das ist kein einfaches Unterfangen, wie die Vielzahl an Ratgeberliteratur zeigt (eine aktuelle Auswahl: Bazhin. 2017; Bensberg. 2021; Koch. 2020; Reichel. 2019; Reichel. 2020a; Reichel. 2020b; Reichel. 2021). In diesen Büchern werden Themen wie Motivation, Studienorganisation, Lernstrategien und Zeitmanagement abgehandelt, zumeist mit der vertraulichen Anrede „Du“. Im Folgenden spreche ich die Hauptprobleme an, die sich im Studium ergeben, und biete Lösungsmöglichkeiten an. Hierbei gilt: Nicht jede*r hat alle Probleme gleichermaßen. Die pauschale Lösung für alle gibt es nicht.
4.1.1 Motivation
Mit Vorfreude und hochmotiviert nimmt man ein Studium auf, doch schon in den ersten Semestern kann diese sinken. Das kann am Lernstoff liegen: In allen Studiengängen werden in den ersten Semestern die Grundlagen vermittelt; einiges weiß man schon aus der Schulzeit, anderes, weil man sich für die Thematik schon länger interessiert und sich eingelesen hat oder einschlägige Fernsehsendungen oder Videos angesehen hat: Das Neue und Herausfordernde fehlt noch. Oder umgekehrt: Die schulische Basis und das Vorwissen erweisen sich als nicht besonders tragfähig, und der Studienstoff ist so reichhaltig und herausfordernd, dass man glaubt, vor einem unbesteigbaren Berg zu stehen. Aber auch das Umfeld kann sich ebenso positiv wie negativ auf die Studienmotivation auswirken. Ein gemeinsamer Start ins Studium mit einer Einführungswoche und der Möglichkeit, Kommiliton*innen kennen zu lernen und mit ihnen gemeinsam die Herausforderungen zu meistern, kann die Motivation fördern. Das Gegenteil war für viele Studierende in der Corona-Pandemie 2020/21 der Fall: Sie waren in fremden Städten auf sich alleine gestellt und mussten auf die üblichen Formen des sozialen Miteinanders verzichten. Die Vorlesungen und Seminare fanden online statt. In dieser Situation litt bei vielen Studierenden die Motivation.
Intrinsische und extrinsische Motivation
Es gibt die Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation, die beide beim Studium eine große Rolle spielen. Die intrinsische Motivation speist sich aus den Eigeninteressen von Studierenden, sei es der spannende Studieninhalt, mit dem man sich gerne beschäftigt, oder die Aussicht, mit dem Studium in den gewünschten Beruf einsteigen zu können. Extrinsische Motivation kommt von außen, sei es, mit guten Leistungen den Dozent*innen oder dem eigenen Umfeld gefallen zu wollen oder bestimmte Studienabschnitte pünktlich zu meistern, um den Anspruch auf das BAföG nicht zu verlieren. Intrinsische und extrinsische Motivation ergänzen sich im Idealfall (s. Bensberg. 2021: S. 145), aber ohne eine zumindest ausreichende Selbstmotivation wirken externe Anreize entweder nur temporär oder sind sogar kontraproduktiv (Sprenger. 2021). Trotzdem ist manchmal ein „Arschtritt“ (Reichel. 2019) notwendig, um wieder Motivation aufzubauen.
Der wichtigste Schritt, um intrinsische Motivation aufzubauen, ist die Wahl eines Studienfaches, für das Sie sich begeistern. Vom Inhalt zumindest eines Großteils der Vorlesungen oder Seminare fasziniert zu sein, ist die halbe Miete. In vielen Studiengängen gibt es, zumindest in höheren Semestern, Wahlmöglichkeiten. Nutzen Sie diese, um einen für Sie selbst passenden Fokus im Studium zu legen. Und vergegenwärtigen Sie sich immer wieder, was Sie persönlich mit dem Studium erreichen möchten: die Zugangsmöglichkeit zu einer beruflichen Karriere oder die Freude daran, das erworbene Wissen sozial verantwortlich für die Gesellschaft zu nutzen. Aber gehen Sie auch darauf ein, wenn Sie jemand extrinsisch motivieren möchte. Der monetäre Anreiz aus der Verwandtschaft, das fördernde Lob von Dozent*innen oder eine zusätzliche, schöne Stunde mit dem Freund oder der Freundin kann kurzfristig durchaus dazu beitragen, Studienabschnitte motivierter und damit schneller und erfolgreicher zu meistern.
4.1.2 Studienorganisation
Studieren heißt sich selbst zu organisieren und sich dadurch ein Umfeld zu schaffen, in dem Studieren gut möglich ist. Ein geeignetes soziales und finanzielles Umfeld, Gesundheit und ein gut gestalteter Arbeitsplatz sind als Voraussetzungen wichtig, so dass die enger gefasste Studienorganisation wenig Aufwand bedeutet.
Soziales Umfeld
Das soziale Umfeld ist alleine schon für die Aufnahme eines Studiums von großer Bedeutung:
„Nur 27 Prozent der Grundschülerinnen und -grundschüler aus einem Nichtakademikerhaushalt beginnen später ein Studium. Bei Akademikerkindern sind es 79 Prozent“ (Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. 2022: S. 13).
Nun kann man sich seine Eltern nicht aussuchen, aber egal, welche soziale Herkunft man hat: Einige Gestaltungsmöglichkeiten sind vorhanden. Zwei Beispiele mögen das verdeutlichen. So können Studierende aus einem Akademikerhaushalt unter dem Erwartungsdruck stehen, die Karriere der Eltern als Ärzte, Rechtsanwälte oder Unternehmensleiter fortzuführen, obwohl die eigene Interessenlage eine ganz andere ist. Aber das soziale Umfeld, das Wissen um Alternativen und die finanzielle Situation erlauben es grundsätzlich, Überzeugungsarbeit zu leisten und den eigenen Weg zu gehen. Schwieriger ist es im gegenteiligen Fall: In einem bildungsfernen Elternhaus oder in prekären Verhältnissen wird vom Studium abgeraten, es sei unnötig, zu kostspielig oder das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Sohns oder der Tochter fehlt (s. Quecke. 23.02.2022; Kissel. 26.07.2022). Oftmals fehlt es am Wissen darum, wie ein Studium absolviert oder finanziert werden kann. Versuchen Sie in jedem Fall, in Ihrem sozialen Umfeld – Familie, Freunde usw. – Verständnis für das Studium und die Studienfachwahl aufzubauen, so dass Sie zumindest moralisch unterstützt werden.
Finanzierung
Dazu kommt, dass man ein Studium finanzieren muss, egal, ob man an einer Präsenzuniversität, womöglich auf sich allein gestellt in einer fremden Stadt, oder an der FernUniversität in Hagen studiert. Gerade in Zeiten mit saftigen Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Energie und Wohnen, wie wir sie im Jahr 2022 erleben, schlägt es auch auf die Studienleistungen durch, wenn der Kopf hauptsächlich damit beschäftigt ist, durchzurechnen wie der Lebensunterhalt in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten gesichert werden kann. Nebenjobs sind für die meisten Studierenden eine schlichte Notwendigkeit, aber sie kosten Zeit und Kraft, die möglicherweise für das Studium fehlen. BAföG (http://www.bafög.de) bekommen längst nicht alle Studierenden; ein Studienkredit (https://www.studentenwerke.de/de/content/studienkredite) kann ein Rettungsanker sein, aber auch eine Belastung für das spätere Leben darstellen. Und selbst, wenn die Eltern es sich leisten könnten: Man will auch zeigen, dass man sein Leben selber organisiert bekommt. Ständig um einen Zuschuss zu einer vereinbarten Basisfinanzierung zu bitten, möchte man vielleicht auch nicht. Summa summarum: Die allermeisten Studierenden können finanziell nicht aus dem Vollen schöpfen. Darum ist es umso wichtiger, seine Finanzen so zu ordnen, dass ein funktionierender Rahmen vorhanden ist und die Zeit und die Ressourcen für das Studium gewährleistet sind.
Gesundheit und Arbeitsplatz
Körperliche und geistige Gesundheit sind weitere Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium. Nun sind auch hier die Voraussetzungen und die Problemlagen individuell, aber: Achten Sie auf Ihren Körper, und vermeiden Sie Krankheiten oder Verletzungen, gerade in entscheidenden Studienphasen, wenn es möglich ist. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass man mit einfachen Möglichkeiten wie Hände waschen, Masken oder den Verzicht auf den Handschlag oder Umarmungen zur Begrüßung Infektionskrankheiten reduzieren kann. Wenn man sich des Öfteren bewegt, selbst um nur ein Buch zu holen oder aus dem oberen Schrank einen Ordner, regt man den Kreislauf an und vermeidet Verspannungen. Ein ergonomisch sinnvoll eingerichteter Arbeitsplatz beugt durch eine abwechslungsreiche Sitzposition bzw. dem Wechsel zwischen Sitzen und Stehen Rückenproblemen vor. Ein Laptop ist zwar praktisch, da man ihn mitnehmen und unterwegs nutzen kann. Aber da die Tastatur und der Bildschirm fest verbunden sind, können der Winkel und die Entfernung zu den Augen nicht optimal eingestellt werden. Man sitzt oft vornübergebeugt, und die eher kleine Tastatur ist nicht ergonomisch geformt. Für das häufige Arbeiten am Bildschirm und mit Textverarbeitungen ist daher das traditionelle PC-Setting mit größerem Bildschirm und separater, am besten ergonomischer Tastatur empfehlenswert. Mit einer Dockingstation kann man einen Laptop zum „Motor“ eines solchen Settings machen. Zusätzlich schont eine gute Beleuchtung die Augen – man ermüdet nicht so schnell.
Arbeiten in der Bibliothek
Zusätzlich sollte ein Arbeitsplatz auch ruhig sein – ständige Störungen durch Mitbewohner*innen, Familienmitglieder oder lauten Straßenlärm beeinträchtigen die Konzentration beim Lernen. Es kann daher sinnvoll sein, seinen Arbeitsplatz nicht dort einzurichten, wo man wohnt, sondern zum Beispiel in eine Universitätsbibliothek auszuweichen. Dort ist es nicht nur ruhig, dieser Arbeitsplatz bietet weitere Vorteile: Die Versorgung mit gedruckter Literatur als auch die Anbindung an das Hochschulnetz für die Recherche und den Download lizensierter Online-Literatur sind sehr gut, und an anderen Arbeitsplätzen findet man Kommiliton*innen, mit denen ein fachlicher Austausch möglich ist. In der Bibliothek zu arbeiten, z. B. in Freistunden, ist sehr zu empfehlen. An der FernUniversität bieten sich hierfür auch die Campusstandorte an.
Semesterplanung
Sind diese Rahmenbedingungen organisiert, kann man sich um die Studienorganisation im engeren Sinne kümmern, um den Ablauf des Studiums selbst. Einen Rahmen oder sogar einen Vorschlag für die Semesterplanung werden Sie von der Hochschule bekommen. Jetzt heißt es zu prüfen: Passen die Termine, insbesondere für die Prüfungen, in meine Zeitplanung? Wenn nicht: Gibt es andere Module, die ich vorziehen kann, bei denen die Planung passt? Wenn die Module festliegen: Erstellen Sie einen Zeitplan, der nicht nur die fixen Präsenz- oder Onlinetermine umfasst, sondern auch die Frist zur Prüfungsanmeldung, die Klausurtermine oder die Bearbeitungsfrist für eine Hausarbeit berücksichtigt.
Anhand des Modulhandbuchs und der Informationen, die Sie von den Lehrenden bekommen, lässt sich einschätzen, welchen Umfang ein Modul de facto hat. Oft ist zusätzliche Literatur angegeben, oder es wurde ein Reader zusammengestellt. Besorgen Sie sich diese über die Universitätsbibliothek. So erhalten Sie einen noch besseren Überblick über die Menge, aber auch die Qualität der Texte. Wenn Sie ein Referat vorbereiten oder zu einem Thema eine Ausarbeitung präsentieren sollen, können Sie hier Prioritäten setzen und Ziele festlegen. So könnte ein Ziel sein, den eigenen Beitrag ins erste Drittel des Semesters zu legen, um in der zweiten Semesterhälfte Zeit zur Vorbereitung auf eine Prüfung zu haben.
To-Do-Listen und Lerntagebuch
Wenn es dann um das konkrete Projekt geht, ist eine To-Do-Liste sinnvoll. Nehmen Sie die einzelnen Aufgaben, von der Beschaffung der Literatur über deren Lektüre und Auswertung bis hin zur Gestaltung von Folien auf, am besten sogar mit konkreten Zieldaten, an denen Dinge erledigt sein sollen. Hierzu kann man Kladden oder Hefte nutzen, aber es gibt auch gute Software dazu. Die Literaturverwaltung Citavi z. B. hat auch ein leistungsfähiges Modul zur Wissensorganisation und zur Aufgabenplanung. Ein Lerntagebuch, in dem man am Ende des Arbeitstages kurz die Lernerfolge, aber auch die offen gebliebenen Punkte resümiert, kann sich als sehr hilfreiches Instrument erweisen.
Selbstdisziplin ist notwendig
Das wichtigste aber an den Vor- und Aufgaben, die man sich im Studium selbst stellt, ist, dass man sich daran hält. Die beste To-Do-Liste ist wertlos, wenn man die Punkte darauf nicht abarbeitet. Der beste Vorsatz, den Schreibtisch aufgeräumt zu halten, löst sich in Luft auf, wenn er jeden Abend überstürzt verlassen wird. Selbstdisziplin sollten Sie schon zu Beginn des Studiums aufbauen.
4.1.3 Lernstrategien
Unter Lernstrategien versteht man
„jene Verhaltensweisen und Gedanken, die Lernende aktivieren, um ihre Motivation und den Prozess des Wissenserwerbs zu beeinflussen und zu steuern.“ Und: „Man kann viele Aspekte des eigenen Lernens durch strategisches Verhalten selbst beeinflussen.“ (Friedrich und Mandl. 2006: S. 1)
In der zu Beginn dieses Kapitels angegebenen Ratgeberliteratur werden eine Menge unterschiedlicher Lernstrategien und -techniken vorgestellt, von der Nutzung von Karteikarten bis hin zu Methoden mit den unterschiedlichsten Akronymen wie SQ3R-Methode (Bensberg. 2021: S. 75–78), ALPEN-Methode (Hunold und Reiß. 2021: S. 135–137) oder DOEDL-Methode (Reichel. 2020a). Allen gemeinsam ist, dass Mittel und Wege gesucht werden, wie man Gehörtes und Gesehenes über einen längeren Zeitraum hin behält – zumindest bis zur Klausur. Die Erfahrung lehrt eben, dass bestimmte, isoliert angewendete Lerntechniken, wie das schlichte Durchlesen eines Buches oder das Hören eines Lehrpodcasts während einer Autofahrt in der Hoffnung, dass genügend hängen bleibt, oft nicht zum Erfolg führen. Eine Lerntechnik ist dabei die Methode, die man zum Lernen anwendet. Zur Lernstrategie kommt man, indem man die Techniken gezielt und koordiniert im Rahmen einer Lernhandlung einsetzt (Streblow und Schiefele. 2006: S. 353).
Also: Welche Strategie soll ich anwenden? Diejenigen, die zu Ihnen, zu Ihrem Lerntyp, zum Lernstoff und auch zu der Prüfungsform passen. Die Unterschiede vom schulischen zum universitären Lernen sind recht groß. Einerseits sollte die Motivation größer sein, da Sie sich Ihr Studienfach selbst ausgesucht haben und nicht unterschiedliche Fächer, die Sie nicht besonders interessieren, abdecken müssen. Andererseits ist ein Studium trotz der Angebote wesentlich weniger vorstrukturiert als der Schulunterricht mit seinen festgelegten Lehrplänen und inhaltlich deutlich anspruchsvoller. Innerhalb der Modulvorgaben haben die Dozent*innen eine recht große Freiheit, was sie wie lehren – und auch abprüfen. Zwar werden in den Hochschulen Prüfungsformen wie die Portfolioprüfung, in der kleinere Teilgebiete abgefragt werden, immer populärer, aber der Standard ist weiterhin, dass nach Ende der Vorlesungszeit eine Prüfung (Klausur, mündliche Prüfung oder Hausarbeit) über den gesamten Stoff eines Semesters abgelegt werden muss. Somit stehen Sie
„vor der Aufgabe, den prüfungsrelevanten Stoff eigenständig einzugrenzen und zu strukturieren sowie die Prüfungsvorbereitung zu gestalten.“ (Streblow und Schiefele. 2006: S. 353)
Konkret: Moodle-Lernumgebung im Modul B1
Ein erster Anhaltspunkt sollte immer das sein, was Ihnen von den Lehrenden des Moduls angeboten wird. Zum Modul B1 des B.A. PVS gibt es eine Moodle-Lernumgebung, in der unter anderem Übungsaufgaben und ergänzende Informationen zu den Lehrmaterialien, die in Kursform bzw. als Video- oder Audiobeitrag vorliegen, hinterlegt sind. Diese Übungsaufgaben bereiten gezielt auf die Modulprüfung vor, so dass hier Ihnen zum Start ins Studium eine zum Modul passende Lernstrategie angeboten wird. Somit fällt der Übergang von der vorherigen, schulischen Lernform leichter, aber auch ein Wiedereinstieg ins Lernen nach einer kürzeren oder längeren Pause wird unterstützt. Solche Moodle-Lernumgebungen sind an der FernUniversität in Hagen mittlerweile Standard.
Rückmeldungen zum Lernstand
Studieren heißt aber auch, weiterführende Angebote zu nutzen, um eigene Strategien zu entwickeln und vor allem die Lücken, die es gibt, zu schließen. So sind in großen Hochschulveranstaltungen, vor allem bei Einführungsvorlesungen zu Studienbeginn, Rückmeldungen zum Lernstand nur punktuell, selten oder gar nicht vorgesehen. Wenn Sie die Möglichkeit haben, eine solche zu bekommen, dann nutzen Sie diese in jedem Fall. Wo Sie fehlt, versuchen Sie, den Lernstand selbst oder in der Lerngruppe zu erfassen. Über die Fachschaften oder Kommiliton*innen aus höheren Semestern können Sie sich Prüfungen, die in der Vergangenheit gestellt wurden, besorgen. Orientieren Sie sich an ihnen, fragen Sie sich in einer Lerngruppe untereinander ab oder kommentieren oder korrigieren Sie schriftliche Antworten gegenseitig.
Kognitive Strategien
Mit einer Lernstrategie kann man Lernaktivitäten planen, überwachen und regulieren. Das eigentliche Lernen umfasst die kognitiven Strategien. Wiederholung, Elaboration und Organisation des Lernstoffs gehören hierzu. Dass man mehr behält, wenn man den Lernstoff wieder und wieder anhand von Listen und Zusammenfassungen durchgeht, ist wohl Allgemeingut. Die Erarbeitung (= Elaboration) kann erreicht werden, indem man das Neue zum Vorwissen in Beziehung setzt, illustrative Beispiele findet, mit eigenen Worten wiedergibt oder kritisch prüft. Wenn man Kernaussagen aus Texten destilliert oder Inhalte mit Mindmaps oder Tabellen neu strukturiert, wendet man Organisationsstrategien an (Streblow und Schiefele. 2006: S. 354; Alonso u.a. 2017: S. 24–25). Hier wird deutlich, dass in vielen Fällen eine Kombination von unterschiedlichen Aneignungsformen sinnvoll ist. In vielen Klausuren in den Sozialwissenschaften liegt der Fokus nicht auf dem Faktenwissen, das gleichwohl vorausgesetzt wird. Vielmehr zielen offene Fragen auf das Verständnis, wie unterschiedliche Sachverhalte zusammenhängen. Wenn Sie dort Beispiele angeben können, die über das im Semester Gelehrte hinausgehen, z. B. in der Politikwissenschaft aktuelles Zeitungswissen mit dem gelernten Wissen verknüpfen können, sind Sie auf einem sehr guten Weg.
4.1.4 Die zentrale Ressource: Das Zeitmanagement
Ein Studium ist zeitaufwendig. Einen Anhaltspunkt, wie viel Zeit das Studium erfordert, ist der Arbeitsaufwand, der notwendig ist, um einen ECTS-Punkt zu bekommen. Die Kultusministerkonferenz definiert:
„In der Regel werden pro Studienjahr 60 Leistungspunkte vergeben, d. h. 30 pro Semester. Dabei wird für einen Leistungspunkt eine Arbeitsbelastung (work load) des Studierenden im Präsenz- und Selbststudium von 25 – max. 30 Stunden angenommen, sodass die Arbeitsbelastung im Vollzeitstudium pro Semester in der Vorlesungsund der vorlesungsfreien Zeit insgesamt 750–900 Stunden beträgt. Dies entspricht 32–39 Stunden pro Woche bei 46 Wochen pro Jahr.“ (KMK. 2010: S. 2 der Anlage)
Diese Arbeitsbelastung umfasst nicht nur die reine Zeit in Seminaren und Vorlesungen, sondern auch deren Vor- und Nachbereitung, die ergänzende Lektüre oder das Lernen für Prüfungen. Studieren ist nach dieser Konzeption eine Vollzeitbeschäftigung.
Aber es ist klar, dass in der Praxis viele Studierenden nebenher arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und an der FernUniversität ist das Studium oftmals mit einer fordernden Berufstätigkeit, Familie mit Kindern oder vielfachem sozialem Engagement verbunden. Wo also die Zeit für das Studium hernehmen? Es geht zunächst darum, wie viel Zeit man für das Studium hat. Um sich einen Überblick über die persönliche Zeitverwendung zu verschaffen, kann man – ähnlich einem Haushaltsbuch für die Finanzen – aufzeichnen oder notieren, was man wann macht und wie lange, und wo freie Zeitfenster sind oder geschaffen werden können.
Langfristige Arbeitsplanung
Zudem sollte man diese Zeit dann effektiv nutzen. Hierfür ist es sinnvoll, sowohl eine lang- als auch eine kurzfristige Arbeitsplanung zu erstellen. Die langfristige Arbeitsplanung orientiert sich am eigenen Zeithorizont und der eigenen Lebensplanung (z. B. spätestens mit X Jahren das Studium zu beenden) in Verbindung mit der Regelstudienzeit für den gewählten Studiengang (z. B. sechs Semester = drei Jahre). Man kann große Arbeitspakete schnüren und festlegen, welche inhaltlichen Schwerpunkte in den einzelnen Semestern gelegt werden und welche Prüfungen wann dazu erforderlich sind. So strukturiert man das Studium. Wichtig bei dieser Art von Planung sind die Studien- und Prüfungsordnungen.
Kurzfristige Arbeitsplanung
Im Rahmen dieser Langfristplanung findet dann die kurzfristige, d. h. die Wochen- und Tagesplanung statt. Formulieren Sie realistische Ziele und Arbeitspakete, die in Ihre Zeitstruktur hineinpassen, und fixieren Sie diese in einer To-Do-Liste. Vor allen Dingen: Beschäftigen Sie sich regelmäßig, am besten täglich, mit dem Studienmaterial. So vermeiden Sie ein Phänomen, dass Sie vom Sport kennen: Verpasst man einige Trainingsstunden, ist es wesentlich schwieriger, sich beim nächsten Mal wieder „aufzurappeln“. Bereits erzielte Erfolge, z. B. Kraft oder Kondition, gehen verloren. Ähnlich verhält es sich beim wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn Sie eine Vorlesung nacharbeiten, machen Sie es möglichst zeitnah. Nach drei Tagen schon werden Sie einiges mehr an Zeit für die Rekonstruktion der Argumentation aufbringen müssen, als wenn Sie es gleich im Anschluss an die Veranstaltung machen.
Arbeitspakete
Die Arbeitspakete sollten, wenn möglich, an die zur Verfügung stehende Zeit angepasst sein, d. h. ziehen Sie zeitliche und inhaltliche Grenzen und schätzen Sie sich realistisch ein. Wenn man sich mehr Arbeit vornimmt, als zeitlich zu bewältigen ist, kann dies in Resignation umschlagen. Bei zu kleinen Arbeitspaketen droht das Last-Minute-Phänomen: Zu Beginn scheint genügend Zeit für die Bearbeitung z. B. einer Hausarbeit zu bestehen. Viele Studierende fangen daher zu einem zu späten Zeitpunkt mit der tatsächlichen Bearbeitung eines Themas an bzw. setzen sich zu lange mit irrelevanten Problemen auseinander. Gegen Ende wird dann die verbleibende Zeit knapp, und es muss unter „Hochdruck” gearbeitet werden. Das Ergebnis ist ein unfertiges bzw. nicht zufriedenstellendes Produkt.
Pausen einplanen
Rechnen Sie zusätzlich genügend Puffer für Ruhepausen oder unvorhersehbare Störungen ein, denn regelmäßige Pausen sind sehr wichtig: Verdeckte Pausen und Ablenkungen („Mal eben ein paar Süßigkeiten aus dem Schrank holen, kurz die neuesten Chats und Storys auf WhatsApp oder Instagram lesen“ etc.) bringen wenig Erholung, während eingeplante Pausen die Konzentration auffrischen. Planen Sie kurze Pausen nach vollendeten, kleineren Arbeitsschritten ein, und längere nach der Beendigung größerer Arbeitspakete. Um konzentriert arbeiten zu können, kann es sinnvoll sein, Quellen der Ablenkung wie das Smartphone für ein oder zwei Stunden wegzulegen oder auszuschalten. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Lernstoff und strengen Sie sich an, auch wenn der Lernstoff gerade nicht so interessant erscheint.
Die Balance halten
Insgesamt ist es wichtig, eine Balance zwischen der Studien- und Lernzeit, der Alltagszeit (Körperpflege, Haushaltsarbeit, Nebenjobs etc.) und der Freizeit herzustellen. Da Lernen und Studieren in den Sozialwissenschaften zumeist bewegungsarme, sitzende Tätigkeiten sind, sind zum Ausgleich sportliche Betätigungen oder Bewegung an der frischen Luft zu empfehlen (s. Bensberg. 2021: S. 63–66).
4.2 Die Literaturrecherche
Das Sammeln von Literatur ist ein schönes Hobby, dem viele Sozialwissenschaftler*innen verfallen sind. Das beweisen die vollen Bücherregale, die Sie – fast immer – bei gestreamten Vorlesungen und Seminaren im Hintergrund der Lehrenden sehen. In den Sozialwissenschaften wird das wissenschaftliche Wissen weiterhin überwiegend in Texten gespeichert, die in schriftlicher Form vorliegen. Wie Sie gezielt hierauf zugreifen können, ist Thema dieses Unterkapitels [Fußnote 3].
Die Universitätsbibliothek
Der erste Anlaufpunkt für eine Literaturrecherche ist die Webseite Ihrer Universitätsbibliothek. Im Katalog der Bibliothek selbst können Sie alle dort vorhandenen Titel recherchieren. Mittlerweile haben sich vielfach sehr einfache Suchmasken durchgesetzt, in die man Stichworte, Bestandteile des Titels oder Namen eingeben kann (s. Abbildung 8). Klickt man auf „Artikel & mehr“ (2), wird statt im begrenzten, vor Ort vorhandenen Bestand in einer ganzen Masse an Suchmaschinen und Datenbanken gesucht. Wenn die Trefferliste zu groß wird, ist es sinnvoll, die weiteren Suchfelder anzuklicken und die Suche einzuschränken.
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Abgebildet ist die Suchmaske der Universitätsbibliothek. Die Markierung 1 bezeichnet das allgemeine Suchfeld; 2 verweist auf „Artikel & mehr“ neben „UB Katalog“; 3 bezeichnet die weiteren Suchfelder.
Schaltflächen und Verweise: Suchen; Mehr Suchfelder; Frühere Suchen finden Sie in der Suchhistorie.
Suchtipp für den Bereich UB Katalog: Wörter werden automatisch mit UND verknüpft. Eine ODER-Verknüpfung erreicht man mit dem Zeichen „|“, eine NICHT-Verknüpfung mit einem „-“ (Minus) vor einem Wort. Anführungszeichen ermöglichen eine Phrasensuche. Beispiele: (burg | schloss), -mittelalter, "berufliche bildung".
- Wörter aus dem Titel
- Kompletter Titel
- Autor/in (Name, Vorname)
- Erscheinungsjahr
- Schlagwörter
- Körperschaft
- Verlag
- ISBN
- ISSN
- Signatur
- Standortnummer
Quelle: FernUniversität in Hagen, Universitätbibliothek; eigene Bearbeitung.
Gibt man beispielsweise den Namen „Hannah Arendt“ in die allgemeine, feldübergreifende Suchmaske ein, bekommt man mehr als dreihundert Treffer im UB-Katalog und fast 87.000 bei „Artikel & mehr“. Grenzt man ein, indem man „Arendt, Hannah“ bei „Autor/in“ eingibt, sind es nur noch 73 resp. 8.150 Treffer. Ergänzt man noch „Macht“ in „Wörter aus dem Titel“, bleiben ganze drei Bücher im UB-Katalog übrig: „Macht und Gewalt“, im Original von 1970, in unterschiedlichen Ausgaben. Die Treffer werden in einer übersichtlichen Liste dargestellt, in der immer die Verfügbarkeit des Buches oder Textes im Mittelpunkt steht. Hier kann man sich durchklicken und oftmals Inhaltsverzeichnisse der Bücher herunterladen oder auch die kompletten Bücher, wenn die Bibliothek dafür eine Lizenz erworben hat.
Artikel & mehr
Wenn man in „Artikel & mehr“ sucht, wird in vielen Datenbanken parallel gesucht – nicht nur nach Büchern, sondern auch nach Zeitschriftenartikeln, online erschienener Literatur oder in Sammelbänden veröffentlichte Beiträge. Wenn man dann den Reiter „Wie komme ich dran?“ anklickt, werden Vorschläge gemacht, z. B. werden Sie bei online verfügbaren Titeln auf die Webseite der Anbieter geleitet oder die Fernleihe wird als Weg vorgeschlagen. Damit Sie die Berechtigung haben, von Ihrer Bibliothek lizensierte Titel anzusehen, müssen Sie zumeist von einem Rechner mit der IP-Adresse Ihrer Hochschule arbeiten. Die Arbeitsplätze in der Bibliothek vor Ort gehören dazu, auch das WLAN dort. Wenn Sie von außerhalb recherchieren, ist es oftmals notwendig, einen VPN-Tunnel aufzubauen. Erkundigen Sie sich auf der Webseite Ihrer Universitätsbibliothek, wie das geht. Es ist sehr lohnenswert: Neben den online verfügbaren Büchern steht Ihnen dann insbesondere die Welt der wissenschaftlichen Fachzeitschriften viel weiter offen.
Zeitschriften
Wissenschaftliche Fachzeitschriften gibt es zuhauf – in ihnen finden Sie die aktuellsten wissenschaftlichen Ergebnisse. Aber auch Artikel aus der Vergangenheit können Ihr Wissen bereichern. Die Universitätsbibliothek der FernUniversität in Hagen hat z. B. ca. 88.000 elektronische Zeitschriften und Zeitungen im Bestand. Über die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) können Sie dabei gezielt nach E-Journals suchen. Die Resultate einer Suche nach „Sozialwissenschaft“, einem Wort aus dem Titel, zeigt Abbildung 9. Die Zeitschrift „Leviathan“ ist darin viermal aufgeführt, da sie in unterschiedlichen Datenbanken verfügbar ist. Ob Sie Zugang zu einer Zeitschrift haben, zeigt dabei eine die Ampelfarben nutzende Grafik links. Grün bedeutet, dass eine Zeitschrift kostenlos zugänglich ist. Auf eine gelb markierte Zeitschrift kann man im Hochschulnetz zugreifen (VPN nutzen). Die Artikel rot markierter Zeitschrift sind nicht zugänglich und müssten von Ihnen selbst käuflich erworben werden – oder Sie nutzen die Möglichkeit der Fernleihe.
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Screenshot eines Ausschnitts aus den Suchresultaten. Suchanfrage: Titelworte = „sozialwissenschaft“ in allen Zeitschriften. 34 Treffer. Verweis: Suche verfeinern. Die Spalten heißen „Zugang“ und „Titel“. Farbige Ampelkreise zeigen den Zugang an.
Im Ausschnitt lesbare Titel:
- Arbeitspapiere / Forschungsbereich Gesellschaft und Familie, Universität Konstanz (Formerly: Arbeitspapiere / Universität Konstanz, Sozialwissenschaftliche Fakultät, Forschungsschwerpunkt „Gesellschaft und Familie“).
- Argument, Das: Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften.
- Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Praxis und Analyse. Die Zeile ist im Screenshot teilweise verdeckt.
- Kyklos: Internationale Zeitschrift für Sozialwissenschaften (via EBSCO Host). Die Zeile ist im Screenshot teilweise verdeckt.
- Lagemaß: messen, denken, forschen, gestalten / Institut für Angewandte Sozialwissenschaft.
- Leviathan: Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft (2000–2011).
- Leviathan: Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft (2012–).
- Leviathan: Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft (ältere Jahrgänge via JSTOR).
- Leviathan: Zeitschrift für Sozialwissenschaft (Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG) (via EBSCO Host). Im Screenshot ist „für“ mit einem Zeichenfehler dargestellt.
- PJS – Passauer Journal für Sozialwissenschaften.
- Postprints der Universität Potsdam, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Reihe. Die Zeile ist am unteren Rand angeschnitten.
Quelle: FernUniversität in Hagen, eigene Bearbeitung.
Suche nach Zeitschriftenartikeln
Will man innerhalb von Zeitschriften direkt nach Artikeln suchen, sind Fachdatenbanken sinnvolle Rechercheorte. Es gibt deren viele. Zu den wichtigsten gehören das „Web of Science“ mit dem „Social Science Citation Index“. Das eigentliche Ziel dieses Indexes ist zu erfassen, wie oft ein Artikel von anderen Wissenschaftler*innen zitiert wurde und so seine Bedeutung quantitativ zu messen. Die Suche ist nach Personen, Themen, Zeitschriftenname oder feldübergreifend möglich. In der Ergebnisliste bekommt man nicht nur den Link zum Artikel, sondern auch weitere Informationen wie die Anzahl der Zitierungen.
Suche nach Zeitungsartikeln
Die Webseiten von Zeitungen bietet fast immer eine Archivsuche an. Somit kann man dort Artikel recherchieren. Der Nachteil ist, dass oftmals Artikel hinter einer Bezahlschranke liegen und man sie nicht einsehen kann. Auch hier ist aber der VPN-Tunnel zur heimischen Bibliothek die Lösung. Mit diesem können Sie eine übergreifende Datenbank wie „Nexis Uni“ nutzen, die Artikel aus tausenden an Zeitschriften, Magazinen und Zeitungen im Volltext enthält.
Fachspezifische vs. allgemeine Datenbanken
Weitere empfehlenswerte Datenbanken für Sozialwissenschaftler*innen sind „Political Science Complete“, „World Affairs Online“, „Sociological Abstracts“ und viele mehr. Themenspezifische Datenbanken haben den Vorteil, dass es eine Vorauswahl gibt, wodurch die Suche überschaubarer wird. In allgemeinen Datenbanken wie „Google Scholar“ oder „Web of Science“ ist der Datenbestand und demzufolge auch die Trefferzahl bei einer Suche größer – das kann von Vor- oder von Nachteil sein. Bearbeitet man ein Thema, das auch in Nachbarwissenschaften (z. B. Rechtswissenschaft oder Geschichte) von Interesse ist, mag die allgemeine Suche Vorteile haben. Der Nachteil ist zumeist die Überfülle an Suchergebnissen, die auf das für die eigene Arbeit Sinnvolle reduziert werden muss.
Hierbei sind in allen Datenbanken kombinierte Suchen hilfreich, wie ich sie schon oben am Beispiel von Hannah Arendt und der Macht gezeigt habe. Weitere sinnvolle Filter bei der Suche sind:
-
das Jahr der Publikation: Sucht man z. B. Kommentare speziell zur Shell-Jugendstudie 2019, dann ist es sinnvoll, die Suche auf die Jahre 2019 und 2020 einzuschränken. Die früheren 17 Jugendstudien werden dann bei der Suche weitgehend ignoriert.
-
Schlagwörter (Keywords): In den meisten Datenbanken werden die Inhalte mit Schlagworten versehen. Denn nicht immer sagen Titel und Untertitel eines Buches oder eines Artikels etwas über den Gegenstand aus. Armin Nassehis Buch „Gab es 1968? Eine Spurensuche“ von 2018 könnte vom Titel her Kriminalroman sein. Als Schlagworte werden im Eintrag im Bibliotheksverbund Bayern aber unter anderem „Gesellschaft“, „Protestkultur“, „Generationenkonflikt“ und „Studentenbewegung“ angegeben. Somit macht die Vergabe der Schlagworte durch Bibliotheksmitarbeiter deutlich, dass es sich um ein soziologisches Buch handelt.
4.2.1 Die Optimierung der Suche in digitalen Datenbanken
Hilfetexte lesen
Bei allen Datenbanken und Internet-Suchmöglichkeiten ist es notwendig, eine möglichst optimale Suchstrategie zu nutzen, um schnell passende Ergebnisse zu erzielen. Hier zeige ich an Beispielen, welche Vorgehensweisen empfehlenswert sind und was zu vermeiden ist. Das Wichtigste zuerst: Lesen Sie die Hilfetexte, auch wenn diese langatmig erscheinen, und machen Sie sich mit der spezifischen Vorgehensweise der benutzten Anwendung vertraut!
Auswahl und Verknüpfung von Stichwörtern
Bei der Suche nach Stichwörtern ist die Auswahl bzw. Verknüpfung entscheidend. Sucht man nach dem Wort „Demokratie“ im UB-Katalog der FernUniversität in Hagen, werden zur Zeit (Mai 2022) 4595 Titel ausgegeben – sie alle anzeigen zu lassen und selbst zu sichten kostete viel Zeit. Besser ist es, die Suche einzuschränken, indem ein zweites Stichwort eingegeben wird, z. B. „Demokratie“ und „Deutschland“; aber 947 Treffer sind immer noch eine ganze Menge. In der Suchmaske werden hierzu die beiden Stichworte (es können auch mehr sein) einfach hintereinander eingegeben, und es werden automatisch nur Titel aufgeführt, die beide Stichworte enthalten. In anderen Datenbanken ist es notwendig, die Form der Verknüpfung selbst zu bestimmen. Hierzu werden die Booleschen Operatoren verwandt, die teilweise nur in der so genannten Expertensuche und nicht in den einfachen Standardsuchmasken angeboten werden. Bitte erschrecken Sie nicht vor diesen Operatoren – sie sind sehr einfach und erlauben eine wesentlich verbesserte Suche, und man wird innerhalb von Minuten zur „Expertin“ oder zum „Experten“. Die wichtigsten sind (s. Abbildung 10):
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
- UND (AND, &, +)
- Funktion: Gibt nur Dokumente/Titel aus, die alle verknüpften Begriffe enthalten. Bildet die Schnittmenge. Beispiel: Demokratie UND Deutschland.
- ODER (OR, |)
- Funktion: Additive Verknüpfung zweier oder mehrerer Begriffe. Gibt Dokumente/Titel aus, die zumindest eines der gesuchten Wörter enthalten. Bildet die Gesamtmenge. Beispiel: Stadtverwaltung ODER Kreisverwaltung.
- NICHT (NOT, UND NICHT, AND NOT, -)
- Funktion: Hierdurch werden Begriffe ausgeschlossen, die nicht interessieren. Bildet eine Teilmenge. Beispiel: Religion NICHT Theologie.
Quelle: nach Simonis und Elbers. 2011: S. 156.
Aus den Beispielen ist zu ersehen, dass es unnötig bzw. sogar kontraproduktiv ist, den gesamten Titel eines Buches oder Artikels einzugeben. Denn wenn dieser ein Wort enthält, das als Operator verstanden wird, führt die Suche schnell ins Nichts. Ein Beispiel: Die Eingabe des Buchtitels Könige oder Volk (Bendix. 1980) fände als Suchergebnis in einer Datenbank, die Boolesche Operatoren verwendet, alle Titel, die eines der beiden Hauptwörter enthalten: wiederum eine unüberschaubare Masse an Titeln.
Phrasensuche
Zur Suche nach konkreten Titeln kann man aber die Phrasensuche nutzen. Hierbei werden Sätze oder Buchtitel in Anführungszeichen gestellt, um dem Suchprogramm mitzuteilen, dass exakt diese Zeichenfolge gefunden werden soll. Der oben genannte Titel von Bendix ließe sich also als exakter Titel oder Phrase „Könige oder Volk“ finden, ohne dass die Boolesche Logik von der Suchmaschine angewandt würde. In allgemeinen Suchmaschinen kann so auch der exakte Name „Max Weber“ gesucht oder das Stoppwort in „Die Zeit“ ausgeschlossen werden.
Wildcards, Joker und Trunkierungen
Neben den Operatoren gibt es die Möglichkeit, durch Wildcards, Joker oder Trunkierungen die Suche zu verbessern. Wenn beispielsweise nach „Koalition“ im Singular und „Koalitionen“ im Plural gesucht werden soll, kann man „Koalition*“ oder „Koalition$“ eingeben (je nach Datenbank unterschiedlich). Jetzt werden alle Titel ausgegeben, deren Grundform „Koalition“ lautet, d. h. nicht nur die Singular- und die Pluralform, sondern auch Komposita wie „Koalitionsbildung“ oder „Koalitionsvertrag“. Hierdurch kann man in einem Schritt mehrere Schreibweisen oder Begriffserweiterungen abfragen.
Stoppwörter
Weiterhin sind so genannte Stoppwörter zu vermeiden. Viele Datenbanken ignorieren bestimmte Wörter, weil sie zu häufig auftauchen und daher die Suche verwässern, z. B. die Artikel „der, die, das“ und „the“ oder das Wörtchen „in“. Schlimmer noch ist es, wenn die Datenbank dann die Suche nicht stoppt und Tausende von Treffern anzeigt. Daher sollte man diese Wörter nicht in die Suchmasken eingeben.
Namensuche: Vorund Nachnamen benutzen
Bei der Suche nach Autor*innen ist es gerade bei häufig vorhandenen Namen notwendig, nicht nur den Nachnamen, sondern auch den Vornamen als Suchkriterium einzugeben (z. B. Butler, Judith). Bei einem Buch mit mehreren Autor*innen kann es sein, dass die Datenbank nur die oder den Erstgenannten findet. Wenn möglich und bekannt, sollte man also die Namen bei Sammelbänden mit mehreren Herausgebern oder Büchern mit Koautoren in der richtigen Reihenfolge eingeben.
Verknüpfung mehrerer Suchfelder
Sinnvoll ist auch die Verknüpfung von mehreren Suchfeldern; allerdings müssen dann schon einige Daten bekannt sein, die man beispielsweise erhält, wenn man ein Literaturverzeichnis auswertet. Die kombinierte Suche nach „Einführung“ und „Soziologie“ mit dem Namen „Schäfers“ ergibt als Ergebnis nur wenige Titel, darunter auch die gesuchte Einführung in die Soziologie (Schäfers. 2019). Auch eine Verknüpfung von Autor*innennamen bzw. Stichwort und dem Erscheinungsjahr kann weiterführende Ergebnisse liefern.
Beachtung der Rechtschreibung
Zum Schluss noch ein trivial erscheinender Hinweis: Beachten Sie die Rechtschreibung bei der Suche. Schon mancher hat stundenlang im Internet nach Konflickt, Konflicktregulierung etc. gesucht, ohne gescheite Treffer zu landen. Datenbanken und Suchmaschinen sind nur so schlau wie ihre Benutzer.
4.2.2 Das Schneeballsystem
Sobald die Suche in Datenbanken erste Erfolge zeigt, kann die Literatursuche mit einer dynamischen Suchstrategie, häufig auch als Schneeballsystem bezeichnet, fortgesetzt werden. Auch die Literaturempfehlungen betreuender Hochschullehrer*innen können als Ausgangspunkt dienen. Sie können davon ausgehen, dass Sie auf eine Fährte angesetzt werden, der sich zu folgen lohnt. Nehmen wir an, Sie haben einen Zeitschriftenartikel gefunden oder empfohlen bekommen, der Ihr Themenfeld betrifft und recht aktuell ist. Also lesen Sie den Text durch, insbesondere die Passagen zum Stand der Forschung und der benutzten Theorien. Sie notieren sich die bibliographischen Angaben der zitierten Quellen, die für Ihr Thema einschlägig zu sein scheinen. Im nächsten Suchschritt besorgen Sie sich diese Literatur zu und erfassen wieder die Arbeiten, mit denen sich intensiver auseinandergesetzt wird. Mit dieser Suchmethode nimmt Ihr Bestand an Literaturangaben exponentiell zu. Bei einer Beschränkung auf nur vier weiterführende Literaturhinweise pro gelesenem (bzw. nach neuen bibliographischen Angaben durchsuchtem) Text wächst Ihre Literaturkartei dynamisch mit dem Faktor vier (1, 4, 16, 64 ...). Weil die Bäume bekanntlich nicht in den Himmel wachsen, können Sie diese Suchstrategie nicht lange durchhalten. Glücklicherweise ist dies auch nicht erforderlich. Je präziser das Thema formuliert und eingegrenzt wurde, desto weniger Hinweise auf einschlägige Arbeiten werden Sie finden. Hinzu kommt, dass die Zahl der noch nicht erfassten Literatur mit jedem durchgearbeiteten Text abnimmt. Dies ist trivial, aber doch beruhigend. Nach einem Trefferoptimum reduziert sich die Zahl der Neuzugänge schnell. Ist dieser Punkt überschritten, nimmt der Aufwand, nach neuen Titeln zu fahnden, schnell zu, so dass die Suche abgebrochen werden sollte.
Dieses Suchverfahren, konsequent angewandt, ist mit großen Vorteilen verbunden:
Klassiker und aktuelle Forschung
Während des Suchprozesses erhält man einen Überblick über die in dem jeweiligen Forschungsgebiet führenden Autor*innen und diskutierten Ansätze. Werden bestimmte Arbeiten immer wieder zitiert, ist das ein sicherer Hinweis auf deren überragende Bedeutung für die wissenschaftliche Diskussion. Allerdings sollten zwei Typen von häufig zitierter Literatur unterschieden werden. Auf bestimmte Klassiker, z. B. Hobbes, Marx oder Weber, wird immer wieder Bezug genommen, um die wissenschaftliche Tradition, in der sich Autor*innen selbst verorten, anzudeuten oder um darauf aufmerksam zu machen, auf welche Wurzeln ein bestimmtes Argument zurückgeht. Dagegen lässt sich aus der Häufigkeit von Verweisen auf Arbeiten jüngeren Datums auf deren Bedeutung für den aktuellen Stand der Forschung schließen.
„Schulen“ und Zitierkartelle
Wenn Sie im Verlauf des Suchprozesses immer wieder auf bestimmte Konfigurationen zitierter Literatur stoßen, können Sie davon ausgehen, es mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Schulen zu tun zu haben. Leider gibt es eine weit verbreitete Praxis, Vertreter*innen anderer Schulen nicht zu zitieren, um deren „abwegige Meinungen“ nicht noch durch einen Hinweis auf sie weiter zu verbreiten. Auch könnten die Vertreter der eigenen Bezugsgruppe Zweifel an der Gruppenloyalität bekommen, wenn eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Argumenten der anderen Seite stattfände. Als neugierige*r Student*in sollten Sie sich von diesen wissenschaftsinternen Machtkämpfen nicht anstecken lassen. Sie sollten vielmehr am Aufdecken von Zitierkartellen intellektuellen Spaß haben.
Zeitschriften
Ein weiterer großer Vorteil des Schneeballsystems ist darin zu sehen, dass man mit großer Wahrscheinlichkeit auf die für das bearbeitete Thema einschlägigen Zeitschriften stößt. Werden immer wieder Beiträge aus bestimmten Periodika diskutiert, liegt der Schluss nahe, dass es sich hierbei um die für das Fachgebiet einschlägigen Zeitschriften handelt, in denen ein wissenschaftlicher Diskurs zum Thema stattfindet. Sind diese erst einmal herausgefunden, wird man sich in der Universitätsbibliothek oder über den Online-Zugang die neuesten Hefte sichten, um Aufsätze zu finden, die, da sie gerade erst veröffentlicht wurden, noch nicht in anderen Arbeiten zitiert werden.
Gerade in Verbindung mit den oben bereits dargestellten Suchstrategien ist das Schneeballsystem besonders empfehlenswert. Es erfordert eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Literatur und zwingt zur vertieften Beschäftigung mit dem zu behandelnden Thema. Zwar braucht diese Suchstrategie Zeit, aber sie führt meistens zum Erfolg.
4.2.3 Die Suche nach Material
Archive: Beispiel Kommunalwahlen
Neben Texten gibt es weitere Materialien, die für Sozialwissenschaftler*innen nützlich sind. Zum Beispiel könnten Sie sich vornehmen, die unterschiedlichen Positionen der Parteien und Wählergemeinschaften bei den Kommunalwahlen in Ihrer Heimatstadt herauszuarbeiten. Welches Material benötigen Sie dazu? In Büchern oder wissenschaftlichen Zeitschriftenartikeln werden Sie hierzu höchstwahrscheinlich nichts finden. Sie müssen selbst nach Primärdaten suchen oder diese erheben. Flugblätter, Parteiprogramme, Wahlplakate oder Reden der Kandidat*innen sind geeignete Materialien. Im Wahlkampf kommt man gut an diese Artefakte: Gehen Sie am Samstag vor der Wahl in die Fußgängerzone und besuchen die die Stände der Parteien. Die Parteiprogramme findet man oftmals auf den Webseiten der örtlichen Parteien. Aber im Nachhinein die Flyer zu bekommen, das ist schon aufwendiger. Wenn Sie länger zurückliegende Wahlen untersuchen möchten, dann hilft nur der Gang in die Archive, wie das Stadtarchiv oder die Archive der lokalen Parteien. Den Besuch in einem Archiv sollte man vorbereiten, da Mitarbeiter*innen dort vielfach die Materialien heraussuchen müssen. Eine Liste mit den benötigten Dokumenten ist dazu ebenso sinnvoll wie eine Möglichkeit, diese zu fotografieren oder zu scannen oder, falls dies nicht erlaubt sein sollte, Exzerpte zu machen. Die Archivar*innen kennen übrigens ihre Archive und die darin enthaltenen Dokumente und Artefakte sehr gut. Mit ihnen zu sprechen und sich weiteres Material empfehlen zu lassen, ist sehr ratsam.
Video- und Tondokumente
Video- und Tondokumente sind ebenfalls wichtige Materialien, die sozialwissenschaftlich untersucht werden können, sowohl als Dokumentation von menschlichem Verhalten oder Reden, als auch als eigenständige Artefakte mit eigener Bedeutung. Der Soziologe Frank Hillebrandt hat zum Mythos des Woodstock-Festivals von 1969 folgende Frage gestellt:
„Wie wäre es eigentlich um die Kenntnisse über dieses Festival beziehungsweise um die auf das Symbol Woodstock bezogenen Assoziationen bestellt, wenn es den wohl bekannten und unter anderem mit einem ‚Oscar‘ ausgezeichneten Dokumentarfilm von Michael Wadleigh zu diesem Ereignis nicht gäbe […]?“ (Hillebrandt. 2019b: S. 160)
Den angesprochenen Woodstock-Film kann man sich leicht beschaffen, ebenso viele andere Aufnahmen. So habe ich die komplette Radioreportage von Herbert Zimmermann zum Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in Bern auf Spotify gefunden, und Dokumentationen zu den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York finden sich – aus vielen Ländern und in vielen Sprachen – auf Youtube. Das heißt: Der leichte Weg zum Material kann erfolgreich sein (s. Traue und Schünzel. 2019). Allerdings ist der gut zugängliche Woodstock-Film eine bearbeitete, geschnittene Version der extra für diesen Film angefertigten Aufnahmen, die nur ansatzweise das wirkliche Geschehen wiedergeben (Hillebrandt. 2019a: S. 74). Welche Bildquellen könnte man noch nutzen? Zeitgenössische Nachrichtensendungen wären hilfreich, Bilder und Filme von Besucher*innen oder Beteiligte aller Art (Musiker*innen, Techniker*innen etc.). An diese zu kommen, erfordert wiederum die Suche in Bild- und Tonarchiven oder sogar die aufwendige Recherche nach Einzelpersonen, die über solches Material verfügen.
Quantitative Daten: Offizielle Statistik …
Quantitative Daten kann man in den Sozialwissenschaften vielfach nutzen, seien es Wirtschaftsdaten, Daten zur Sozialstruktur oder zu Wahlergebnissen oder politischen Einstellungen. Anbieter solcher Daten sind die jeweiligen Statistikämter, von der kommunalen Ebene über die Landes- und Bundesebene bis hin zur Ebene der EU. Weitere Daten kann man von spezialisierten Behörden bekommen, z. B. die Arbeitslosenquoten und viele weitere Daten zur Beschäftigungsstruktur von der Bundesagentur für Arbeit oder Wahlergebnisse von den Webseiten der jeweiligen Wahlleiter. Ebenso sind Ministerien oder Behörden aller Art, wie das Umweltbundesamt oder das Kraftfahrt-Bundesamt, gute Quellen für statistische Daten. Auf der internationalen Ebene bieten Organisationen wie die OECD, die UN und ihre Unterorganisationen oder die Weltbank Daten im Überfluss an. Teilweise sind sie in Formaten downloadbar, die man direkt in Statistikprogramme einpflegen und dann analysieren kann.
… und Umfragedaten
Dies gilt auch für eine zweite Art von Daten: Umfragedaten, mit denen die Meinung der Bevölkerung zu bestimmten Themen oder die Stimmung erhoben wird. Auch hierzu gibt es zahlreiche Angebote. Auf den ALLBUS als umfassende, seit 1980 durchgeführte sozialwissenschaftliche Umfrage habe ich schon oben hingewiesen, ebenso auf die Shell-Jugendstudie und den DeutschlandTrend (s. Kap. 2.5.1.1). Aber es gibt noch viel, viel mehr. Der Datenreport 2021: Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland (Statistisches Bundesamt, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. 2021) zeigt, wie vielfältig die Daten sind, die man in unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Bereichen erheben und nutzen kann.
4.2.4 Die Dokumentation oder: das Literaturverzeichnis
Quelle auf dem Dokument vermerken
Die beste Literatur- und Materialsammlung nützt nichts, wenn nicht die Herkunft des Materials, die Quelle, dokumentiert wird. Es ist wichtig, dass im oder auf dem Dokument selbst vermerkt ist, woher es stammt. Bei Büchern ist das kein Problem, sie kommen mit einer Titelei. Kopiert man sich jedoch Texte oder lädt sich Materialien aus dem Internet herunter, muss man genauer hinsehen. Mittlerweile ist auf vielen Zeitschriften- oder Sammelbandartikeln die Quelle genau angegeben; wenn dies nicht der Fall ist, sollte man dies unbedingt direkt nach dem Kopieren oder Downloaden nachholen. Die wichtigsten Angaben sind immer die Autorennamen, die Titel und die Angaben zur Zeitschrift oder zum Sammelband samt Seitenangaben. Sehr gut ist es, wenn der Artikel einen DOI hat, einen Digital Object Identifier, mit dem digital verfügbare Dokumente dauerhaft aufgefunden werden können. Ansonsten sollte man sich die genaue URL, die zum Dokument führt, und das Zugriffsdatum notieren. Genaue URL heißt, es reicht nicht, die URL der Institution oder Organisation, auf deren Internetseite das Dokument gefunden wurde, anzugeben. Die URL soll vielmehr direkt und ohne Umschweife zum Text, Bild oder Video selbst führen. Da Inhalte im Internet oftmals geändert werden, ist auch das Zugriffsdatum notwendig. Speichern Sie ein Online-Dokument, dass Sie nutzen wollen, auch immer ab oder drucken Sie es aus: Wenn man nach Wochen oder Monaten die URL anklickt und das Material nicht mehr auffindbar ist, ist das sehr ärgerlich.
Software zur Literaturverwaltung nutzen
Für die weitere Dokumentation empfehlen wir die Nutzung eines Literaturverwaltungsprogramms wie Citavi, Zotero oder Mendeley. Alle drei Programme (es gibt noch mehr empfehlenswerte) sind für verschiedene Betriebssysteme erhältlich. Zotero und Mendeley sind kostenlos, Citavi gibt es in einer eingeschränkten Testversion, die aber für den Studieneinstieg vollkommen ausreichend ist. Und alle drei Programme bieten Datenbankanbindungen, so dass man direkt recherchieren kann oder Titelangaben über den DOI oder die ISBN, die International Standard Book Number, direkt in das Literaturverwaltungsprogramm übernehmen kann. Das geht sehr schnell, da man die notwendigen Daten (wie Autor*innen, Titel, Jahr und Ort) nicht mehr selbst eingeben muss. Allerdings sollte man die übernommenen Daten immer überprüfen – stimmen sie? Fehlen Angaben? Sind die Angaben in den richtigen Feldern? Wenn Sie für eine Hausarbeit ein Literaturverzeichnis erstellen, sind Sie für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben zuständig und können Fehler nicht auf eine „dumme App“ schieben – Computerprogramme sind immer nur so schlau wie ihre Anwender*innen. Vielfach gibt es auch die Möglichkeit, eingescannte oder heruntergeladene Dokumente direkt bei den Literaturangaben im Verwaltungsprogramm zu speichern, oftmals sogar in einer Cloud, so dass man an unterschiedlichen Rechnern oder als Arbeitsgruppe auf die Dateien zugreifen kann.
Welche Angaben gehören nun in ein Literaturverzeichnis? Grundsätzlich gilt: Immer anzugeben sind die Namen der Autor*innen oder Herausgeber*innen, der Titel, ein Fundort und eine Zeitangabe. Hinzukommen weitere Angaben, die je nach Literaturtyp unterschiedlich sind (s. Abbildung 11):
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Die Tabelle enthält die Spalten Publikationstyp, Namen, Zeit, Titel, Orte und Sonstiges.
- Monografie
- Namen: Autor*innen. Zeit: Erscheinungsjahr. Titel: Buchtitel und Untertitel. Orte: Verlagsort(e). Sonstiges: Name des Verlags, Auflage, wenn ≥ 2.
- Sammelband
- Namen: Herausgeber*innen. Zeit: Erscheinungsjahr. Titel: Buchtitel und Untertitel. Orte: Verlagsort(e). Sonstiges: Name des Verlags, Auflage, wenn ≥ 2.
- Sammelbandbeitrag
- Namen: Autor*innen des Beitrags und Herausgeber*innen des Buchs. Zeit: Erscheinungsjahr. Titel: Titel des Beitrags; Buchtitel und Untertitel. Orte: Verlagsort(e). Sonstiges: Name des Verlags, Auflage, wenn ≥ 2, Seitenzahlen von – bis; DOI.
- Zeitschriftenartikel
- Namen: Autor*innen. Zeit: Jahrgang, Erscheinungsjahr, Heftnummer. Titel: Titel des Artikels. Orte: Name der Zeitschrift. Sonstiges: Seitenzahlen von – bis; DOI.
- Zeitungsartikel
- Namen: Autor*innen. Zeit: Genaues Datum. Titel: Titel des Artikels. Orte: Name der Zeitung. Sonstiges: Seitenzahl; URL und Zugriffsdatum (wenn online).
- Graue Literatur
- Namen: Autor*innen. Zeit: Erscheinungsjahr; Zugriffsdatum (wenn online). Titel: Titel. Orte: Institution, Ort, URL. Sonstiges: Serie und Nummer in der Serie, wenn angegeben.
- Webseiten
- Namen: Autor*innen. Zeit: Erscheinungsjahr; Zugriffsdatum. Titel: Titel des konkreten Beitrags; Name der Webseite. Orte: URL. Das Feld Sonstiges ist leer.
Quelle: Eigene Darstellung
Eindeutigkeit und Einheitlichkeit der Einträge
Die genaue Anordnung dieser Elemente im Literaturverzeichnis ist dabei vom jeweils verwendeten Stil des Literaturverzeichnisses abhängig. Viele wissenschaftliche Zeitschriften (z. B. die KZfSS - o. V. (Hrsg.). 2019 – und die PVS - o. V. (Hrsg.). o. J.) geben ihren Autor*innen vor, wie sie ein Literaturverzeichnis gestalten sollen, um die Einheitlichkeit über die verschiedenen Beiträge hinweg zu gewährleisten. So wird zum Beispiel festgelegt, ob die Vornamen der Autor*innen ausgeschrieben werden oder nicht, ob Zeitschriftennamen abgekürzt oder ausgeschrieben werden, ob Abkürzungen wie Jg./Vol. für den Jahrgang genutzt werden und vieles mehr. An diesen Vorgaben orientieren sich oftmals auch Lehrende an Universitäten, so dass auch Ihnen für Studienarbeiten vorgegeben wird, wie Sie zu bibliographieren haben. Diese Vorgaben gewährleisten, dass das Literaturverzeichnis eindeutig und einheitlich gestaltet ist. Eindeutigkeit bedeutet, dass jeder aufgeführte Titel eindeutig identifiziert werden und von allen anderen Titeln unterschieden werden kann, so dass er eindeutig und rasch gefunden werden kann. Einheitlichkeit heißt, dass die Reihenfolge der Elemente, die Interpunktion, die Hervorhebung und die Nutzung optionaler Elemente (wie z. B. des Verlags bei Büchern) bei allen Einträgen gleich gestaltet ist. Macht man dies manuell, sind dabei eine große Sorgfalt bei der Erstellung und ein gründliches Korrekturlesen des Literaturverzeichnisses notwendig.
Software zur Literaturverwaltung – Stildateien
Einfacher geht es mit Literaturverwaltungsprogrammen. Für diese gibt es sogenannte Stildateien, die angeben, wie die einzelnen Einträge der Datenbank für ein Literaturverzeichnis zusammengestellt werden sollen. Die Anbieter stellen über ihre Webseiten eine große Anzahl an Stildateien zur Verfügung. Und auch über die Universitäten oder Lehrgebiete werden entsprechende Dateien angeboten, die Sie direkt nutzen können. Das Programm übernimmt also diese gut automatisierbare Aufgabe. Ebenso sorgt es bei korrekter Nutzung, d. h. wenn alle Verweise im Text oder in Fußnoten unter Nutzung des Literaturverwaltungsprogramms eingefügt wurden, dafür, dass alle zitierten Titel im Literaturverzeichnis aufgenommen werden. Auch dies müssten Sie ansonsten manuell übernehmen, um die Vollständigkeit des Literaturverzeichnisses zu gewährleisten, was bei ersten, kürzeren Hausarbeiten im Studium noch machbar ist, bei längeren Arbeiten (BA- oder MA-Arbeit oder darüber hinaus) aber viel Zeit in Anspruch nimmt und fehleranfällig ist. Daher ist es sinnvoll, auch schon bei Hausarbeiten mit Literaturverwaltungsprogrammen zu arbeiten und die Handhabung zu erlernen. Aber auch hier gilt: Das Programm ist nur das Werkzeug, Sie sind als Nutzer*in für ein korrektes Ergebnis verantwortlich. Wenn Sie einen Nagel krumm in die Wand schlagen, können Sie dies nicht auf den Hammer schieben. Wenn das Literaturverzeichnis fehlerhaft ist, dann korrigieren Sie es bitte vor der Abgabe einer Arbeit.
In Literaturverzeichnissen oder den Vorgaben für deren Gestaltung finden Sie oftmals Abkürzungen. Abbildung 12 gibt einen Überblick über die gängigsten, jeweils in Deutsch und Englisch.
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Zu jedem Element werden die deutsche Abkürzung, der englische Name und die englische Abkürzung angegeben.
- Herausgeber
- Hrsg. oder Hg.; editor; Ed.
- herausgegeben
- hrsg. oder hg.; edited; ed.
- Auflage
- Aufl.; edition; Ed.
- Band
- Bd.; volume; Vol.
- Jahrgang
- Jg.; volume; Vol.
- Nummer
- Nr.; number; No.
- Seite
- S.; page, pages; p., pp.
- dieselbe oder derselbe
- dies. oder ders.; idem; id.
- und andere
- u. a.; and others; et al.
Quelle: Eigene Darstellung.
4.3 Materialien und Quellen nutzen und auswerten
Literatur zu recherchieren und Materialien zu finden ist kein Selbstzweck, sondern es dient dazu, den eigenen Wissensbestand auszubauen, ein Themenfeld zu durchdringen und andere Meinungen und Ansichten zu rezipieren. Das Material bleibt also nicht einfach liegen, es wird bearbeitet, genutzt, ausgewertet und gelesen.
4.3.1 Die Einordnung und Bewertung des Materials
Oft wird mir von Studierenden die Frage gestellt: Welche Art von Material und Literatur darf ich denn in einer Hausarbeit benutzen? Ich antworte darauf: alles – wobei das nur die halbe Wahrheit ist. Zwei Aspekte sind dabei von Bedeutung: Wozu benutze ich Literatur oder Material, und welches Material ist für welchen Zweck geeignet?
Sekundärliteratur …
Um sich einer Antwort auf die erste Frage zu nähern, ist ein Blick in die Geschichtswissenschaft hilfreich. Literaturverzeichnisse von historischen Abhandlungen sind zumeist zweigeteilt, in Quellen und Sekundärliteratur. Sekundärliteratur ist dabei die moderne oder auch schon etwas ältere Fachliteratur. Sie dient dazu, ein theoretisches Gerüst für die Arbeit zu entwerfen, die methodische Vorgehensweise zu erläutern und die ermittelten Ergebnisse im Fachdiskurs einzuordnen. Für die Sozialwissenschaften und auch für Sie bedeutet dies: Hierzu benutzen Sie Fachliteratur, wie ich sie in den Kapiteln 3.1.1 und 3.1.2 vorgestellt habe.
… und Quellen
Davon zu unterscheiden sind die Quellen, also Literatur und Material, das als empirischer Beleg für die sozialwissenschaftliche Argumentation oder für die Rekonstruktion von Sachverhalten dient. Und hier ist – schlicht gesagt – alles erlaubt. Die Aussagen der Historiker*innen über die Lebensverhältnisse in der Vergangenheit speisen sich vielfach auf Funde und Artefakte aus Brunnen, Kloaken und Gräbern oder aus Untersuchungen von Verstorbenen. Denken Sie nur daran, was man alles über die Ötztaler Gletschermumie herausgefunden hat (Fleckinger. 2011) – aus wenigen Fundstücken werden weitreichende Schlussfolgerungen gezogen. In den Sozialwissenschaften beschäftigen wir uns zum größten Teil mit der Gegenwart; somit ist die Masse dessen, was als Beleg für die Argumentation dienen kann, deutlich größer. Es geht also darum zu filtern. Welche Materialien und Quellen eignen sich besser als andere?
Nehmen wir an, Sie möchten die Verhandlungsstrategie der FDP in den Sondierungen nach den Bundestagswahlen 2017, als sie diese für gescheitert erklärte und nicht in die Koalitionsverhandlungen einstieg, und 2021, die in der Regierungsbeteiligung mündeten, vergleichend untersuchen. Worauf könnten Sie sich z. B. stützen?
- Auf wissenschaftliche Darstellungen des Geschehens, also auf Sekundärliteratur, in der Wissenschaftler*innen auf Basis von Material, das Ihnen nicht zugänglich ist, das Geschehen beschreiben und analysieren.
- Auf journalistische Darstellungen des Geschehens (Tages- und Wochenzeitungen, Blogs, Fernsehaufzeichnungen, etc.). Journalist*innen sind oftmals dicht dran am Geschehen und haben ein Netzwerk in die entscheidenden Kreise hinein, über das sie investigativ versuchen, Neuigkeiten hervorzubringen. Sie führen Interviews mit beteiligten Politiker*innen, so dass Sie Zitate daraus nutzen können. Auch dies ist Sekundärliteratur.
- Auf eigene Interviews mit beteiligten Politiker*innen. Damit generieren Sie Primärdaten. Aber dies ist sehr aufwendig (Organisation, Zeit, Kosten, Dokumentation und Auswertung). Und es ist längst nicht sicher, dass Sie a) Interviewpartner bekommen und b) diese Ihnen Einblicke in die Verhandlungssituation gewähren (so könnte Geheimhaltung vereinbart sein).
Worauf sollten Sie also bei einer Hausarbeit setzen? Primärdaten zu erheben erscheint viel zu aufwendig zu sein. Außerdem ist es selbst für gestandene Wissenschaftler*innen oftmals schwierig, Gesprächspartner für längere Interviews zu bekommen (darüber berichtet z. B. Beichelt. 2018: S. 10). Also nutzen Sie pragmatisch Material der ersten und zweiten Kategorie.
Kritisch sichten
Zentral ist es, dem gefundenen Material, gleich welcher Art es ist und wie und wo es gefunden wurde, kritisch gegenüber zu stehen. Schauen wir nochmals auf den „Ötzi“: Nach dem Fund im September 1991 musste die Leiche zunächst einmal als wissenschaftlich bedeutsam eingestuft werden – sie wäre fast als unbekannter Toter beerdigt worden. Anschließend ging es um die Datierung: In welcher Zeit hatte der Tote gelebt? Mittels der Radiokarbonmethode wurde ermittelt, dass er aus der Jungsteinzeit stammte. Und dann gingen die medizinischen, archäologischen und weitere Untersuchungen los, die so spektakuläre Ergebnisse brachten. Aber auch die Frage der Authentizität spielte eine Rolle: Seit der Entdeckung, dass mit dem Piltdown-Mann ein spektakulärer Fund eines Frühmenschen gefälscht war (s. DiTrocchio. 1995: S. 150–188), ist man bei solchen Entdeckungen besonders skeptisch.
Zurück zu den Sozialwissenschaften, und spielen wir anhand der oben genannten beispielhaften Materialquellen ein kritisches Vorgehen durch.
-
Primärdaten. In den Sozialwissenschaften sind es oftmals sprachliche Äußerungen und quantitatives Zahlenmaterial, die als Primärquelle dienen. Menschen lügen – so wird gemeldet – 25 Mal am Tag. Sagen Probanden, die befragt werden, die Wahrheit? Erzählen sie das sozial Erwünschte, weil sie sich Anerkennung in einer Interviewsituation durch die Befragerin erhoffen? Haben Befrager suggestiv gefragt und dadurch andere Antworten bekommen als die „wahren Werte“ (Esser. 1997: S. 264)? Was ist überhaupt wahr? Das vorbeifahrende Auto, war es rot oder grün? 9 % der Männer haben eine Rot-Grün-Sehschwäche, sie lügen noch nicht einmal, wenn sie eine falsche Antwort geben. Fragen Sie mehrere Leute, wie sie eine soziale Situation, z. B. einen Streit unter Jugendlichen in einer Schulklasse, empfunden haben. Es wird höchstwahrscheinlich, je nach Standpunkt (Lehrer*in, Beteiligte, unbeteiligte Dritte, wissenschaftlich geschulte Beobachter) sehr unterschiedliche Einschätzungen geben. Es gibt eine breite Diskussion darüber, wie man die Qualität von Primärdaten verbessern kann (z. B. Menold und Wolbring. 2019).
-
Bei jeder Art von Sekundärdaten und -material ist zunächst die Herkunft von Bedeutung. Stammt der Zeitungsartikel aus einer überregionalen Qualitätszeitung, einer seriösen, regional erscheinenden Tageszeitung oder aus einem Boulevardblatt? Welches Forschungsinstitut, welcher Think Tank hat einen Forschungsbericht herausgegeben? Hat die Reihe, in der ein Bericht oder ein Buch erscheint, einen guten Ruf?
-
Stimmen die Angaben, Daten und Fakten mit denen in anderen Quellen überein? Die abweichende Meinung muss nicht falsch sein, der „Mainstream“ hat nicht immer recht. Aber wie werden Fakten oder Meinungen begründet? Wird sich auf überprüfbare Fakten gestützt?
-
Jede*r nutzt heutzutage das Internet. Wie mit den darin gefundenen Informationen umzugehen ist, hat der britische Autor John O’Farrell auf den Punkt gebracht:
„I found it (the internet, H.E.) an incredibly useful tool, even if you have to treat the ‘facts’ in the same way that you would if you'd just asked a bloke in the pub” (O'Farrell. 2008: S. 553).
Das gilt auch für das wohl derzeit meistgenutzte Nachschlagewerk, die Wikipedia. Der Großteil der Angaben dort stimmt, aber es gibt auch Falschangaben und Themen, um die vehement gestritten wird (sogenannte Edit-Wars; s. Yasseri u.a. 2014). Also gilt auch hier: Überprüfen Sie die Angaben! Sind die Aussagen in einem Wikipedia-Artikel belegt? Gibt es in einer anderen Sprachversion ergänzende oder widersprüchliche Angaben (s. Beichelt. 2018: S. 11)? Ist das Gelesene plausibel?
Neben den Fragen nach der grundsätzlichen Qualität ist weiterhin einzuschätzen, ob das gefundene Material geeignet ist, die gestellten wissenschaftlichen Fragen zu beantworten. Man muss es also lesen (oder anderweitig rezipieren).
4.3.2 Das studierende Lesen
Sozialwissenschaftliche Autor*innen stellen Fakten und deren Bewertungen zumeist innerhalb eines Argumentationsganges dar, der ein ganzes Buch, einen ganzen Zeitschriftenartikel oder Sammelbandbeitrag durchzieht. Für die Bearbeitung einer eigenen Thematik können daher sowohl die Gedankengänge als auch die empirischen Belege aus der Literatur nützlich sein. Daher besteht das studierende Lesen aus drei Bearbeitungsschritten: Im ersten Schritt geht es darum, den Argumentationsgang des Textes zu verstehen. Im zweiten Schritt findet ein intensives Durcharbeiten wichtiger Textpassagen statt. Schließlich werden im dritten Schritt die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung mit dem Text schriftlich festgehalten.
Rekonstruktion der Argumentation
Sie beginnen das Studieren eines Textes mit einem kursorischen Lesedurchgang. Sie überfliegen das Buch oder den Artikel und werden daher seinen Inhalt eher vage erfassen. Sie wollen die folgenden Fragen beantworten (nach Junne. 1993: S. 24):
-
Was bringt der Text für mein Problem, für meine Fragestellung?
-
Wie hoch ist der Schwierigkeitsgrad des Textes? Ist er zu einfach, so dass sich für mich kein Lernerfolg einstellt, oder zu schwierig, so dass ich zu viel Zeit benötige, um ihn zu verstehen?
-
Wie ist das Verhältnis zwischen Schwierigkeitsgrad und Themenrelevanz? Durch sehr schwierige Texte sollte man sich nur dann durchbeißen, wenn sie für das untersuchte Problem unverzichtbar sind. Es könnte sich empfehlen, mit einem leichteren, einführenden Text zu beginnen. Auf diesen Fall haben Sie sich durch die Erstellung einer Prioritätenliste vorbereitet. Greifen Sie einfach zu dem Text mit der nächsten Priorität. Vielleicht liegt Ihnen dieser Text mehr.
-
Worin besteht die zentrale Aussage des Textes? Scheint diese Aussage gut begründet zu sein? Welchen theoretisch-methodischen Ansatz haben die Autor*innen gewählt? Die Beantwortung dieser Frage ist insofern wichtig, da das Studium des Textes enorm erschwert wird, wenn man sich weder mit dem theoretischen Ansatz noch mit der speziellen Untersuchungsmethode bislang beschäftigt hat.
-
Wo stehen die Autor*innen wissenschaftlich und politisch? Kann nach dem kursorischen Lesen die wissenschaftliche und politische Grundposition noch nicht verortet werden, bietet es sich an, weitere Informationen im Internet zu recherchieren.
Intensives Lesen
Nach dem Überfliegen des Textes und der Beantwortung der oben aufgelisteten Fragen beginnen Sie mit der Phase des intensiven Lesens. Bei ihr kommt es darauf an, sich den vorgetragenen Stoff anzueignen. Da in unserem Fach der Stoff sehr unterschiedlich ausfallen kann – mal ist er leicht, durchsichtig oder farbig, mal ist er schwer, eintönig und sperrig –, muss man sein Leseverhalten entsprechend variieren. Ein Buch, das politische Institutionen beschreibt und Lehrbuchcharakter hat (z. B. Schmidt. 2021), ist anders zu lesen als ein soziologisch fundiertes Plädoyer für ein besseres Zusammenleben der Menschen (z. B. Sennett. 2019). Gehen Sie zielorientiert vor: Was benötigen Sie für Ihr konkretes Studienprojekt? Beschäftigen Sie sich mit Umweltpolitik in Deutschland, lesen Sie das entsprechende Kapitel im Schmidt-Buch, um sich die grundlegenden Kenntnisse anzueignen. Den Rest des Buches können Sie erst einmal ignorieren. Bei Sennett interessiert Sie dagegen, wie er seine Forderung nach einer offenen Stadt mit Nähe und Vertrautheit begründet, wie seine Argumentation aufgebaut ist, und lesen das ganze Buch. Das hängt aber auch davon ab, welche Art von Erkenntnissen Sie gewinnen möchten:
-
Je weniger Sie mit dem Fach und dem von Ihnen gewählten Thema vertraut sind, desto umfassender und ausführlicher müssen Sie die ausgewählten Texte studieren. Sie verpassen wahrscheinlich wichtige theoretische und methodische Voraussetzungen und empirische Details, wenn Sie sich nur auf einen kleinen Ausschnitt konzentrieren. Es lohnt sich gerade für Anfänger*innen, wichtige Texte in vollem Umfang durchzuarbeiten.
-
Je mehr Sie sich eingearbeitet haben und je klarer Ihre Fragestellung ist, desto zielgerichteter, nur einzelne Kapitel beachtend, können und sollten Sie lesen. Aber selbst in einem fortgeschrittenen Stadium des Studiums und der Themenbearbeitung gibt es Bücher, bei denen das Lesen von Ausschnitten nicht empfohlen werden kann.
Während des Studiums und der Beschäftigung mit einem speziellen Thema wird sich Ihr Leseverhalten verändern. Mit dem fachlichen Wissen nimmt die Fähigkeit zu zielorientiertem und zeitsparendem Lesen kontinuierlich zu. Aber auch in dieser Lesephase achtet man darauf, genau und gründlich zu arbeiten und den Text durch aktives Befragen zu rezipieren. Alemann und Forndran (1990) schlagen vor, die folgenden Fragen an den Text zu stellen:
„Welche Lösung eines Problems würde ich vorschlagen? Würde ich genauso argumentieren, wie es der Autor tut? Was kenne ich bereits von dem in Frage stehenden Problem? Stimmt die vorgetragene These mit meinen bisherigen Kenntnissen überein? Wie müsste die Argumentation fortgesetzt werden? Welche Bedeutung hat die These für andere Themen? Sind die Begriffe des Autors einheitlich gebraucht und klar definiert? Welche Forschungsmethoden hat der Autor gebraucht? Wären bessere denkbar? Welche Fragen sind durch die Studie nicht beantwortet worden? Welche Elemente im Aussagengebäude des Autors werden von mir nicht akzeptiert – und dies mit welcher Begründung? Weitere Fragen wären denkbar“ (S. 132).
Während dieser ersten, orientierenden Lesephase sollten Sie darauf achten, dass Sie zwar aktiv lesen – d. h. Fragen an den Text stellen – aber nicht zu lange bei nicht voll verstandenen Abschnitten und Aussagen verweilen. Markieren Sie die fraglichen Passagen, um sie später leicht wiederzufinden. In eigenen Büchern oder Kopien kann man gut mit einem Markierungsstift arbeiten; in ausgeliehenen Büchern darf man dies nicht machen. Erstellen Sie Exzerpte erstellen oder kopieren Sie wichtige Kapitel. In Pdf-Dateien und bei eBooks nutzt man die Kommentarfunktion des Readers. Gerd Junne schlägt z. B. die folgenden Markierungszeichen vor, die Sie individuell variieren und Ihren Lese- und Denkgewohnheiten anpassen können:
-
„wichtige Begriffe, Aussagen und Sätze unterstreichen oder anstreichen,
-
unklare Punkte mit einem Fragezeichen versehen,
-
Punkte, die man für besonders treffend hält, z. B. mit einem Ausrufungszeichen kennzeichnen,
-
schwammige, vage Formulierungen, mit denen man nicht einverstanden ist, mit einer Schlangenlinie versehen,
-
Stellen ankreuzen, die man für falsch hält,
-
eventuell die Bezüge einzelner Textstellen zueinander durch Pfeile verdeutlichen,
-
die wichtigsten Gliederungspunkte hervorheben,
-
Abschnitte am Rande markieren und entsprechende Stichwörter dazuschreiben,
-
Aufzählungen von Argumenten am Rande durchnumerieren,
-
insgesamt den Text so strukturieren, dass die Gedankenführung möglichst auch optisch etwas deutlich wird“ (Junne. 1993: S. 25).
Durcharbeiten wichtiger Textpassagen
Nachdem Sie sich einen Überblick über den Text verschafft haben und den Gang der Argumentation wenigstens im Großen und Ganzen nachvollziehen und theoretisch wie methodisch einordnen können, setzen Sie sich im nächsten Arbeitsschritt mit einzelnen Textpassagen auseinander, die Sie im ersten Durchgang nicht verstanden haben oder die Ihnen als besonders wichtig und interessant aufgefallen sind. Vor allem in dieser intensiven Phase des studierenden Lesens sollten Sie die Schlüsselstellen des Textes kritisch befragen, u. a. nach:
-
der genauen Definition und Bedeutung der Schlüsselbegriffe (z. B. Kommunikation, Gesellschaft, Ungleichheit, Demokratie, Macht, Interesse, Legitimität, Souveränität),
-
den aktiven Basiseinheiten, die beispielsweise als konkrete Personen, Rollen, Positionen (Klassen) oder auch als kollektive Akteure (Organisationen oder Staaten) bestimmt sein können,
-
wichtigen Hypothesen – den behaupteten Wirkungszusammenhängen zwischen den Basiseinheiten,
-
wertenden Aussagen, die offen oder implizit formuliert sein können und dann nur indirekt aus dem Text erschließbar sind,
-
der logischen Kohärenz bzw. umgekehrt nach logischen Widersprüchen in der Argumentation: Ist die Aussage A mit der Aussage B vereinbar?
-
der Plausibilität von Hypothesen und ihren Begründungen: Gibt es Gegenbeispiele?
-
den Konsequenzen für die geplante Themenstellung der eigenen Arbeit.
Diese Fragen können Ihnen beim Durcharbeiten schwieriger Texte den Zugang erleichtern. Sie dürfen sich aber nicht der Illusion hingeben, dass sich diese Fragen bei schwierigen Texten leicht beantworten ließen. Sozialwissenschaftliche Autor*innen schreiben manchmal in einer Fachsprache, die im Laufe des Studiums erlernt wird. Es kann durchaus sein, dass ein Text beim ersten Anlauf ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Es ist daher sinnvoll, Texte, mit denen man große Probleme hat, erst einmal beiseite zu legen, um sich ihnen nach einer Phase des Setzens erneut zuzuwenden. Beim zweiten Versuch – vielleicht nach einem weiteren Semester – erschließt sich der Sinn oftmals wesentlich leichter.
Sicherung von Ergebnissen
Studierendes Lesen hat zwei Zwecke: Zum einen soll der Text angeeignet, rezipiert werden; zum anderen soll eine kritische Auseinandersetzung mit ihm stattfinden, deren Ergebnisse im Rahmen der eigenen wissenschaftlichen Arbeit weiterverwendet werden können. Um das erste der beiden Ziele zu erreichen, wurden früher von Studierenden wichtige Textpassagen in einem Notizblock oder auf Karteikarten teilweise wörtlich abgeschrieben, teilweise sinngemäß zusammengefasst. Auf diese Weise entstanden ganze Buchexzerpte. Im digitalen Zeitalter ist diese zeitraubende Arbeitstechnik weitgehend hinfällig geworden. Die Aneignung eines Textes erfolgt heutzutage eher seltener durch Exzerpieren, obwohl auch in den Literaturverwaltungsprogrammen extra Rubriken vorhanden sind, um Zitate und längere Passagen zu notieren. Vielfach bieten sich Anstreichungen und Anmerkungen im Buch, der Kopie oder der Datei mit dem Text an. Eigene Notizen können Sie ebenfalls in einer Literaturdatenbank wie Citavi oder Zotero erfassen. Gestalten Sie Ihre Anstreichungen und Anmerkungen im Text sowie Ihre zusätzlichen Notizen so, dass sie bei einer erneuten Beschäftigung mit dem Text, z. B. zur Vorbereitung auf eine Klausur, für Sie unmittelbar verständlich sind. Der Zeitaufwand zur Wiederaneignung des schon einmal erreichten Wissensstandes sollte möglichst gering gehalten werden. Durch knappe Zusammenfassungen lässt sich dieses Ziel erreichen.
Schließlich sollten Sie die wichtigsten Resultate der Auseinandersetzung mit dem Text schriftlich festhalten. Bemerkenswerte Ergebnisse könnten sein:
-
kritische Anmerkungen zur Theorie, zur Methode, zum empirischen Material und seiner Interpretation, zur verwendeten Literatur oder zur Argumentationsführung,
-
Anregungen zu neuen Hypothesen, zur Strukturierung der eigenen Argumentation, zum geplanten methodischen Vorgehen,
-
Hinweise auf noch unbekannte Literatur und Quellen.
Auf einen sehr wichtigen, diesen Teil abschließenden Punkt weist Gerd Junne hin:
„Notiert werden sollten nicht nur Stichworte zu Inhalt und Kritik des Textes, sondern auch und vor allem eigene Gedanken, Assoziationen und Fragestellungen, die sich bei der Lektüre ergeben, auch wenn sie nicht unmittelbar etwas mit dem bearbeiteten Text zu tun haben. Häufig ist eine Lektüre nicht deswegen fruchtbar, weil in dem zu lesenden Text ausdrücklich etwas drinsteht, was man gut verwenden kann, sondern deswegen, weil die Lektüre Assoziationen und Denkanstöße hervorgebracht hat, die dem Leser sehr viel weiterhelfen als der Text selbst“ (Junne. 1993: S. 27).
4.4 Studien- und Prüfungsleistungen
In modularisierten Bachelor- und Masterstudiengängen schließt man jedes Modul mit einer Prüfung ab. In sozialwissenschaftlichen Studiengängen werden zumeist das Referat, die mündliche Prüfung, die Hausarbeit und die Klausur zur Leistungsüberprüfung und -bewertung genutzt, aber spätestens seit der Corona-Pandemie sind auch internetbasierte Prüfungsformen auf dem Vormarsch. Was zeichnet die unterschiedlichen Prüfungen aus? Wie bereitet man sich am besten vor?
4.4.1 Das Referat
In vielen Seminaren ist das Referieren für Studierende obligatorisch, sei es, damit die aktive Teilnahme bescheinigt werden kann, als Prüfungsvorleistung oder sogar als bewertete Leistung, um ein Modul abzuschließen. Referate können thematisch sehr eng eingegrenzt oder auch offen sein, sie können als Einzel- oder Gruppenleistung erbracht werden.
Texte zusammenfassen und vorstellen
Häufig werden Sie in sozialwissenschaftlichen Seminaren gebeten, einen Text vorzustellen, der thematisch in eine Seminarsitzung einführt, wobei der Text oftmals vom Lehrenden vorgegeben wird. Das Ziel dabei ist, eine gemeinsame Grundlage für eine anschließende thematische Diskussion mit allen Seminarteilnehmer*innen herzustellen. Das bedeutet: Der vorzustellende Text ist nicht seminarfüllend haarklein darzustellen. Vielmehr sollen in kurzer Zeit die Thematik und die Fragestellung, der Argumentationsgang und die zentralen Ergebnisse des Textes vorgestellt werden.
Thematische Vorgabe
Es kann aber auch sein, dass Sie für das Referat eine thematische Vorgabe bekommen und – eventuell gestützt auf Literatur aus einem Reader – selber noch dazu recherchieren müssen.
Nehmen wir an, Sie sollen in einem verwaltungswissenschaftlichen Seminar den Bürgerservice oder das Bürgeramt als zentrale Schnittstelle zwischen Kommunalverwaltung und Einwohner*innen darstellen. Im Reader finden sich Texte zum grundsätzlichen Aufbau des Bürgerservice und dessen Funktionen, aber Sie haben die Aufgabe, dies mit guten und problematischen Beispielen zu unterfüttern. Also ist hier eine Recherche, z. B. auf den Webseiten Ihrer Heimatkommune oder in der Lokalzeitung notwendig, um diese Aufgabe zu erfüllen.
In diesem Fall sind sowohl die Gestaltungsmöglichkeiten größer als auch die Notwendigkeit, eigene Recherchen durchzuführen.
Aufbau
Beim Aufbau eines Referats ist es immer gut, sich an den bekannten Dreischritt von Einleitung, Hauptteil und Schluss zu orientieren. In der Einleitung stellt man den Text bzw. das Thema mit seiner spezifischen Fragestellung und Herangehensweise vor. Der Hauptteil widmet sich, auch mit Unterpunkten, den zentralen Argumenten und Belegen. Im Schlussteil gibt man einen Ausblick, der offene, im Seminar zu klärende oder an den Text oder das Thema anschließende Diskussionspunkte umfassen kann. Es bietet sich an, zu dem Referat Folien, zum Beispiel mit PowerPoint oder einem anderen Präsentationsprogramm zu erstellen. Gut gestaltete Folien unterstützen die Argumentation, bleiben den Zuhörer*innen im Gedächtnis und dienen einem selbst als Gedächtnisstütze. Die meisten Seminarräume sind heutzutage mit einem Beamer ausgestattet, aber man sollte das Vorhandensein und Funktionieren der Technik im Vorfeld überprüfen. Bei Online-Seminaren kann man seinen Bildschirm teilen und die Folien den anderen Teilnehmer*innen zeigen.
„Wissen to go“ – begleitende Materialien
Es ergibt oftmals Sinn, den Zuhörer*innen begleitende Materialien zum Vortrag mitzugeben. Die heutzutage gängige und einfachste Methode ist, die Präsentation vor oder nach dem Referat dem Zuhörerkreis als Datei zur Verfügung zu stellen. Für kleinere Runden kann man die Folien auch als Handout ausdrucken – die gängigen Programme bieten diese Funktion an. Wenn Sie ein Handout vor Ihrem Referat austeilen, dann stellen Sie sich bitte darauf ein, dass die Empfänger*innen dieses zunächst lesen oder durchblättern. Alles, was Sie jetzt sagen, wird kaum rezipiert. Warten Sie einfach kurz mit dem Beginn des Vortrags, bis die Blicke wieder auf Sie gerichtet sind und Sie die Aufmerksamkeit haben. Das Handout vor dem Vortrag zu verteilen, hat für die Zuhörer*innen den Vorteil, dass sie sich weniger Notizen machen müssen: nur das, was nicht schon auf dem Papier steht, zum Beispiel Fragen für die spätere Diskussion. Die Zuhörer*innen können sich stärker auf Ihren Vortrag fokussieren. Der Spannungsbogen bleibt jedoch nur erhalten, wenn Sie nicht nur das Handout vorlesen, sondern weitere, spannende Fakten und Zusammenhänge präsentieren.
Auf einem Handout sollten immer Ihr Name als Verfasser*in, das Datum, die Institution und die Veranstaltung sowie das Vortragsthema angegeben werden. Neben einer strukturierten Wiedergabe des Vortragsinhalts können auch ergänzende Daten oder Grafiken oder eine detaillierte Liste der verwendeten oder vertiefenden Literatur das Handout ergänzen (vgl. Hey. 2019: S. 72–74).
4.4.2 Mündliche Prüfungen
Gesprächssituation im Büro
Mündliche Prüfungen sind Bestandteil vieler sozialwissenschaftlicher Studiengänge. Um diese gut zu meistern, spielt erstens die eigene Kommunikationsfähigkeit eine große Rolle. Diese kann – und sollte – man in Rhetorikseminaren oder vorbereitenden Übungen zu solchen Situationen schulen. Das ist nicht nur für eine konkrete Prüfung sinnvoll, sondern auch für Vorstellungsgespräche in Bewerbungsverfahren. Zweitens spielt immer auch das eigene Auftreten (s. hierzu Kap. 3.3.1) eine Rolle. Bereiten Sie sich inhaltlich gut vor und stellen Sie sich darauf ein, dass mündliche Prüfungen zumeist nicht in einem größeren Seminarraum, sondern im Büro des Prüfers oder der Prüferin stattfinden und von einer beisitzenden Person protokolliert werden.
Per Videostream
Aber auch, wenn die Prüfung online per Videostream durchgeführt wird, sind eine gute Verbindungsqualität, ein deutliches Bild, ein gut verständlicher Ton und ein adäquater Hintergrund bzw. Arbeitsplatz hilfreich. Das heißt: Testen Sie im Vorfeld die Soft- und Hardware, mit der Sie arbeiten. Ein Softwareupdate kurz vor einer Prüfung kann Kandidat*innen schon vor der Prüfung gehörig ins Schwitzen bringen. Ein gutes Headset vermeidet Rückkopplungen, eine gute Videokamera bietet ein klares Bild von Ihnen. Halten Sie gegebenenfalls ein anderes Gerät für den Notfall bereit.
Zwingend erforderlich ist eine gute Vorbereitung der mündlichen Prüfung, denn ordentlich reden zu können reicht nicht aus. Es zählen gute, belastbare und vor allem korrekte Argumente. Worauf kommt es im Einzelnen an?
Thematik
Die Vereinbarung der Prüfungsthematik: Prüfungs- und Studienordnungen legen im Allgemeinen nur fest, in welchen Teilgebieten der Sozialwissenschaften mündliche Prüfungen abgelegt werden müssen oder können. Da die Teilgebiete, z. B. Organisationen, Politik und Verwaltung im internationalen Vergleich oder Gesellschaftlicher Wandel, für ein Prüfungsgespräch zu breit sind, muss zwischen Prüfling und Prüfer*in das Teilgebiet eingegrenzt und der tatsächliche Gegenstand der Prüfung in groben Umrissen abgestimmt werden. Wer die Absprache Prüfer*innen rechtzeitig und sorgfältig angeht, hat schon halb gewonnen. Schlagen Sie unbedingt Teilbereiche vor, die Sie interessieren und bei denen Sie sich grundsätzlich wohlfühlen, weil Sie schon über Hintergrundwissen verfügen. Im Vorbereitungsgespräch oder per E-Mail werden die Themenbereiche festgelegt. Womöglich empfehlen Dozent*innen dazu bestimmte Literatur. Gleichzeitig erhalten Lehrende einen Eindruck davon, mit welchem Ernst und welcher Intensität Sie sich auf die Prüfung vorbereiten. Hier entstehen Eindrücke, die auch in der Prüfungssituation selbst noch Wirkung entfalten.
Fachwissen
Themenspezifisches (fachliches) Wissen: Ein wichtiger Schritt in der Prüfungsvorbereitung besteht in der Selbstvergewisserung des Themenbereichs; dazu gehören vor allem die Definition und die theoretische Verortung der Schlüsselbegriffe sowie die analytische Durchdringung des Themas mit der Festlegung von Betrachtungsperspektiven. Die Berücksichtigung einschlägiger Literatur ist zwingend erforderlich. Mit der Bearbeitung nur eines Buches bzw. eines Studienbriefes der FernUniversität oder gar nur einiger Kapitel aus diesen ist es nicht getan. Natürlich ist auch nicht gefordert, dass Sie sich einen vollständigen Überblick über die zu dem Prüfungsthema existierende Literatur aneignen. Das wäre völlig unrealistisch. Gefragt sind vielmehr Literaturkenntnisse, die der Prüfungsgegenstand selbst nahelegt. Häufig stehen im Mittelpunkt einer Prüfung kontroverse Deutungsmuster von sozialen oder politischen Ereignissen, Prozessen, Strukturen und Institutionen oder die Analyse gesellschaftlicher oder politischer Konflikte. In beiden Fällen ist Literatur zu berücksichtigen, die sowohl die interpretativen wissenschaftlichen Kontroversen als auch die Situations- und Konfliktdeutungen der an dem fraglichen Prozess beteiligten Akteure distanziert und differenziert behandelt. Nicht nur in der Rechtsprechung, sondern auch für die Erklärung und Deutung sozialwissenschaftlicher Phänomene gilt der Grundsatz et auditur altera pars, auch die andere Partei verdient Gehör.
Problemverständnis
Problemverständnis: In mündlichen Prüfungen der Sozialwissenschaften steht das reine Faktenwissen meist nicht im Mittelpunkt. Die Kenntniss der grundlegenden Fakten (vor allem soziale und ökonomische Rahmenbedingungen, rechtlich-institutionelle Regelungen, historische Ereignisse) des jeweiligen Prüfungsgegenstandes sind jedoch die Basis für eine gelungene Prüfung. Daher sind Lücken bei den relevanten Fakten des Prüfungsgebiets schwer verzeihlich. Sie signalisieren den Prüfer*innen, dass die Vorbereitung lückenhaft war. Schließlich werden Themengebiete vereinbart, damit man sich auf grundsätzlich sicherem Terrain befindet und Unkenntnisse beim Faktenwissen den eigentlichen Gegenstand der Prüfung, zumeist eine sozialwissenschaftliche Einordnung dieser Fakten unter Einbeziehung der einschlägigen Theorien, nicht in den Hintergrund drängen. Von den Studierenden wird in der mündlichen Prüfung verlangt, ein Problem zu strukturieren, Erklärungszusammenhänge systematisch darzustellen sowie eine Verortung des behandelten Problems in der sozialwissenschaftlichen Diskussion vorzunehmen. Hierbei ist die analytische Kompetenz, gepaart mit der Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte verständlich zu kommunizieren, ausschlaggebend. Dabei wird nichts Unmögliches verlangt. Es sollen keine neuen Theorien entwickelt werden. Es geht darum, sich im Vorfeld einen profunden Überblick über die Thematik zu verschaffen und die Sachkenntnis dann problemorientiert, ggf. kritisch auf den jeweiligen Sachverhalt anwenden zu können.
Hintergrundwissen
Hintergrundwissen: In die Beurteilung einer mündlichen Prüfungsleistung fließen auch der Umfang des gesellschaftlichen bzw. politischen Hintergrundwissens sowie dessen reflexive Verarbeitung mit ein. Bei einer kurzfristigen, dann notwendigerweise sehr punktuellen Vorbereitung auf eine mündliche Prüfung ist eine Aneignung von Hintergrundwissen nicht möglich. Daher: Pflegen Sie auch Ihr Allgemeinwissen. Der Blick über den Tellerrand hinaus, das grundsätzliche Wissen über soziale Beziehungen, politische Zusammenhänge, Geschichte, Wirtschaft und Recht sind in den Sozialwissenschaften essentiell. Lesen Sie Zeitungen, halten Sie sich – nicht nur als angehende Politikwissenschaftler*innen, für die das Wissen über die aktuelle Politik unabdingbar ist – auf dem Laufenden. Insbesondere sollten Sie in der Lage sein, Fragen zu beantworten, die sich auf jüngste politische und gesellschaftliche Ereignisse beziehen, die für Ihr Prüfungsthema relevant sind.
Die Benotung einer mündlichen Prüfungsleistung hängt nicht zuletzt davon ab, mit welcher Einstellung die Prüfung bestritten wird. Den Prüfer*innen durch eine gute Vorbereitung Interesse am Fach und am Prüfungsgegenstand zu signalisieren zahlt sich ebenso aus wie das Zurechtlegen einer Prüfungsstrategie, in der die Prüfungssituation im Vorhinein durchgespielt wird und mögliche Fragen bedacht und beantwortet werden.
4.4.3 Hausarbeiten
Hausarbeiten sind zentrale Elemente in sozialwissenschaftlichen Studiengängen, da sie sowohl auf die Abschlussarbeit als auch auf eine häufige Tätigkeit im Berufsleben vorbereiten: die schriftliche Präsentation von Arbeitsergebnissen. Eine Hausarbeit bezieht sich thematisch auf eine Lehrveranstaltung, die Sie besucht haben. Daran anschließend ist – zumeist selbständig – eine Fragestellung zu finden, die mit einer schlüssigen Argumentation zu beantworten ist. Wissenschaftliche Literatur ist zu benutzen. Eventuell sind auch empirische Teile enthalten (Datenerhebung und -auswertung). Hausarbeiten sind zumeist als Einzelarbeit zu erstellen; teils sind aber auch Gruppenarbeiten erlaubt oder sogar gefordert (s. Leuze und Unger. 2015: S. 108). Ihr Umfang liegt zumeist zwischen zehn und fünfundzwanzig Seiten.
In einer Hausarbeit werden viele der Elemente gefordert, die in diesem Lehrtext angesprochen wurden. Eine Fragestellung ist zu finden und zu formulieren. Eine oder mehrere passende Theorien sind auszuwählen, damit eine wissenschaftliche Beantwortung der Frage möglich wird. Die geeigneten Methoden sind auszuwählen und das Vorgehen ist zu erläutern. Wenn die Hauarbeit einen empirischen Anteil enthält, sind eine Datenerhebung und -auswertung vorzunehmen. Schließlich ist geeignete Literatur zu recherchieren, zu lesen und zu zitieren und im Literaturverzeichnis nachzuweisen. Und nicht zu vergessen: Die Hauptleistung bei einer Hausarbeit besteht darin, treffend zu formulieren und präzise die Sachverhalte und Ergebnisse zu beschreiben. Summa summarum: Eine Hausarbeit ist eine komplexe Studienleistung, die man nicht mal eben nebenbei schreibt. Konzentriertes Arbeiten über einen längeren Zeitraum ist erforderlich.
Exposé
Wenn eine Hausarbeit als Studienleistung gefordert ist, wendet man sich – am besten frühzeitig – an den oder die betreuende Lehrende. Die Anforderungen werden in einer Seminarsitzung oder in einer Lernumgebung online erläutert. Die Themen werden meist individuell abgesprochen, oder aber es gibt eine Themenliste, aus der man wählen kann. Aber mit einem mündlichen Vorschlag ist es nicht getan. Auch um sich selbst über das Thema klarer zu werden, ist ein Exposé der nächste Arbeitsschritt. In einem Exposé entwickelt man auf knappem Raum (meist zwei bis drei Seiten) die Fragestellung, führt aus, welche Theorien und Methoden man zur Beantwortung verwenden möchte und welche Literatur relevant erscheint. Das Herzstück jedes Exposés ist jedoch eine Gliederung – die Überschriften der einzelnen Kapitel und Unterkapitel. Hieraus geht der Argumentationsgang hervor; Lehrende können ermessen, ob der vorgesehene Umfang erreicht werden kann oder das Thema so breit gewählt ist, dass es die Vorgaben sprengt. Auf Grundlage des Exposés, das gleichzeitig die Basis für die Einleitung der Hausarbeit ist, vergeben die Betreuer*innen das Thema, und die Bearbeitungsfrist startet (s. Stykow. 2020: S. 194).
Anforderungen
Bereits die erste Hausarbeit im Studium enthält die wesentlichen Elemente einer ausgereiften wissenschaftlichen Arbeit. Eine Hausarbeit ist aber keine Forschungsarbeit, sondern bereitet auf die noch zu schreibenden Abschlussarbeiten vor. Man probt im kleineren Rahmen und in der Regel auf Basis von Sekundärliteratur und Sekundärdaten. Im Zentrum steht immer ein Problem, das praktischer oder theoretischer Natur sein kann, zu dessen Klärung Theorien und Methoden der Sozialwissenschaften herangezogen werden. Arbeiten im BA-Studium behandeln Probleme mit einem relativ geringen Komplexitätsgrad, die unter Verwendung einfacher methodischer Instrumente und grundlegender Theorien sinnvoll untersucht werden können. Die Fragestellung wurde von anderen bereits wissenschaftlich bearbeitet. Zu ihrer Klärung kann auf verfügbares Wissen, das hier fallspezifisch anzuwenden ist, zurückgegriffen werden. In die Leistungsbeurteilung von Hausarbeiten im Grundstudium gehen vor allem die folgenden Kriterien ein:
-
Klärung der Fragestellung, ihre Verortung innerhalb der Sozialwissenschaft,
-
Formulierung von Leitfragen,
-
analytische Strukturierung des Argumentationsgangs,
-
Grad der Differenzierung, Definition der Grundbegriffe,
-
Verwendung grundlegender Literatur,
-
Hinweise auf das methodische Vorgehen,
-
korrekte Zitierweise, Literatur- und Anmerkungsapparat,
-
formale Gestaltung (Deckblatt, Gliederung, Orthographie, Syntax etc.).
Die einzelnen Schritte zum Erstellen einer Hausarbeit, von der Ideenfindung bis hin zum eigentlichen Schreiben, werden im Unterkapitel 4.5 ausführlich erläutert.
4.4.4 Klausuren
Klausuren werden häufig genutzt, um den Studienfortschritt abzusichern. In den Sozialwissenschaften wird in Klausuren Wissen und Verständnis abgefragt, in unterschiedlichen Gewichtungen. Die Extremformen sind auf der einen Seite die Multiple-Choice-Klausur, bei der zumeist das Wissen im Vordergrund steht, und die Erörterung eines breiteren Themas in einem freien Text auf der anderen Seite. Mischformen sind möglich. Dies kann sowohl „klassisch“ in Papierform vor Ort in der Universität als auch mittels technischer Hilfsmittel dort oder zu Hause online erfolgen. Zur Vorbereitung jeder Klausur ist es sinnvoll, sich über die Dozierenden oder die Studierendenschaft Klausuren vergangener Semester zu besorgen. Die Art der Klausur und der Fragestellung, die erwarteten Antworten und die Bewertung sind wichtige Anhaltspunkte für die Vorbereitung.
Multiple-Choice-Klausuren
Multiple-Choice-Klausuren werden gerne in Modulen und Studienabschnitten eingesetzt, in denen viele Prüfungsleistungen abzunehmen sind, insbesondere zu Studienbeginn. In dieser Studienphase geht es darum, sich Grundlagenwissen anzueignen, das sich mit dieser Klausurart gut abprüfen lässt. Der Korrekturaufwand ist gering, daher steht diese Klausurart bei vielen Dozent*innen hoch im Kurs. Sie bereiten sich gut vor, wenn Sie
-
den angegebenen Stoff gründlich lernen. Die Vorstellung, dass man spontan aus den vorgegebenen Antworten die richtige errät, trügt;
-
diese Klausurart üben. Greifen Sie auf alte Klausuren zurück. Wer viele Fragen dieses Typus gelesen und gelöst hat, kennt die Fallstricke und wird in der Beantwortung deutlich schneller. Und oftmals ist die Zeit bei dieser Klausurart knapp bemessen, so dass Schnelligkeit wichtig ist;
-
sowohl die Fragen als auch die Antwortvorgaben gründlich lesen. In beiden Teilen arbeiten die Themensteller gerne mit doppelten Verneinungen oder Antwortvorgaben, bei denen richtig oder falsch nur schwer zu unterscheiden sind;
-
die Bewertungsvorgaben kennen und in der Klausur strategisch ankreuzen. Wenn nur richtige Kreuze zählen und überschüssige, falsche Antworten wegfallen, kann man recht risikolos auch Antworten markieren, von denen man nur glaubt, dass sie richtig sein könnten. Wenn aber jedes Kreuz zählt – das Richtige positiv, das Falsche negativ –, muss man sich jede Antwort sehr gut überlegen und darf nur „sichere“ Antworten markieren.
Erörterungen
Widmen wir uns nun den Klausuren, die die Erörterung eines breiteren Themas verlangen. Bei diesem Klausurtyp kommt es darauf an, das ausgewählte Thema – in der Regel stehen zwei oder drei Themen zur Wahl – genau zu erfassen. Da Themen in unterschiedlicher Weise interpretiert und bearbeitet werden können, sind einleitende Ausführungen unabdingbar, in denen sowohl die Problemstellung dargelegt und eingegrenzt wird als auch die Art und Weise ihrer Untersuchung und die Abfolge der Argumentationsschritte zu ihrer Klärung erläutert werden. Nehmen Sie sich die Zeit, nach dem gründlichen Lesen der Themenstellung auf einem „Schmierblatt“ ihre Überlegungen zu notieren. Techniken wie das Mind-Mapping (s. Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden. auf S. 85) können hierbei sehr hilfreich sein. Anschließend bringen Sie diese Überlegungen in eine sinnvolle Reihenfolge: Gliedern Sie die Klausurinhalte.
Einleitung
Beginnen Sie die Klausur selbst mit einer kurzen Einleitung:
-
Welche Frage soll bzw. welche Fragen sollen in der Klausur beantwortet werden?
-
Welche Probleme, die auch behandelt werden könnten, werden aus welchen Gründen nicht behandelt? Worauf wird ein besonderer Akzent gelegt?
-
In welchem Theorierahmen wird das gestellte Problem untersucht?
-
Wie sieht die Abfolge der Argumentationsschritte (Arbeitspakete, Gliederungspunkte) aus, die zur Beantwortung der Klausurfragen führen sollen?
Darstellung und Erläuterung der Gliederung sind also Bestandteile der Einleitung. Ebenfalls in die Einleitung gehören Begriffsklärungen, soweit sie erforderlich sind. Über viele der in der Sozialwissenschaften verwendeten Schlüsselbegriffe, wie Gesellschaft, Organisation, Macht oder Konflikt, besteht kein wissenschaftlicher Konsens. Daher ist es angebracht, die für die Thematik der Klausur zentralen Schlüsselbegriffe kurz zu definieren und darzulegen, in welcher Weise sie benutzt werden. Für die Beurteilung einer Klausur ist eine klar verfasste Einleitung, die auf die oben genannten Fragen eingeht und zeigt, in welcher Weise das Klausurthema bearbeitet werden soll, ein großer Pluspunkt.
Der Hauptteil
Worauf kommt es nun im Hauptteil der Klausur an? Die nachfolgende Zusammenstellung von Kriterien und Fragen gibt einen Überblick, welche Beurteilungsaspekte bei der Bewertung einer Klausur von Bedeutung sind. Die einzelnen Kriterien werden in der Regel unterschiedlich gewichtet werden, aber bei der Bewertung immer eine Rolle spielen:
-
Faktenwissen: Wie umfangreich ist das empirische Wissen über das in der Klausur erörterte Problem? Bezieht sich das Wissen gleichermaßen auf dessen Entstehungs-, Funktions- und Wirkungszusammenhang? Wie präzise werden Ereignisse und Tatbestände dargestellt?
-
Analytische Differenzierung: Werden die verschiedenen Aspekte des untersuchten Problems mit Hilfe systematischer Unterscheidungskriterien erschlossen?
-
Abstraktionsgrad: Ist der Abstraktionsgrad dem behandelten Problem angemessen, oder ist er zu hoch bzw. zu niedrig? Geht die Argumentation über das reine Faktenwissen hinaus? Ist die Argumentation zu allgemein, unverbindlich und undifferenziert?
-
Beispiele: Gelingt es, die abstrakt-differenzierende Darstellung durch passende empirische Beispiele zu konkretisieren oder zu illustrieren?
-
Erklärungswissen: Werden die dargestellten Tatbestände in einen erklärenden Zusammenhang gebracht? Sind die Erklärungen plausibel? Werden sie durch Verweise auf zentrale Autor*innen abgesichert? Wird die herrschende Lehre referiert oder von ihr abgewichen?
-
Verständnis: Zeigt der Argumentationsaufbau der Klausur, dass die Studentin oder der Student sozialwissenschaftlich zu argumentieren versteht? Wird das soziologische, verwaltungs- oder politikwissenschaftliche Erklärungsangebot aufgegriffen, oder wird in Verkennung der gestellten Aufgabe geschichts-, wirtschafts- oder rechtswissenschaftlich argumentiert? Wird die gesellschaftliche oder politische Relevanz des gestellten Themas erkannt?
-
Werturteile: Werden Werturteile nachvollziehbar begründet? Werden implizite Wertungen vorgenommen? Enthält die Klausur Vorurteile? Welcher Art sind die Vorurteile?
-
Argumentationslogik: Ist die Abfolge der Argumente insgesamt und in den einzelnen Abschnitten logisch aufgebaut? Enthält die Klausurarbeit eine klar erkennbare Argumentationslinie oder wird unzusammenhängend argumentiert?
-
Verständlichkeit: Werden die Sachverhalte und Zusammenhänge präzise, nachvollziehbar und angemessen differenziert dargestellt? Ist die Ausdrucksweise dem behandelten Gegenstand angemessen?
-
Form: Ist die Klausurarbeit übersichtlich gestaltet? Enthält sie sinnentstellende grammatikalische oder orthographische Fehler? Hierzu ein Hinweis: Die meisten von uns schreiben heutzutage wenig von Hand. Eine zwei- oder vierstündige Klausur leserlich durchzuschreiben, will auch geübt sein. Wenn Sie wissen, dass Sie eine längere Klausur handschriftlich verfassen werden, dann ist es gut, auch in der Vorbereitung Exzerpte oder Lernergebnisse von Hand zu notieren.
Schlussteil
Schließlich ist für die Beurteilung einer Klausur der Schlussteil, das Fazit, von nicht geringer Bedeutung. Die in der Einleitung aufgeworfenen und im Hauptteil systematisch untersuchten Fragen müssen am Ende der Klausur in einem Fazit, das kurz gehalten sein kann, beantwortet werden. Ohne ein klares Resümee endet die Klausur im Nichts. Im Schlussteil können auch persönliche Statements abgegeben werden. Bei Themen, die zu persönlichen Wertungen herausfordern, mag das sogar angebracht sein. Vor allem aber kommt es darauf an, dass die zu Beginn gestellte Frage im vorgegebenen Rahmen prägnant beantwortet wird.
4.4.5 Internetbasierte Prüfungsformen
In den letzten Jahren haben sich, auch bedingt durch die Corona-Pandemie, internetbasierte Prüfungsformen immer mehr durchgesetzt. Klausuren werden teils zu Hause am PC verfasst. Oder das Studium oder das Semester begleitend sollen unterschiedliche Teilaufgaben, von denen einige oder alle bewertet werden, als Prüfungsleistung eingereicht werden: ein Lehr-Portfolio.
Multiple-Choice-Klausuren online
Klausuren oszillieren online zwischen den Extremen Multiple-Choice und Erörterung, wobei Zwischenformen auch oft genutzt werden, so dass ein Multiple-Choice-Teil und ein Teil mit offenen Fragen zu bearbeiten sind. Neben den oben angesprochenen, klassischen Multiple-Choice-Klausuren auf Papier sind bei den Online-Varianten noch technische Aspekte zu beachten. Ist es möglich, zwischen einzelnen Klausurteilen hin- und herzuwechseln, und wenn ja, wie? Verlieren Sie nicht den Überblick über den Stand der Bearbeitung und beantworten Sie alle Fragen. Außerdem kann die Reihenfolge der Antwortvorgaben in den einzelnen Durchläufen variieren. Am PC oder Tablet ist es meist noch herausfordernder, gründlich zu lesen, vor allem, wenn keine Notizen oder eigene Hervorhebungen im Text möglich sind. Nehmen Sie im Vorfeld Übungsangebote war, vor allem, wenn der Umgang mit der Software und der Art der Fragestellung geprobt werden kann.
Open-Book-Klausur
Erörterungen werden online oftmals als Open-Book-Klausur angeboten, d. h. die Verwendung von Hilfsmitteln wie Büchern oder Webseiten ist grundsätzlich erlaubt. Die Themenstellung einer solchen Klausur wird aber so sein, dass die Beantwortung der Klausurfragen in der knappen Klausurzeit nur möglich sein wird, wenn zuvor im Semester der Grundstock an Wissen – und sei es „nur“ das Wissen davon, wo etwas geschrieben steht – und an Fähigkeiten gelegt wurde. Zu den Fähigkeiten gehört z. B. auch, die verwendeten Quellen bibliographisch richtig am Ende der Klausur aufzuführen, wenn das verlangt wird. In der Form ähnelt eine Open-Book-Klausur einer Hausarbeit, nur dass sie in einer stark begrenzten Zeit geschrieben wird. Hierbei kann schnelles Tippen und das Beherrschen des Programms, mit dem die Klausur erstellt werden soll, deutliche Vorteile bringen. Machen Sie sich im Vorfeld kundig, welche Programme und Hilfsmittel erlaubt sind und wie sie verwendet werden müssen.
E-Portfolio
Ein E-Portfolio ist eine Zusammenstellung von Materialien – Texten, Videos, Audiodateien, absolvierten Übungsaufgaben –, mit der Lernprozesse PC-gestützt dokumentiert und reflektiert werden. Steht dabei die Bewertung der Leistungen der Studierenden im Vordergrund, spricht man von Beurteilungsportfolios (s. Elsholz und Mörth. 2017: S. 4). Die konkrete Ausgestaltung eines Beurteilungsportfolios obliegt den Lehrenden innerhalb der von den Prüfungs- und Studienordnungen vorgegebenen Rahmenbedingungen. Auch hier gilt: Informieren Sie sich frühzeitig, was konkret gefordert und wie bewertet wird: Welcher Art sind die Teilleistungen? Wie und in welchem Zeitraum sollen sie erstellt werden? Wird jede Teilleistung bewertet oder gibt es Prüfungsvorleistungen und nur ein oder zwei zentrale Elemente werden bewertet? Welche technischen Anforderungen gibt es? Versuchen Sie, über died Lehrenden oder Studierende aus vorigen Semestern Praxisbeispiele einzusehen.
4.4.6 Die Bachelorarbeit
Mit der Bachelorarbeit endet das BA-Studium. Sie ist der Nachweis, dass Studierende in der Lage sind, ein fachspezifisches Problem selbständig mit wissenschaftlichen Methoden zu bearbeiten und die Ergebnisse sachgerecht darzustellen (s. BA-Prüfungsordnung der FernUniversität in Hagen der Fakultät KSW). Insbesondere durch das Schreiben von Hausarbeiten nähert man sich dem Ziel an, in einem halben Jahr eine wissenschaftliche Arbeit von 40 bis 50 Seiten zu verfassen. Die BA-Arbeit hat also etwa den dreifachen Umfang einer Hausarbeit. Da sie das Studium abschließt, Sie aber am Beginn des Studiums stehen, werde ich mich in der Folge auf das Schreiben einer Hausarbeit konzentrieren.
4.5 Das Schreiben einer Hausarbeit
Das Schreiben einer Hausarbeit ist die komplexeste und langwierigste Aufgabe, die Sie in den ersten Semestern des Studiums erlernen. Abbildung 13 zeigt die einzelnen Schritte, die dabei durchlaufen werden, was aber nicht immer nacheinander in dieser Reihenfolge geschehen muss. Vielmehr laufen einige Arbeiten parallel ab, und sie beeinflussen sich gegenseitig.
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Die Grafik zeigt einen aufsteigenden Pfeil. Von unten nach oben sind folgende Schritte angeordnet:
- Entwickeln einer Idee
- Überblick verschaffen: Literaturrecherche und -auswertung
- Reduzieren: Identifizieren des Themas im Detail
- Strukturieren: Gliedern und Exposé erstellen
- Beratung durch Dozent*innen
- Feintuning (Literaturempfehlung nutzen; Thema und Gliederung verbessern)
- Schreiben der Hausarbeit
Quelle: Eigene Darstellung.
Entwickeln einer Idee
Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf, um eine Idee zu finden, die zur Hausarbeit werden kann. Und lassen Sie sich inspirieren. Meistens werden Sie die Hausarbeit in einem bestimmten Modul, zu einem Seminar oder einem vorgegebenen Themenbereich schreiben. Hierzu gibt es Lehrmaterialien und Literatur, die Sie inspirieren können. Die Diskussionen in der Lehrveranstaltung – und auch davor und danach, mit Kommiliton*innen, den Lehrenden oder Außenstehenden – können unklare Punkte, ungelöste Probleme, neue Zusammenhänge oder Übertragungsmöglichkeiten auf andere Themenbereiche aufzeigen, an die Sie anschließen können. In Lerngruppen können Sie ein gemeinsames Brainstorming abhalten (zur Methode: Brunner. 2008: S. 124–135). Lassen Sie die Gedanken schweifen, kritisieren Sie in dieser Phase noch nicht, sondern notieren Sie auch zunächst abwegig erscheinende Ideen. „Denn Gold find‘ man bekanntlich im Dreck“, wie Marius Müller-Westernhagen einst sang. Vielleicht ist gerade die schräge Idee genau die, die Sie – oder den oder die Betreuer*in – am meisten interessiert.
Überblick verschaffen: Mind-Maps
Um in dieser Phase zwischen dem Finden der Idee und dem konkreten Gliedern der Hausarbeit sowohl den Gedanken weiterhin freien Lauf lassen zu können als auch erste Strukturen sichtbar zu machen, sind Mind-Maps (Buzan und Buzan. 2020) ein empfehlenswertes Hilfsmittel. Das zentrale Thema wird in die Mitte eines quer liegenden Blatts Papier geschrieben oder durch ein Bild symbolisiert. Dann lässt man sich davon inspirieren, lässt die Gedanken schweifen, notiert sich aber die Stichworte oder zeichnet die Motive, die damit in Verbindung stehen, um das Zentralmotiv herum. Einige Begriffe liegen sehr eng beim Hauptthema, einige schweifen ab. Einige Ideen haben wenig miteinander zu tun und bilden eigene Äste, die sich wiederum verzweigen, aber dann doch wieder mit anderen Teilaspekten in Verbindung stehen, was man mit Pfeilen symbolisieren kann. Insgesamt ergibt sich eine spezifische Struktur von Verbindungen, Zweigen, Pfeilen, Anmerkungen etc.: eine Mind-Map wie in Abbildung 14.
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Im Zentrum steht „COVID-19-Pandemie“. Fünf nummerierte Hauptäste verzweigen sich:
- 1. Start
- China – Wuhan; Italien – Bergamo; Multi-spreader – Ischgl (A).
- 2. Politik national
- Reisebeschränkungen; Bund-Länder-Beratungen; Bundes- vs. Landesregierung; Hilfspakete, Lockdown.
- 3. Gesellschaft national
- Freizeit, Vereine, Kultur; Home Office; Familien, Kinder, Senioren; Protestbewegungen.
- 4. Kommunalverwaltung
- Schulen; Gesundheitsämter; Kontrolle, Ausgangssperren; Orga: Impfzentren. Zu Gesundheitsämtern gehören die Stichpunkte „Quarantäne anordnen“ und „Kontakte verfolgen“.
- 5. International
- Ostasien; Entwicklungsländer; Zusammenarbeit in der EU; Patente von Vakzinen; WHO; USA, GB, Schweden.
Weitere Pfeile verbinden „Multi-spreader – Ischgl (A)“ mit „Reisebeschränkungen“ und mit „Freizeit, Vereine, Kultur“.
Quelle: Eigene Darstellung.
Erläuterung der Mind-Map
Die COVID-19-Pandemie hat die Situation weltweit in den Jahren 2020 bis 2022 stark geprägt und kann daher durchaus als Oberthema für eine Hausarbeit dienen. Als neutralen Startpunkt habe ich „COVID-19-Pandemie“ herausgehoben in die Mitte geschrieben (im Original per Hand, hier nur der Leserlichkeit wegen als Computergrafik abgedruckt). Durch ein Bild hätte man die Pandemie auch symbolisieren können: Eine wissenschaftliche Zeichnung des Virus oder eine Karikatur, ein Patient an der Beatmungsmaschine, ein Impfzentrum oder das Gebotszeichen „Maske benutzen“ hätten sich angeboten, die Gedanken aber vielleicht auch in andere Richtungen gelenkt. Im Geiste habe ich zunächst auf den Beginn der Pandemie zurückgeblickt: Woher kam sie und wie wurde deutlich, wie gefährlich sie war (Ast 1: Start). Die Gedanken wanderten weiter: Wie reagierte die deutsche Politik (Ast 2)? Da ich mich auf die sozialwissenschaftlichen Aspekte fokussierte, notierte ich „Bund-Länder-Beratungen“ und „Bundesregierung vs. Bundestag“. Hier sind schon Spannungsfelder angelegt, die man im Rahmen einer politikwissenschaftlichen Hausarbeit untersuchen könnte.
Wie die nationale Gesellschaft betroffen war, notierte ich in Ast 3. Die Folgen für Familien und Kinder, für ältere Menschen, für Vereine und die Kultur kamen mir ebenso in den Sinn wie die Protestbewegungen, die sich gegen die Corona-Politik der Bundes- und Landesregierungen formierten. Alle diese Zweige könnten Thema einer soziologischen Hausarbeit sein. Aber auch die Kommunal- und Landesverwaltungen waren durch die Corona-Pandemie stark betroffen (Ast 4). Es ging um die Rolle der Gesundheitsämter, die Organisation der Kontaktverfolgung und der Impfzentren, der Überwachung von Ausgangssperren und der Einschränkungen für Handel und Gastronomie sowie der Organisation von Schulunterricht aus der Distanz. Zum Schluss schweiften meine Gedanken wieder ins Internationale (Ast 5): Welche Rolle spielten Internationale Organisationen wie die WHO? Wie haben andere Länder reagiert, z. B. die USA, Großbritannien oder Schweden? Wie war die Lage in den Entwicklungsländern, wie die Zusammenarbeit in der EU?
Und die hier abgebildeten fünf Äste sind längst nicht alles: Die Arbeitswelt fehlt beispielsweise, die Folgen für die Krankenhäuser und das Gesundheitssystem, die Impfstoffentwicklung und vieles mehr sind in der Grafik aus Platzgründen nicht berücksichtigt. Aber an den abgebildeten fünf Ästen hängen viele „reife Früchte“: Hausarbeitsthemen en masse. Auch zwischen den Ästen gibt es Verbindungen, eine davon habe ich mit Pfeilen markiert: Eine Freizeitbeschäftigung – Skifahren mit Aprés-Ski-Partys in den Alpen – führte zu einem Multispreader-Event mit Folgen in vielen europäischen Ländern, das mit dazu beigetragen hatte, dass Reisebeschränkungen eingeführt wurden. Diese hatten wiederum Einfluss auf das Freizeitverhalten. Auch eine solche Dreiecksbeziehung könnte man als Startpunkt für eine Hausarbeit wählen.
Nun ist die Mind-Map-Methode nur eine von vielen, die man nutzen kann, und sie liegt nicht jeder und jedem. Vielleicht mögen Sie eher strengere, verbale Vorgaben? Dann könnten Sie sich eine Tabelle im DIN-A4-Format anlegen, in der Sie nach und nach die Idee, das Thema, Ihren Wissensstand, Ihre Fragen und Ihre Ziele formulieren (s. Abbildung 15). Was für Sie richtig ist, können nur Sie selbst herausfinden. Verschiedene kreative Methoden stellt z. B. Helga Esselborn-Krumbiegel (2021: S. 33–69) vor.
Textfassung der Abbildung · redaktionell übertragen
Leere Arbeitsvorlage mit folgenden Feldern:
- Idee und Thema meiner Hausarbeit
- Was interessiert mich persönlich am Thema?
- Was weiß ich bereits über das Thema?
- Was will ich über das Thema herausfinden (Fragen formulieren)?
- Kommentare (der Dozent*innen, von Kommiliton*innen oder Dritten)
- Meine drei Kernfragen: 1), 2), 3)
- Offene Probleme und Arbeitsschritte
- Die Ziele meiner Arbeit:
Quelle: Eigene Darstellung.
Literaturrecherche und -auswertung
Ist eine Idee da, sollte man sich zunächst einen Überblick verschaffen, was zu diesem oder verwandten Themen schon geschrieben wurde. Finden Sie heraus, welche Themenbereiche wie und von wem wissenschaftlich behandelt und welche Theorien und Methoden angewandt wurden. Hierzu eignen sich insbesondere sowohl entsprechende Überblicksartikel in Handbüchern oder wissenschaftlichen Lexika als auch ein aktuelles Zeitschriftenheft zum Thema. Vielleicht finden Sie sogar eine Sammelrezension in einer wissenschaftlichen Zeitschrift, in der mehrere aktuelle Bücher vorgestellt werden, die sich mit Ihrer Thematik befassen. Nutzen Sie hierzu die Techniken der Literaturrecherche, die in Kapitel 4.2 vorgestellt wurden.
Konkrete Fragestellungen formulieren
Nach dem Einlesen in den Themenbereich kann man den nächsten Schritt machen und eine konkrete Fragestellung formulieren. Wie kann man dabei vorgehen? Spielen wir es an einem konkreten Beispiel durch: Sie haben einen Aufsatz dazu gefunden, wie sich die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern für unbezahlte Haus- und Pflegearbeit während der COVID-19-Pandemie in Italien verändert hat (Meraviglia und Dudka. 2021). Im Abstract heißt es:
„This study examines whether and how the lockdown due to the Covid-19 epidemic affected the division of household activities between partners in a sample of dual-earner heterosexual couples in Italy. Although women have been more and more present on the labor market, inequality in household activities remains high, with Italian women doing 86,4% of house chores and childcare tasks. Past research sought an explanation without reaching consensus, notwithstanding the effort to disentangle three main factors: availability of time, availability of resources, or gender roles. The Covid-19 crisis, which forced many couples to stay at home for at least one month and a half, allows assessing the weight of these different factors in the division of household activities. We conducted an online survey, which one partner per couple has been asked to answer (N = 934 cases, 613 of which are workers of the University of Milan). Our results show that the division of household and care activities remains highly gendered for the more unpleasant tasks, while some others, such as cooking, are less gender sensitive. Women have still a greater burden of house chores and childcare, no matter whether they had their income or suffered some loss, and no matter whether they or their partner worked at home or the workplace. Therefore, we conclude that the lockdown provoked by Covid-19 has shown that gender, intended as a social construction, is still a determinant that explains the inequality in household activities. This result is even more important because the Covid-19 related restrictions might in the future impact women’s careers, already hindered by many factors in the Italian labor market, by assigning them an overload of domestic tasks, especially childcare tasks, such as homeschooling, which will partly continue in the coming months.” (Meraviglia und Dudka. 2021: S. 64)
-
Eine Möglichkeit ist, diese Fragestellung auf ein anderes Land zu übertragen, am einfachsten eines, in dem Sie sich gut auskennen und viele Informationen auf Deutsch verfügbar sind (Schweiz, Österreich oder Deutschland). Also: Wie hat sich die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern für unbezahlte Haus- und Pflegearbeit während der COVID-19-Pandemie in Österreich verändert?
-
Es ist auch möglich, den theoretischen Rahmen auf einen anderen Sachbereich anzuwenden. Im Artikel wird sozialkonstruktivistisch argumentiert, dass durch tradierte Rollenmuster bestimmte Tätigkeiten Frauen oder Männern zugeschrieben werden (Meraviglia und Dudka. 2021: S. 65). Hier wird die Haus- und Pflegearbeit untersucht, aber nicht andere unbezahlte Tätigkeiten wie Gartenarbeit, die Pflege des Autos, handwerkliche Reparaturen oder Renovierungen im Haus und in der Wohnung. Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf die Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern in diesen Bereichen? Eine andere Möglichkeit wäre, auf unentgeltliche Ehrenamtstätigkeit zu schauen – wie wirkte die Pandemie sich hier aus?
-
Der zitierte Artikel stützt sich auf eine internetbasierte Umfrage als Methode, argumentiert daher quantitativ und schaut weniger auf die Feinheiten in den Familien. Um einen tieferen Einblick zu bekommen, wäre es möglich, mittels einiger qualitativer Interviews herauszufinden, welche Auswirkungen die Pandemie auf die interfamiliäre Arbeitsteilung im Detail hatte. Die prinzipiell identische Fragestellung wird also mit einer anderen Methode untersucht.
-
Der Artikel ist der Soziologie zuzuordnen, aber seine Ergebnisse bieten auch politikwissenschaftliche Ansatzpunkte. Wenn das politische Ziel ist, die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern bei der Hausarbeit zu fördern, welche politischen Maßnahmen sind dazu sinnvoll? Um ein solches Thema empirisch-wissenschaftlich anzugehen, ist dazu ein Blick in die Vergangenheit notwendig – was wurde schon versucht, was gelang, was scheiterte? Eine rein normative Betrachtung – was muss man tun, um? – gleitet leicht in Wunschdenken bzw. politische Programmatik ab und könnte damit den wissenschaftlichen Boden verlassen.
-
Im Artikel wird auf bestimmte Muster bzw. Theorien verwiesen, mit denen der Sachverhalt erklärt wird. Sie könnten alternative Theorien, die Sie für passender halten, vorstellen und auf den Sachverhalt anwenden.
Reduzieren: Identifizieren des Themas im Detail
Dies sind nur einige Möglichkeiten, wie man vorliegende wissenschaftliche Ergebnisse in einer Hausarbeit mit anderen Schwerpunkten bearbeiten kann, was gerade am Anfang des Studiums empfehlenswert ist. In der obigen Aufzählung ist immer schon ein Punkt mitgedacht, der in der Abbildung 13 auf S. 84 auch enthalten ist: Ein Thema auf eine hausarbeitstaugliche Größe – zum Beispiel fünfzehn Seiten – zu reduzieren. Denn wenn man fünfzehn Seiten Text zur Verfügung hat, ergibt sich fast zwangsläufig folgende Grobstruktur: Einleitung und theoretischer Rahmen zwei bis drei Seiten, Hauptteil zehn Seiten, Schlussteil (Fazit, Ausblick, Ergebnis etc.) zwei Seiten. Wie wird ein Thema reduziert?
-
Verzichten Sie auf ausschweifende geschichtliche oder theoretische Ausführungen. Es ist klar, dass Sie in einer Hausarbeit auf Vorwissen aufbauen. Ebenso klar ist, dass Sie in einer Arbeit über derzeitige chinesische Politik nicht die Entwicklung seit Ende des Kaiserreichs, ja nicht einmal seit Maos Tod umfassend darstellen können. Es wird auch nicht funktionieren, in einer Arbeit zu einer aktuellen Frage der Religionssoziologie die gesamte, über hundertjährige Theorieentwicklung seit der „Protestantischen Ethik“ eines Max Weber nachzuzeichnen. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Fragestellung, die Sie zeitlich und räumlich entsprechend eingrenzen! Die Hintergrundkenntnisse dokumentieren Sie durch einen oder mehrere einschlägige Literaturverweise.
-
Wählen Sie eine Theorie aus, mit der Sie Ihre Arbeit fundieren. Begründen Sie kurz, warum Sie diese wählen, aber stellen Sie nicht lange mehrere Theorien vor. Verweisen Sie auf die einschlägige Literatur. Eine Ausnahme gibt es: Wenn Ihre Fragestellung einen Theorievergleich vorsieht, wählen Sie zwei oder maximal drei Theorien aus, die Sie dann auf einen Gegenstand anwenden.
-
Das gleiche gilt, wenn Sie Sachverhalte (Länder, Stadtverwaltungen, Familienkonstellationen etc.) vergleichen. Bei zwei – begründet ausgewählten – Vergleichsgegenständen haben Sie im Hauptteil je Gegenstand fünf Seiten, bei drei Gegenständen sind es etwas mehr als drei Seiten.
-
Und auch bei der Auswahl der Methoden gilt: Weniger ist mehr. Eine Auswertung von Literatur ist zumeist die Basis der ersten Hausarbeiten. Man kann eine weitere Methode hinzunehmen, sollte es dann aber dabei belassen.
-
Es ist weiterhin möglich, eine Hausarbeit als Einzelfallstudie anzulegen. Hierbei wird ein Fall, unter einer bestimmten theoretischen Perspektive, empirisch untersucht, wobei unterschiedliche Kriterien zur Fallbeschreibung herangezogen werden. Die Anzahl der Kriterien stellt bei dieser Konzeption den limitierende Faktor dar – in einer fünfzehnseitigen Hausarbeit werden nur die wichtigsten angesprochen werden können.
Die Gliederung: Aussagekräftige Überschriften formulieren und …
Bisher habe ich über die Restriktionen geschrieben, die eine in der Seitenzahl begrenzte Hausarbeit mit sich bringt. Aber es bleiben viele Möglichkeiten offen. Denen widme ich mich jetzt. Zentral für das Schreiben der Hausarbeit ist das Gliedern. Gliedern bedeutet, innerhalb eines Themas Strukturen zu finden und diese mit Überschriften in mehreren Staffelungen zu versehen, die etwas über das (Unter-)Kapitel aussagen. So ist „Theoretischer Rahmen“ – leider – eine recht beliebte Kapitelüberschrift in Hausarbeiten, die aber nichts Konkretes über den Inhalt aussagt. „Theoretischer Rahmen: Niklas Luhmanns Systemtheorie“ ist deutlich vorzuziehen. Ebenso sind wenig konkrete Überschriften wie „Hauptteil“, „Analyse“ oder „Auswertung“ zu meiden.
… die Argumentation logisch strukturieren
Gliederungen spiegeln den theoretischen und methodischen Zugriff auf das behandelte Thema wider. Daher ist eine Gliederung viel mehr als nur eine Einteilung des dargebotenen Stoffes in Kapitel und Unterkapitel. Sie bildet ein theoretisch begründetes Raster zur Strukturierung des Gegenstandes ab. Man sollte sich klar machen, welcher Logik die Argumentation folgt, d. h. wie die Argumente aufeinander folgen sollen, damit das Ganze Sinn ergibt und Leser*innen jederzeit den roten Faden erkennen. Ein eindeutiges Einteilungsprinzip sollte in der Gliederung erkennbar sein und durchgehalten werden. An folgenden Gliederungsgesichtspunkten kann man sich orientieren (nach Kruse. 2000: S. 224–226):
Gliederungsgesichtspunkte
-
Chronologische Gliederung: Besonders bei historisch orientierten Arbeiten ist die Strukturierung nach der zeitlichen Abfolge nahe liegend. Ein Problem bei der chronologischen Gliederung besteht gerade für sozialwissenschaftliche Hausarbeiten darin, nicht zu detailverliebt alle Geschehnisse nachzuerzählen, sondern gezielt zur Beantwortung der Fragestellung zu argumentieren.
-
Diskursive Gliederungsstruktur: Hier orientiert man sich am Verlauf eines Diskurses, entweder – ähnlich der chronologischen Gliederung – nach dem Erscheinen der wichtigsten Veröffentlichungen oder anhand des logischen Aufbaus der Argumentation über einen Sachverhalt. Die Gliederung wird danach ausgerichtet, „welches Argument die Diskussion in welcher Weise beeinflußt hat“ (Kruse. 2000: S. 225).
-
Vom Allgemeinen zum Besonderen: Häufig führt der Weg des wissenschaftlichen Denkens vom Allgemeinen zum Besonderen – sei es eine breit anwendbare Theorie, die auf einen bestimmten Sachverhalt bezogen spezifiziert wird, sei es ein umfangreicher Gegenstand (wie die COVID-Pandemie in der Mind-Map), von dem nur wenige Teilbereiche in einer Hausarbeit untersucht werden können. Diese Gliederungsform ist möglich, birgt aber die Gefahr, dass man den allgemeinen Teil zu breit anlegt und zu globale Aussagen trifft, die das eigentliche Thema nur am Rande streifen.
-
Vom Besonderen zum Allgemeinen: Die umgedrehte Gliederungsart ist ebenso möglich. Man findet in der Empirie auffällige Sachverhalte im Kleinen und versucht sich anschließend an der Verallgemeinerung, d. h. diese Sachverhalte auch in größeren Zusammenhängen zu finden. Oder eine bisher nur für einen kleinen Ausschnitt der Realität bestätigte Theorie wird breiter angewendet.
-
Reihung als Gliederung: Hier besteht die Gliederung in einer Aufreihung gleichwertiger Gesichtspunkte oder Sachverhalte. Z. B. könnten bei Hausarbeiten der vergleichenden Politikwissenschaft im Hauptteil die untersuchten Länder gleichwertig aneinander gereiht werden; die Unterpunkte sind dann für alle Länder gleich.
-
Hierarchische Gliederung: „Es gibt eine eindeutige Gewichtung in den dargestellten Objekten oder Ereignissen. [So] kann es zur Lösung eines Problems verschiedene ‚Subprobleme’ oder verschiedene Gesichtspunkte geben, für die zunächst Lösungen gefunden werden müssen, ehe das eigentlich interessierende Problem behandelt werden kann“ (Kruse. 2000: S. 226).
-
Didaktische Gliederung: Hierbei steht im Mittelpunkt, wie der Text für Leser*innen am besten verständlich und nachvollziehbar sein kann. Es wird überlegt, wie das darzustellende Material systematisch präsentiert wird und wie elementare Voraussetzungen zur Erklärung von komplexeren Zusammenhängen angeordnet werden. Die Gedanken zur oben vorgestellten Mind-Map entsprechen diesem Gliederungsansatz.
-
Anekdotische Gliederung: Hier wird die Gliederung durch illustrative Zitate oder Geschichten strukturiert; dadurch erscheint sie zunächst als unsystematisch, tatsächlich aber ist die Struktur hinter den Anekdoten versteckt. Anekdotische Gliederungen können eher bei Referaten geeignet sein als bei Hausarbeiten; sie „orientieren sich an der flüssigen Präsentation des Materials und einer genauen Dosierung der Information für ein Publikum“ (Kruse. 2000: S. 226).
Diese Gliederungsstrukturen spreche ich detailliert und mit Beispielen versehen in einem Lehrvideo an: https://e.feu.de/glpr. Bei Hausarbeiten sind sie vor allem auf dem Hauptteil anzuwenden, auf den das Video fokussiert.
Nummerierung im Dezimalsystem
Gliederungen werden grundsätzlich nummeriert. In den Sozialwissenschaften hat sich mittlerweile die Dezimalgliederung durchgesetzt. Andere Nummerierungsarten sieht man nur noch selten. Bei der Dezimalgliederung werden die Kapitel, Unterkapitel und weitere Abschnitte jeweils mir Ziffern versehen. Laut DIN 1421 wird dabei nur zwischen den Ziffern ein Punkt gesetzt; nach der letzten Ziffer (auch wenn es nur eine ist!) steht kein Punkt. Außerdem gilt es, eine logische Grundregel zu beachten: Wer A sagt, muss auch B sagen. Bei Gliederungen heißt dies: Gibt es einen Gliederungspunkt 1.1, dann muss es zumindest auch 1.2 geben. Somit sieht die Grundstruktur einer Gliederung formal wie folgt aus:
1 Überschrift des ersten Hauptabschnitts (erste Stufe) 1.1 Überschrift des ersten Unterabschnitts (zweite Stufe)
1.2 Überschrift des zweiten Unterabschnitts 1.2.1 Überschrift des ersten Unter-Unterabschnitts (dritte Stufe) 1.2.2 Überschrift des zweiten Unter-Unterabschnitts
1.3 Überschrift des dritten Unterabschnitts 2 Überschrift des zweiten Hauptabschnitts (zweite Stufe) usw.
Beratung durch Dozent*innen
Im ganzen Prozess des Schreibens einer Hausarbeit werden Sie zumindest an zwei Punkten mit den Lehrenden in Kontakt treten: Zunächst werden Sie ihn oder sie in der Planungsphase ansprechen und über den Plan informieren, in dem Modul, zu dem Seminar oder dem Themenbereich eine Hausarbeit schreiben zu wollen. Wenn schon eine erste Idee vorliegt, ist es gut, sie kurz vorzustellen. Wie dies erfolgt, richtet sich nach den Wünschen des oder der Lehrenden. Einige möchten gerne persönlich in oder nach einer Lehrveranstaltung angesprochen werden, andere mögen das gar nicht. Die Anfrage per E-Mail ist immer der sichere Weg. Wenn Sie auf die erste Anfrage „grünes Licht“ erhalten, machen Sie sich an die Arbeit und erstellen das Exposé. Dieses Exposé ist dann die Basis für eine ausführlichere Beratung, für die Sie einen Termin vereinbaren. Es wird darum gehen, ob die Hausarbeit so wie im Exposé dargelegt geschrieben werden kann, was gut und was zu verbessern ist, welche Probleme auftauchen könnten und wie man sie bewältigen kann. Eine solche Beratung kann im persönlichen Gespräch vor Ort, per Videokonferenz, per Telefon oder auch per E-Mail erfolgen. Bereiten Sie sich auf dieses Gespräch vor, indem Sie sich ihre Fragen notieren, damit Sie diese im Gespräch auf jeden Fall stellen. Es können theoretische Aspekte sein, die noch der Klärung bedürfen, oder methodische. Es können auch noch formale Punkte unklar sein, sei es die Zitierweise betreffend oder wie die Arbeit eingereicht werden soll. Gehen Sie davon aus, dass Sie Anregungen und Hinweise bekommen, so dass Sie ein letztes Feintuning am Projekt vornehmen müssen.
Feintuning
Die Anregungen und die Kommentare der Betreuerin oder des Betreuers oder auch deren Literaturempfehlungen können dazu führen, dass Sie die Fragestellung präzisieren oder die Gliederung nochmals verbessern wollen. Nur selten wird ein Projekt, das vorher schon grob abgesprochen wurde, komplett verworfen. Zumeist geht es darum, sicherzustellen, dass die Grundlagen für eine gute Hausarbeit wirklich gelegt sind, Theorie, Methode und Literatur stimmig sind und die Gliederung weder zu knapp noch zu umfangreich ist.
Schreiben mit der Textverarbeitung
Der konkrete Schreibprozess einer Hausarbeit findet heutzutage am Computer statt, die meistgenutzten Programme sind wohl die Textverarbeitungen MS Word und OpenOffice/LibreOffice Writer. Alternativen sind Pages für den Mac oder das plattformunabhängige Textsatzsystem LaTeX, dessen Vorteile immer deutlicher werden, je länger die Texte sind (z. B. Dissertationen; s. Schlosser. 2021). Ich werde mich hier aber auf ein paar allgemeine Tipps zur Nutzung der gängigen Textverarbeitungsprogramme beschränken. Denn einen Brief bzw. ein kurzes Dokument von fünf Seiten kann man mit ihnen noch „zusammenfrickeln“; aber schon für das Schreiben einer Hausarbeit sollte man einige der bereitgestellten Funktionen nutzen, die im alltäglichen Gebrauch gerne links liegen gelassen werden (ausführlicher zu den Einstellungen in Word: Samac, Prenner und Schwetz. 2014: S. 82–110; Berger. 2022: S. 226–304).
-
Überschriften sollen hervorgehoben, Zitate anders als der normale Fließtext gesetzt und Abbildungen mit einer eigenen Überschrift versehen und nummeriert werden. Formatieren Sie hierbei möglichst wenig „hart“ über die Symbolleiste, mit der Sie direkt die Auszeichnungssymbole nutzen. Wenden Sie vielmehr Formatvorlagen an. Diese haben Namen wir „Überschrift 1“, „Überschrift 2“ oder „Zitat“ und bieten eine konsistente und einheitliche Auszeichnung des markierten Textes im gesamten Text.
-
Wenn Sie Formatvorlagen verwenden, können Sie auch automatisch die benötigten Verzeichnisse (Inhaltsverzeichnis, Tabellenverzeichnis, Abbildungsverzeichnis) erstellen lassen. Der Überschriftentext wird dann automatisch in das Verzeichnis übernommen, und auch die Seitenzahlen kann man hinzufügen lassen. Das ist wesentlich bequemer, als alles manuell zusammenzutragen und zu überprüfen.
-
Wählen Sie eine Schriftart aus, die gut lesbar ist. Serifenschriften wie Times oder Garamond eignen sich gut für den Fließtext, serifenlose Schriftarten wie Arial oder Frutiger sind für Überschriften sinnvoll. Verzichten Sie auf Mischungen von zu vielen Schriften und auf Schmuckschriftarten wie Comic Sans.
Grundsätzlich gilt: Es ist immer besser, überhaupt etwas zu Papier zu bringen bzw. in den Computer zu tippen, als auf die geniale Inspiration zu warten. Otto Kruse (2000) hat seinen Schreibratgeber nicht ohne Grund „Keine Angst vor dem leeren Blatt“ betitelt. Also: Fangen Sie einfach an, selbst wenn sich die ersten Sätze, die Sie eintippen, noch nicht gut lesen lassen. Denn erstens muss man sich auch „warmschreiben“ und eine gewisse Routine beim Formulieren entwickeln, die gerade bei der ersten Hausarbeit noch nicht vorhanden sein wird. Aber wenn die Arbeit fast fertig ist, sollte das Schreiben leichter vonstattengehen. Dann kann man, zweitens, die zuerst geschriebenen Passagen überarbeiten. Oftmals ist es sogar so, dass eine wissenschaftliche Arbeit sich anders entwickelt als in der Einleitung ursprünglich prognostiziert wurde. Dann sollte man sogar die ganze Einleitung oder Teile davon neu schreiben, damit sie zum Hauptteil und zum Schluss passen.
Schreibtypen
Das Schreiben mit dem Computer hat zudem den wesentlichen Vorteil, dass zwar linear gearbeitet kann, dies aber nicht gemacht werden muss. Wie Sie arbeiten, hängt auch davon ab, welch ein Schreibtyp Sie sind. Sind Sie eine Planerin oder ein Planer und arbeiten die in der Abbildung 13 auf S. 84 skizzierten Arbeitsschritte linear ab? Oder sind Sie ein*e Drauflosschreiber*in, für die Schreiben und Denken integral zusammengehören und die Struktur erst später festlegen? Gehören Sie zu den Versionenschreibern, die Texte nicht nur einmal, sondern mehrfach schreiben und mit den Versionen eher unzufrieden sind? Oder zählen Sie zu den Patchworkschreibern, die nach Lust, Laune und Inspiration parallel an unterschiedlichen Textstellen arbeiten und fehlende Teile später einfügen? Alle vier Herangehensweisen haben ihre eigenen Vorteile, die es zu nutzen gilt. Aber auch die Nachteile sollte man kennen und sie möglichst vermeiden (vgl. Scheuermann. 2016: S. 51–60). Das Schreiben mit dem Computer macht es allen Schreibtypen einfacher, da der Speicherplatz für Versionen mittlerweile fast unbegrenzt ist, man auch in längeren Dokumenten gut an die unterschiedlichen Stellen navigieren oder Kapitel hin- und herschieben kann. Überprüfen Sie jedoch, dass keine wesentlichen Teile fehlen, aber auch, dass die Lieblingsteile nicht ausufern, so dass die Hausarbeit dem im Exposé ausgearbeiteten Plan im Wesentlichen entspricht.
Überarbeiten und Korrektur lesen
Jeder Text muss vor der Abgabe überarbeitet und Korrektur gelesen werden – und gerade letzteres sollte man nicht selbst machen, sondern sich an Vertraute (ältere Kommiliton*innen, Familienmitglieder etc.) wenden, die über eine gute Rechtschreibkompetenz und Sprachgefühl verfügen. Wenn Sie niemanden kennen, der oder die das für Sie übernehmen kann, dann gibt es immer noch professionelle Angebote, die man durchaus nutzen kann. Es ist erstaunlich, dass die Ratgeberliteratur auf das Korrekturlesen kaum eingeht. Meiner Erfahrung nach sollte zumindest auf folgende Punkte geachtet werden:
-
Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung: Eine wissenschaftliche Arbeit sollte in einem möglichst fehlerfreien Deutsch verfasst sein – was gar nicht so einfach ist. Während für die einzelnen Worte der Duden immer noch das gängige Nachschlagewerk ist und sie dadurch recht leicht richtig zu schreiben sind, sind die Zeichensetzung und die Grammatik schwieriger zu korrigieren. Sehr empfehlenswert ist, die im Duden vorgeschlagenen Zeichen zur Textkorrektur zu nutzen (Dudenredaktion. 2009: S. 131–136), damit alle Korrekturen einheitlich geschehen und Unklarheiten vermieden werden.
-
Logisches Verständnis des Textes: Als Autorin oder Autor hat man sich über Wochen oder Monate mit dem Thema befasst. Aber erst, wenn andere den Text lesen und kommentieren, merkt man, wo Passagen falsch oder nicht verstanden werden, logische Brüche vorhanden sind oder Übergänge fehlen. Gute Lektor*innen sollten hierzu Hinweise geben.
-
Alternative Formulierungen: Man kommt nicht umhin, zu einem bestimmten Sachthema bestimmte Begriffe immer und immer wieder zu verwenden. Aber die Sprache bietet oftmals auch Alternativen oder Synonyme, und unterschiedliche Verben können Tätigkeiten beschreiben. Mit Hilfe von Thesauri können hier Alternativen gefunden werden.
-
Formatierung: Nutzen Sie Absätze, um semantische Einheiten und Argumentationsschritte voneinander zu trennen und konturierend hervorzuheben. Es kommt immer mal wieder vor, dass der Textsatz verrutscht, die Kopf- oder Fußzeilen falsch gesetzt sind, die Seitenzahlen im Inhaltsverzeichnis nicht mit denen im Text übereinstimmen, eine Grafik nicht nummeriert ist etc. Auch dies ist zu korrigieren.
Sie werden erstaunt sein, wie viele Korrekturzeichen (es empfiehlt sich, die im Duden vorgeschlagenen zu nutzen) Sie in Ihrem Text finden werden, wenn er sorgfältig Korrektur gelesen wurde. Nun ist es an Ihnen, die Korrekturen in den Text einzuarbeiten. Bei Rechtschreibfehlern ist es klar, dass sie zu korrigieren sind. Bei den Vorschlägen, die eher inhaltlicher Art sind, müssen Sie entscheiden, ob und wie Sie diese aufnehmen wollen oder mit dem schon geschriebenen zufrieden sind.
Die Abgabe
Jedenfalls nähert sich jetzt der Tag der Abgabe der Arbeit. Es ist immer sinnvoll, aus der Textverarbeitung heraus zunächst eine Pdf-Datei zu erstellen, da diese rechner- und betriebssystemunabhängig immer gleich ausgedruckt wird. Kontrollieren Sie die Pdf-Datei nochmals am Bildschirm dahingehend, ob alle Seitenzahlen und die Umbrüche stimmen. Ist dem so, reichen Sie die Hausarbeit ein. Heutzutage geschieht dies oftmals digital und Sie laden die Pdf-Datei hoch. Wenn die Hausarbeit noch (teils auch zusätzlich) auf Papier ausgedruckt eingereicht werden soll, dann heften Sie diese in eine ordentliche Mappe, wobei Sie der Umwelt zuliebe auf Plastik verzichten sollten. Senden Sie die Hausarbeit an die annehmende Stelle oder geben Sie sie persönlich ab. Und atmen Sie tief durch: Sie haben’s geschafft!
5 Ausblick: Die Hausarbeit im Modul B1
Wenn Sie diesen Lehrtext durchgearbeitet haben, stehen Sie kurz vor der ersten größeren Aufgabe im B.A. PVS: Das Schreiben der Hausarbeit als Prüfungsleistung für das Modul B1. Die Thematik wird allerdings noch nicht, wie im Kapitel 4 beschrieben, zwischen Ihnen und den Dozent*innen individuell vereinbart. Vielmehr bearbeiten Sie eine vorgegebene Aufgabenstellung, die auf dem Lesen eines wissenschaftlichen Fachaufsatzes beruht.
Die Rezension
Den Fachaufsatz sollen Sie zunächst rezensieren, d. h. den Inhalt wiedergeben, bestimmte Merkmale herausarbeiten und Ihre begründete Kritik, positiv wie negativ, zu diesem Text niederschreiben. Die einzelnen Elemente, auf die Sie dabei eingehen sollen, sind in der Aufgabenstellung und deren Teilaufgaben angegeben. Auch im weiteren Studium wird die Rezeption von sozialwissenschaftlichen Fachtexten absolut notwendig sein. Die Einordnung eines Textes und seine Nutzbarkeit, z. B. als Grundlage für eine mündliche Prüfung oder eine Hausarbeit, wird anhand der im Unterkapitel 2.6 beschriebenen Gütekriterien von Ihnen zu beurteilen sein. Zwar wird man heutzutage kaum noch längere Exzerpte machen, aber sich den Argumentationsgang eines Textes selbst zu notieren, sei es auf einem Blatt Papier oder im PC, sei es mehr oder weniger ausformuliert, in Stichpunkten oder grafisch, erhöht den Lerneffekt und macht Studierende mit wissenschaftlichen Denkfiguren, Vorgehensweisen und Zusammenhängen vertraut.
Das Exposé
Während die Rezensionsaufgaben eher reproduktiv ist, stellt die zweite Aufgabe, das Schreiben eines kurzen Exposés für eine fünfzehnseitige Hausarbeit, Anforderungen an die eigene Kreativität. Ihre Idee sollen Sie entwickeln und in ein handhabbares Hausarbeitskonzept umsetzen. Erste Hinweise zur Nutzung sozialwissenschaftlicher Theorien und Methoden habe ich in Kapitel 2 gegeben; in Kapitel 4 zeige ich auf, wie Sie kreativ Themen finden, auf Hausarbeitsgröße bringen und gliedern können. Im Studium werden Sie weitere Hausarbeiten schreiben, um zum Abschluss mit der Bachelorarbeit ein etwas größeres Projekt in Angriff zu nehmen. Die Exposé-Übung ist dabei der Grundstein, um dies alles erfolgreich zu meistern.
Das Literaturverzeichnis
Um eine wissenschaftliche Arbeit erfolgreich zu schreiben, genügt es nicht, interessante Ideen zu haben und gut schreiben zu können. Es wird immer auch eine akkurate Arbeitsweise mitbewertet, die sich vor allem im Recherchieren der einschlägigen Literatur und ihrer Dokumentation in einem Literaturverzeichnis zeigt. In den meisten Fällen gibt es Vorgaben der Studiengänge oder der Lehrgebiete, an denen Sie sich orientieren sollten. Ein ordentliches Literaturverzeichnis zu erstellen, mag aufwendig sein und als lästig erscheinen. Aber: Es ist gleichzeitig der Teil, auf den immer geschaut wird und in dem Fehler direkt auffallen. Und mit modernen Hilfsmitteln wie den Programmen Citavi, Zotero oder Mendeley wird einem sehr viel Arbeit abgenommen – man bleibt aber immer für das verantwortlich, was man einreicht. Genauso wenig, wie bei Rechtschreibfehlern die Ausrede zieht: „Das hat Word aber so korrigiert!“, so wenig hilft es zu sagen: „Die Daten aus der Datenbank waren leider unvollständig …“. Dann muss man eben nachrecherchieren. Also: Eine formal einwandfreie, in Rechtschreibung und Zeichensetzung korrekte, mit Rand und Seitenzahlen gesetzte und mit einem Titelblatt und einem Inhaltsverzeichnis versehene Hausarbeit ist der Nachweis, dass Sie den ersten Ausbildungsschritt zur Sozialwissenschaftlerin oder zum Sozialwissenschaftler erfolgreich gemeistert haben.
Und wie es in diesem Lehrtext immer wieder anklingt: Diese Kenntnisse und Fähigkeiten werden Sie sowohl in Ihrem weiteren Studium als auch in späteren Tätigkeiten als Sozialwissenschaftler*in immer wieder anwenden. Recherchieren und Materialien auswerten, Schreiben und mündlich Präsentieren, soziale Probleme durchdenken und Lösungen vorschlagen – das sind, in unterschiedlichen Anteilen, Hauptelemente sozialwissenschaftlichen Arbeitens. Ich wünsche Ihnen auf dem Weg, den Sie mit der Aufnahme des BA-Studiums der Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaft, Soziologie an der FernUniversität in Hagen beschritten haben, viel Freude und Erfolg.